Deutsche Redaktion

Warum sind die Polen empört?

22.06.2026 12:20
Eine ukrainische Einheit trägt den Namen der UPA. Warum sind die Polen empört? Erklärung eines Streits, den viele Ukrainer und Menschen im Westen nicht verstehen.
Fr viele Ukrainer steht die UPA fr den Kampf gegen die Sowjetunion und fr die ukrainische Unabhngigkeit. Fr viele Polen ist sie dagegen untrennbar mit dem Wolhynien-Massaker und dem Tod von mehr als 100.000 polnischen Zivilisten verbunden.
Für viele Ukrainer steht die UPA für den Kampf gegen die Sowjetunion und für die ukrainische Unabhängigkeit. Für viele Polen ist sie dagegen untrennbar mit dem Wolhynien-Massaker und dem Tod von mehr als 100.000 polnischen Zivilisten verbunden.pr

Auslöser der aktuellen Krise ist ein Dekret des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj vom Mai 2026. Anlässlich des Jahrestages der Gründung der ukrainischen Spezialoperationskräfte verlieh er dem Selbstständigen Zentrum für Spezialoperationen „Nord“ – einer der Elite-Kommandotruppen der Ukraine – den Ehrennamen „nach den Helden der UPA“. In der Begründung wurde auf die „Wiederherstellung historischer Traditionen der nationalen Armee“ sowie auf die „vorbildliche Erfüllung von Aufgaben bei der Verteidigung der territorialen Integrität und Unabhängigkeit der Ukraine“ im Krieg gegen Russland verwiesen.

Die Reaktion Polens erfolgte umgehend und ungewöhnlich geschlossen. Selten spricht die nahezu gesamte polnische politische Landschaft – von links bis rechts – mit einer Stimme. Vertreter der Regierung bezeichneten die Entscheidung als „inakzeptabel“ und betonten, sie verletze das Andenken an die Opfer des Wolhynien-Massakers. Das polnische Außenministerium warnte zudem, ein solcher Schritt könne vom Kreml als „Treibstoff für die russische Propaganda“ genutzt werden und Moskau zusätzliche Argumente liefern, um die Ukraine anzugreifen und die westliche Unterstützung für Kiew zu schwächen.

Für viele Ukrainer erscheint die aktuelle Kontroverse um die UPA schwer nachvollziehbar. Die Ukraine führt seit mehr als vier Jahren einen Existenzkampf gegen Russland. Polen und die Polen gehören zu ihren engsten Verbündeten. Warum also entstehen in Warschau jedes Mal politische Turbulenzen, wenn ukrainische Behörden die UPA oder deren Anführer ehren?

Für viele Menschen im Westen wirkt dieser Konflikt wie ein weiterer historischer Streit Osteuropas. Tatsächlich geht es jedoch um weit mehr: um das Gedenken an die Opfer, um unterschiedliche Interpretationen der Geschichte und um die Frage, ob man eine Organisation ehren kann, die zugleich für Freiheit kämpfte und schwere Verbrechen beging.

Dieselbe Abkürzung, zwei völlig unterschiedliche Geschichten

Das größte Problem besteht darin, dass Polen und Ukrainer auf die UPA blicken und zwei völlig verschiedene Dinge sehen.

Was sehen die meisten Ukrainer? 

Für viele Ukrainer ist die Ukrainische Aufstandsarmee (UPA) ein Symbol des Kampfes um die Unabhängigkeit. Es sind Partisanen, die gegen die Sowjetunion kämpften, dem NKWD Widerstand leisteten und über Jahre hinweg versuchten, den Traum eines unabhängigen ukrainischen Staates aufrechtzuerhalten.

Nach der russischen Aggression von 2014 und der groß angelegten Invasion von 2022 gewann dieser Teil der Geschichte noch stärker an Bedeutung. In den Augen vieler Ukrainer steht die UPA für den Widerstand gegen den russischen Imperialismus. Für heutige Soldaten, die bei Bachmut, Awdijiwka oder Charkiw kämpfen, gehört sie zur Tradition des Freiheitskampfes.

Genau deshalb verstehen viele Ukrainer die polnischen Proteste nicht. Aus ihrer Perspektive wirkt die Kritik an der UPA wie ein Angriff auf ukrainische Nationalhelden während eines Krieges.

Was sehen die Polen?

Die Polen betrachten dieselbe Organisation völlig anders. Im polnischen historischen Gedächtnis ist die UPA vor allem für das Wolhynien-Massaker und die Morde an der polnischen Zivilbevölkerung während des Zweiten Weltkriegs verantwortlich. Zu den Opfern gehörten vor allem Frauen, Kinder und ältere Menschen. Nach Einschätzung polnischer Historiker kamen mehr als 100.000 Polen ums Leben. In Polen werden diese Ereignisse als Völkermord eingestuft.

Dabei ist zu betonen, dass sowohl die Täter als auch die Opfer des Wolhynien-Massakers überwiegend Bürger der Zweiten Polnischen Republik waren. Im Jahr 1944, als sich die Tragödie ereignete, existierte kein ukrainischer Staat.

