Deutsche Redaktion

"Deutschland ist nicht mehr das gelobte Land"

05.01.2026 10:41
Auch die polnischen Tageszeitungen kommentieren den Trendwechsel in Bezug auf polnische Arbeitskräfte in Deutschland. Staatspräsident Nawrocki lässt in einer aktuellen Umfrage alle anderen Politiker weit hinter sich. Und: Wollen heißt nicht immer können. Mehr dazu in der Presseschau.
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DZIENNIK/GAZETA PRAWNA: Deutschland ist nicht mehr das gelobte Land

Über Jahrzehnte hinweg war Deutschland ein wichtiges Zielland für Migranten aus Polen. In jüngster Zeit zeigt sich jedoch ein gegenläufiger Trend: Zunehmend mehr Polen entscheiden sich für eine Rückkehr in ihre Heimat. Ursache dafür ist nicht allein die angespannte wirtschaftliche Lage in Deutschland. Darauf weist die polnische Wirtschaftszeitung Dziennik/Gazeta Prawna unter Berufung auf deutsche Medien hin.


Demnach verzeichnete Deutschland im Jahr 2024 erstmals seit 25 Jahren einen negativen Wanderungssaldo gegenüber Polen. Mehr als 12.000 Polen mehr verließen das Land, als neu zugezogen sind. Die Zeitung erinnert daran, dass Deutschland seit der Wiedervereinigung 1990 lange Zeit als wirtschaftlicher Magnet für seine östlichen Nachbarn galt. Ausschlaggebend war vor allem die ökonomische Stärke des Landes. Heute leben laut offiziellen Angaben mehr als 860.000 polnische Staatsangehörige in Deutschland – sie stellen damit die fünftgrößte ausländische Bevölkerungsgruppe. Die Zahl der Menschen mit polnischen Wurzeln wird sogar auf rund 2,2 Millionen geschätzt.

Polnische Arbeitskräfte gelten in Deutschland als gut integriert und als wichtige Stütze des Arbeitsmarktes, fährt das Blatt fort. Sie arbeiten unter anderem in der Pflege, im Reinigungssektor sowie als Ingenieure oder Ärzte. Auch bekannte Persönlichkeiten mit polnischen Wurzeln – wie der Fußballer Lukas Podolski oder der frühere CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak – sind fester Bestandteil der deutschen Öffentlichkeit.


Dennoch habe sich im Verhältnis beider Länder etwas verändert, lesen wir weiter. Umfragen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zeigen, dass Polen häufiger als andere Migrantengruppen über einen Wegzug aus Deutschland nachdenken. Als Gründe nennen 38 Prozent eine als übermäßig empfundene Bürokratie, 17 Prozent berichten von Diskriminierungserfahrungen. Nach Einschätzung von Kamila Schoell-Mazurek, der Vorsitzenden des Polnischen Sozialrats, gibt es in Deutschland belegte Fälle von Benachteiligung gegenüber Polinnen und Polen – unter anderem aufgrund ihres Akzents. Auch strukturelle Diskriminierung spiele eine Rolle. Hinzu kämen wirtschaftliche und politische Faktoren: Trotz der seit 2011 geltenden Arbeitnehmerfreizügigkeit seien viele polnische Abschlüsse nicht anerkannt, Aufstiegschancen begrenzt, Beschäftigung oft schlecht bezahlt, schreibt Dziennik/Gazeta Prawna.

RZECZPOSPOLITA: Nawrocki klar vor Tusk

Karol Nawrocki ist der klare Sieger einer aktuellen Umfrage des Instituts SW Research im Auftrag von Rzeczpospolita. In der Erhebung erhielt der amtierende Präsident fast 38 Prozent der Stimmen – mehr als viermal so viel wie der zweitplatzierte Donald Tusk.
Die Zeitung sieht einen möglichen Zusammenhang zwischen dem starken Ergebnis Nawrockis und der schwachen Bewertung von PiS-Chef Jarosław Kaczyński, der lediglich auf 0,9 Prozent kam. Auf Platz zwei folgt Donald Tusk mit fast 9 Prozent, knapp dahinter Außenminister Radosław Sikorski mit beinahe 8 Prozent.


Auffällig ist zudem, dass mehr als ein Fünftel der Befragten – 21,8 Prozent – keine Meinung dazu hatte, wer derzeit als größter Gewinner der polnischen Politik gelten kann. Die Ergebnisse decken sich mit der Einschätzung von Łukasz Pawłowski, dem Leiter der Forschungsgruppe OGB. Er verweist darauf, wie schnell Nawrocki an Bekanntheit gewonnen habe. Noch vor einem Jahr sei er vielen Wählern kaum ein Begriff gewesen, heute habe er über zehn Millionen Stimmen erhalten und sei der populärste Politiker des Landes.
Gleichzeitig äußert Pawłowski Zweifel, ob Nawrocki diesen Erfolg im kommenden Jahr wiederholen kann. Seiner Einschätzung nach könnte der radikale

Grzegorz Braun 2026 zum größten politischen Gewinner werden. Die Regierungskoalition werde den Wahlkampf voraussichtlich als Entscheidung zwischen einer Fortsetzung der Regierung Tusk oder einer Machtübernahme durch Braun gemeinsam mit Kaczyński und Mentzen darstellen, so Pawłowski in Rzeczpospolita.

WIĘŹ.PL: „Wollen reicht nicht“

Der Slogan „Wollen heißt können“ hält der Realität oft nicht stand. Denn wollen bedeutet zunächst nur eines: einen Wunsch zu haben. Können hingegen ist eine ganz andere Frage, lesen wir in dem Quartalsmagazin Więź. Wie jedes Jahr ist der Januar geprägt vom sogenannten Neuanfangs-Effekt. Dieses psychologische Phänomen soll dafür sorgen, dass Menschen sich zu symbolischen Zeitpunkten – etwa zum Jahreswechsel – besonders motiviert fühlen, ihr Leben zu verändern. Entsprechend dominieren Parolen wie „Neues Jahr, neues Ich“ die öffentliche Debatte.

Fitnessverträge werden abgeschlossen, Diäten geplant, Trainingsprogramme erstellt. Doch geht es dabei tatsächlich um Gesundheit und notwendige Bewegung – oder eher darum, einer unausgesprochenen Norm zu entsprechen, die ständige Selbstoptimierung verlangt? Besonders problematisch erscheint dabei der Satz „Wollen heißt können“. Er klingt eingängig, eignet sich für motivierende Tassen oder Social-Media-Posts – zerbricht aber schnell an der Wirklichkeit. Denn Wollen und Können sind nicht automatisch deckungsgleich. Manchmal gehen sie Hand in Hand, oft jedoch entwickeln sie sich auseinander. Und das ist kein persönliches Versagen.

Wenn Wunsch und Möglichkeit zusammenkommen, kann daraus tatsächlich etwas Besonderes entstehen. Wenn nicht, braucht es keine weiteren motivierenden Schlagworte. Nötig sind vielmehr drei weniger medienwirksame, aber umso wichtigere Dinge: Empathie, Realismus – und die Akzeptanz, dass wir manchmal schlicht hilflos sind, stellt Więź zum Jahresanfang fest.

Autor: Jakub Kukla


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