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Ukrainische Archäologin: Exhumierungen sind „Baustein“ für polnisch-ukrainische Freundschaft

11.08.2026 09:50
Die gemeinsamen polnisch-ukrainischen Exhumierungsarbeiten auf dem Gelände der ehemaligen Dörfer Ostrówki und Wola Ostrowiecka im Westen der Ukraine sind abgeschlossen. Nach Angaben der ukrainischen Archäologin Alina Charłamowa wurden dabei die sterblichen Überreste von insgesamt 55 Menschen geborgen. Die Leiterin des Forschungsteams der ukrainischen Institution „Wolhynische Altertümer“ sieht in der Zusammenarbeit mit der polnischen Seite zugleich einen Beitrag zur Versöhnung zwischen beiden Ländern.
Die Toten sollen christlich bestattet werden. Charłamowa sieht darin einen kleinen Baustein fr das Fundament der polnisch-ukrainischen Freundschaft.
Die Toten sollen christlich bestattet werden. Charłamowa sieht darin „einen kleinen Baustein für das Fundament der polnisch-ukrainischen Freundschaft“.Wojciech Olkuśnik/East News

„Alle Arbeiten in Ostrówki und Wola Ostrowiecka wurden abgeschlossen“, sagte Charłamowa in einem Interview mit dem Polnischen Rundfunk. Insgesamt seien die Überreste von 55 Menschen exhumiert worden. 48 von ihnen stammten aus einem Massengrab in Wola Ostrowiecka. In Ostrówki wurden nach ihren Angaben die Überreste von sechs Menschen aus einem weiteren Massengrab sowie die Überreste einer Person aus einem Einzelgrab geborgen.

Die Exhumierungen stehen im Zusammenhang mit den Verbrechen an der polnischen Bevölkerung in Wolhynien während des Zweiten Weltkriegs. Die Ereignisse von 1943 und 1944 sind bis heute ein besonders sensibles Thema in den polnisch-ukrainischen Beziehungen. In Polen werden sie häufig als Wolhynien-Massaker oder Wolhynien-Verbrechen bezeichnet, in der Ukraine ist unter anderem die Bezeichnung „Wolhynien-Tragödie“ gebräuchlich.

Bestattung der Opfer geplant

Für Charłamowa ist die Bergung der menschlichen Überreste nicht das Ende der Arbeit. Die Toten sollen anschließend christlich bestattet werden. „Alle diese menschlichen Überreste werden auf christliche Weise bestattet, und die Angehörigen werden die Möglichkeit haben, ihren Großvätern und Großmüttern, die in jener Zeit ums Leben gekommen sind, die letzte Ehre zu erweisen“, sagte sie.

Eine solche Bestattung habe auch eine symbolische Bedeutung für die Beziehungen zwischen Polen und der Ukraine. „Ich denke, dass dies ebenfalls ein kleiner Baustein für das Fundament der polnisch-ukrainischen Freundschaft ist“, sagte die Archäologin.


Verletzungen an Skeletten festgestellt

In Polen wird im Zusammenhang mit den Verbrechen in Wolhynien häufig auf die besondere Brutalität der Tötungen hingewiesen. Bei den nun untersuchten sterblichen Überresten seien tatsächlich Verletzungen festgestellt worden, sagte Charłamowa. An einem Teil der Skelette habe man sowohl mechanische Verletzungen als auch Schussverletzungen festgestellt.

Eine Bewertung der damaligen Taten als Ausdruck besonderer Grausamkeit wollte sie daraus jedoch nicht unmittelbar ableiten. „Inwieweit dies jedoch mit einem solchen Zynismus oder einer solchen Grausamkeit geschehen ist, kann ich nicht beurteilen“, sagte sie.

Dabei müsse auch der historische Kontext berücksichtigt werden. „Zumal es eine völlig andere Zeit war, eine schreckliche Zeit“, sagte Charłamowa. Gleichzeitig erinnerte sie daran, dass auch Ukrainer von polnischer Seite getötet worden seien. Deshalb würde sie nicht von einer besonderen Grausamkeit sprechen, „wenn man eben jene Epoche berücksichtigt“.

Enge Zusammenarbeit mit polnischen Forschern

Die ukrainische Archäologin zog zugleich eine positive Bilanz der Zusammenarbeit mit den polnischen Fachleuten vor Ort. Insbesondere die Kooperation mit Vertretern des polnischen Instituts für Nationales Gedenken (IPN) sei sehr gut verlaufen. Zwischen den Mitgliedern der beiden Teams seien „sehr freundschaftliche Beziehungen“ entstanden.

„Tatsächlich haben wir als ein Team gearbeitet“, sagte sie. Sie hoffe deshalb, dass die Zusammenarbeit auch in Zukunft fortgesetzt werde. „Ich bin den polnischen Kollegen sehr dankbar für ihre gute Einstellung und hoffe, dass sich unsere Beziehungen weiterentwickeln und dass wir auch weiterhin gemeinsam Such- und Exhumierungsarbeiten durchführen werden.“

Nach Angaben Charłamowas konzentrierte sich die Zusammenarbeit im Alltag vor allem auf die fachlichen Fragen der Exhumierungen. Größere Auseinandersetzungen über die Interpretation der historischen Ereignisse habe es nicht gegeben.

„Auf beiden Seiten des Teams waren Fachleute. Alle wussten genau, was zu tun war und welche Etappen wir durchführen mussten. Deshalb gab es dort keinerlei Probleme.“


Keine Angst vor Desinformation

Die Arbeiten wurden nach Angaben polnischer Vertreter von einer Welle von Desinformation und antiukrainischen Kommentaren in den sozialen Medien begleitet. Charłamowa sagte jedoch, dass sie und ihr Team dadurch keinen besonderen Druck verspürt hätten.

„Wir alle wissen, dass es in denselben sozialen Medien sehr viele Bots gibt, die bezahlt werden, darunter auch solche, die von russischer Seite bezahlt werden.“

Deshalb hätten sowohl die ukrainische als auch die polnische Seite den zahlreichen Kommentaren im Internet keine übermäßige Bedeutung beigemessen.

Archäologische Arbeit mit politischer Bedeutung

Charłamowa sieht die Arbeit ihres Teams nicht nur als wissenschaftliche und historische Aufgabe. Mit den Exhumierungen verbindet sie auch die Hoffnung auf eine langfristige Verbesserung der Beziehungen zwischen Polen und der Ukraine.

„Wir hoffen, dass unsere Arbeit dazu beitragen wird, gute nachbarschaftliche Beziehungen zu Polen aufzubauen“, sagte sie. „Darauf hoffen wir sehr.“

Die beiden Länder müssten aus ihrer Sicht bereit sein, sich mit der gemeinsamen und zugleich schmerzhaften Geschichte auseinanderzusetzen. „Wir hoffen, dass sich unsere beiden Staaten dennoch versöhnen, die Fehler auf beiden Seiten anerkennen und dass es in Zukunft keine solchen politischen Konflikte und Krisen mehr geben wird.“


PR/jc