Wenn also der ukrainische Staat die UPA ehrt, empfinden viele Polen dies nicht als Würdigung des Unabhängigkeitskampfes, sondern als Verherrlichung einer Organisation, die für den Tod ihrer Landsleute verantwortlich ist.

Gerade dieser Aspekt wird von ausländischen Beobachtern häufig nicht verstanden. Für Polen ist die UPA nicht in erster Linie ein Symbol des Kampfes gegen die Sowjetunion. Sie wird vor allem mit einer der größten Tragödien der polnischen Geschichte verbunden.

Nach Auffassung Warschaus kann ein Kult um eine Formation, die eine ethnische Säuberung an Zivilisten verübte, nicht akzeptiert werden – selbst dann nicht, wenn sie später gegen den Kommunismus kämpfte.

Warum ist dieser Streit so emotional?

Man stelle sich vor, ein europäischer Staat würde eine militärische Formation ehren und dabei ausschließlich deren Kampf gegen den Totalitarismus hervorheben, gleichzeitig aber verschweigen, dass dieselbe Formation zuvor schwere Verbrechen an Zivilisten begangen hatte. Genau so nehmen viele Polen die heutige ukrainische Erinnerungspolitik gegenüber der UPA wahr.

Das Problem besteht nicht darin anzuerkennen, dass die UPA gegen die Sowjets kämpfte. Das Problem besteht darin, dass der ukrainische Staat häufig ausschließlich diesen Aspekt ihrer Tätigkeit betont und ihre Verantwortung für Verbrechen an Polen marginalisiert oder verschweigt.

Warum ist die Angelegenheit gerade jetzt besonders schmerzhaft? 

Es gibt noch einen weiteren wichtigen Kontext, der im Ausland oft übersehen wird. Seit vielen Jahren bemüht sich Polen darum, umfassende Such- und Exhumierungsarbeiten für die Opfer von Wolhynien durchführen zu können. Für die Familien der Ermordeten ist dies eine Frage elementarer Würde: die sterblichen Überreste ihrer Angehörigen zu finden und ihnen eine würdige Bestattung zu ermöglichen.

In Polen besteht das Gefühl, dass dieser Prozess zu langsam voranschreitet und über Jahre hinweg auf administrative Hindernisse auf ukrainischer Seite gestoßen ist.

Wenn gleichzeitig Gesten erfolgen, die die UPA ehren, wird dies von vielen Polen als Mangel an Empathie gegenüber den Opfern wahrgenommen. In ihren Augen entsteht der Eindruck, dass das Gedenken an die Täter wichtiger sei als das Gedenken an die getöteten Zivilisten.

Bedeutet dieser Streit das Ende des polnisch-ukrainischen Bündnisses?

Nein. Dies ist einer der größten Irrtümer, die sowohl von der russischen Propaganda als auch von einigen ausländischen Kommentatoren verbreitet werden. Die polnische Kritik am Dekret Selenskyjs bedeutet keine Änderung des geopolitischen Kurses.

Warschau bleibt einer der wichtigsten Partner Kiews. Die überwiegende Mehrheit der polnischen politischen Eliten betrachtet Russland weiterhin als die größte Bedrohung für die Sicherheit Europas und unterstützt den ukrainischen Kampf um Unabhängigkeit. Gleichzeitig erwarten die Polen, dass eine enge Partnerschaft auf gegenseitigem Respekt und Verständnis beruht – auch im Umgang mit einer schwierigen gemeinsamen Geschichte.

Die Kritik an der UPA bedeutet keine Unterstützung der russischen Narrative. Im Gegenteil. Viele polnische Politiker weisen darauf hin, dass die Verherrlichung der UPA dem Kreml fertige Argumente für die Propaganda über eine angeblich „nazistische Ukraine“ liefert.

Aus Sicht Warschaus stärken solche Entscheidungen Kiew nicht, sondern erschweren dessen Kampf um internationale Unterstützung.

Was sollten die Ukrainer verstehen? 

Die Mehrheit der Polen stellt weder das Recht der Ukraine auf eine eigene nationale Erinnerungskultur noch das Recht infrage, Menschen zu ehren, die für die Unabhängigkeit des Landes gekämpft haben. Das Problem entsteht dort, wo die Erinnerung an den Freiheitskampf die Erinnerung an die Opfer vollständig überlagert.

Die polnische Empörung resultiert nicht in erster Linie aus einer Ablehnung der Ukraine. Sie entspringt vielmehr der Überzeugung, dass echte Versöhnung zwischen Nationen die Anerkennung der gesamten historischen Wahrheit erfordert – auch der schmerzhaftesten Teile.

Für viele Polen führt der Weg der Ukraine zu einer vollständigen Integration in die Europäische Union nicht allein über wirtschaftliche Reformen, militärische Erfolge oder die Mitgliedschaft in westlichen Institutionen. Er führt auch über eine ehrliche Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte.

Autor: Katarzyna Semaan, Polnischer Rundfunk