Colby äußerte sich bei einer Veranstaltung in Washington. Dort wurde er auf Debatten in Europa angesprochen, ob einzelne Staaten eigene Atomwaffen anschaffen sollten oder ob der französische oder britische nukleare Schutzschirm auf weitere Länder ausgeweitet werden könnte.
Nach seinen Worten gebe es bislang keine glaubwürdigen Hinweise darauf, dass europäische Regierungen ernsthaft planen, eigenständig Atomwaffen zu entwickeln. Ein solcher Schritt würde gegen den Vertrag über die Nichtverbreitung von Kernwaffen verstoßen.
Gleichzeitig hält Colby es für „angemessen und sinnvoll“, dass Europa einen größeren Beitrag zur nuklearen Abschreckung der NATO leistet. Die unabhängigen Atomstreitkräfte Großbritanniens und Frankreichs seien bereits ein wichtiger Teil dieser Abschreckung.
Derzeit gebe es Gespräche darüber, wie diese Fähigkeiten stärker in die NATO-Planung eingebunden werden könnten. Großbritannien habe bereits beschlossen, sich stärker an der nuklearen Abschreckung des Bündnisses zu beteiligen. „Es gibt auch darüber hinaus weiteres Potenzial“, sagte Colby.
Er betonte jedoch, dass Frankreichs nukleare Abschreckung in erster Linie für die Verteidigung Frankreichs konzipiert sei. Eine glaubwürdige Abschreckung auf Länder auszuweiten, die „Hunderte Kilometer entfernt“ liegen, sei deutlich komplizierter, als lediglich politische Erklärungen anzupassen.
Auf die Frage, ob die USA versuchen würden, Deutschland, Polen oder die skandinavischen Staaten von eigenen Atomwaffen abzuhalten, antwortete Colby: „Ja, ich denke, wir würden versuchen, sie davon abzubringen.“ Die Vereinigten Staaten würden ein solches Vorhaben „zumindest entschieden ablehnen“.
„Es ist ein hypothetisches Szenario, aber wir sind gegen eine solche Möglichkeit“, sagte er.
In Polen erklärte Außenminister Radosław Sikorski, sein Land habe von Frankreich bislang keine Einladung erhalten, sich an einer gemeinsamen nuklearen Abschreckung zu beteiligen. Es gebe lediglich „eine Einladung zu Gesprächen“. Polen werde darüber sprechen, sagte Sikorski, warnte jedoch davor, zu weit in die Zukunft zu schauen.
Der französische Präsident Emmanuel Macron hatte am Montag eine neue Vision für die französische nukleare Abschreckung vorgestellt. Er schlug eine engere Zusammenarbeit mit europäischen Partnern – darunter auch Polen – vor und kündigte an, die Zahl der französischen Atomsprengköpfe zu erhöhen.
PAP/IAR/jc