Deutsche Redaktion

Der Tag, an dem Bolesław Bierut in Szczecin ausgepfiffen wurde

19.05.2026 08:43
Im Jahr 1946 war Szczecin noch ein Trümmerfeld. Doch es gab Hoffnung: Über den Amtsgebäuden wehten nun polnische Flaggen. Der Mythos der „wiedergewonnenen Gebiete“, so wichtig er für uns Polen bis heute ist, gehörte auch zur Propaganda der Kommunisten. Dabei waren die Sowjets in Szczecin alles andere als willkommen.
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Whrend der Jugendkundgebung Trzymajmy straż nad Odrą im April und Mai 1946 in Szczecin kam es nach dem Auftritt Bieruts zu Unruhen.
Während der Jugendkundgebung „Trzymajmy straż nad Odrą” im April und Mai 1946 in Szczecin kam es nach dem Auftritt Bieruts zu Unruhen.(NAC)

Im April 1946 glich Szczecin einer Ruinenstätte. Die historische Altstadt war verschwunden, das einst von Slawen errichtete Schloss der Pommerschen Herzöge stark beschädigt. In der Odermetropole keimte neben den vielen Magnolien aber auch wieder so etwas wie Hoffnung auf. Über den erhaltenen Amts- und Regierungsgebäuden hing jetzt der weiße Adler. Immer mehr Polen kamen an der Oder an, flohen aus den östlichen Gebieten, die sich die UdSSR einverleibt hatte. Der polnische Bauingenieur Piotr Zaremba hatte die Übernahme von den Deutschen erfolgreich organisiert, wurde anschließend zum Stadtpräsidenten ernannt.


Der Stalinist Bolesław Bierut war von den antikommunistischen Reaktionen in Westpommern überrascht. Hier ist er mit dem künftigen Bürgermeister der Odermetropole Piotr Zaremba zu sehen. (NAC) Der Stalinist Bolesław Bierut war von den antikommunistischen Reaktionen in Westpommern überrascht. Hier ist er mit dem künftigen Bürgermeister der Odermetropole Piotr Zaremba zu sehen. (NAC)

Trotz des Schweriner Grenzvertrags vom 21. September 1945 blieb die Lage für die in Szczecin ankommenden Polen allerdings monatelang unsicher. Dies lag nicht nur an der damaligen fragilen politischen Situation (folglich der noch nicht endgültig gelösten Frage, ob die Stadt auch langfristig polnisch bliebe), sondern insbesondere an der ständigen Präsenz sowjetischer Soldaten sowie ihrem Verhalten. Was die Deutschen nicht „zu Ende“ gebracht hatten, erledigten jetzt die Russen: Die Zerstörung, Demontage und Verschiffung von großen Infrastrukturobjekten waren unübersehbar. Die Rotarmisten wurden in Westpommern keineswegs als „Befreier“ wahrgenommen, zumal viele Neu-Szczeciner aus der Gegend um Lwów stammten und mit solcherlei „Befreiungsaktionen“ bereits bestens vertraut waren.


Die Veranstaltung diente eigentlich der Legitimierung der neuen polnischen Westgrenze, über die noch nicht endgültig entschieden worden war. Was aber viele Polen durchschauten: Es sollte auch der Machtsicherung der Kommunisten dienen. (NAC) Die Veranstaltung diente eigentlich der Legitimierung der neuen polnischen Westgrenze, über die noch nicht endgültig entschieden worden war. Was aber viele Polen durchschauten: Es sollte auch der Machtsicherung der Kommunisten dienen. (NAC)

Deshalb wurden auch die neuen polnischen Machthaber dort alles andere als herzlich empfangen. Für viele Polen (vor allem für die patriotisch gesinnte und an der Oder sehr aktive Jugend) war klar, dass die sich in rascher Folge abwechselnden Regierungen (PKWN, RTRP, TRJN) sowjetische Schöpfungen waren und an der Spitze des neu entstehenden Einparteienstaates ein von den Sowjets gesteuerter Politiker steht - Bolesław Bierut. Dieser bekam die ganze Abneigung der jungen Polen (darunter zahlreicher Pfadfinder) gleich im April 1946 zu spüren, als er in Szczecin eine Kundgebung besuchte. An die erste antikommunistische Demonstration im Nachkriegseuropa erinnert Wojciech Osiński.