DO RZECZY: „Magyar wird Brüssel sehr schnell enttäuschen"
Das konservative Wochenblatt Do Rzeczy warnt vor voreiligen Hoffnungen auf einen proeuropäischen Kurswechsel in Budapest. Wie Chefredakteur Paweł Lisicki in seinem Kommentar zu den Wahlen in Ungarn betont, sei Peter Magyar keineswegs der liberale Hoffnungsträger, als den ihn viele in Brüssel sehen wollen. Zwar habe der TISZA-Chef in der Schlussphase des Wahlkampfs antirusssische Rhetorik bemüht und den Slogan „Russen nach Hause" skandiert – doch dies sei in erster Linie gegen Orbán gerichtet gewesen, nicht Ausdruck einer grundlegenden außenpolitischen Neuorientierung.
In zwei zentralen Fragen, so Lisicki, werde sich unter Magyar wenig ändern: beim Widerstand gegen einen EU-Beitritt der Ukraine und bei den Energielieferungen aus Russland. Er sei überzeugt, dass Magyar die Brüsseler Führung sehr schnell enttäuschen und keineswegs ein großer Enthusiast des ukrainischen EU-Beitritts sein werde. Es gebe schlicht objektive Interessen, die es einem ungarischen Regierungschef unmöglich machten, diesen Beitritt zu befürworten, da er für Ungarn wirtschaftlich verheerend wäre.
Auch einen Bruch mit Moskau hält Lisicki für unwahrscheinlich. Die Veränderungen würden eher rhetorischer Natur sein. Ungarn müsse seine Rohstoffe irgendwoher beziehen – Öl und Gas. Als Binnenstaat ohne Meerzugang sei die Abhängigkeit von russischen Lieferungen eine geographische Realität, die kein Regierungswechsel ändern könne, so der Chefredakteur von Do Rzeczy.
DZIENNIK GAZETA PRAWNA: „Die Provinz wandte sich von Orbán ab"
Auch der Publizist und ehemalige Diplomat Piotr Skwieciński hält den Enthusiasmus vieler linksliberaler Kommentatoren für verfrüht. Magyar, erinnert der Autor in einer Analyse für das Wirtschaftsblatt Dziennik/Gazeta Prawna, sei kein klassischer linksliberaler Politiker, bei dem man sicher sein könne, dass er alles demontieren werde, was den ungarischen Sonderweg vom europäischen Mainstream unterschieden habe. Kenner beschrieben ihn als kulturell im traditionellen ungarischen Patriotismus verwurzelt, mit konservativer Neigung – was der Mehrheit der liberalen Fidesz-Gegner eher fremd sei.
In der TISZA-Partei, betont Skwieciński, fänden sich zahlreiche ehemalige Fidesz-Aktivisten und politische Debütanten, deren Hintergrund nicht mit der liberalen Linken identisch sei. Magyars Wahlkampfrhetorik lasse sich der Formel zusammenfassen: „Fidesz, aber ohne Diebstahl und Oligarchie." Allerdings werde der Druck der EU-Verbündeten der TISZA auf die Umsetzung einer linksliberalen Agenda erheblich sein.
Bemerkenswert, lesen wir, sei, dass Orbán – entgegen düsterer Prophezeiungen – keinen Staatsstreich unternommen, keine Panzer auffahren lassen und die Wahlergebnisse eindeutig anerkannt habe. Ähnlich wie die PiS vor zweieinhalb Jahren in Polen. Damit sei die einzige nachträgliche Infragestellung von Wahlergebnissen in Europa bisher das Werk des linksliberalen Lagers gewesen – in Rumänien 2024. Die Rechte habe unter diesem Aspekt eine sauberere Bilanz.
Die zentrale Lehre aus Budapest: Der Kulturkampf verliere gegen die Abscheu vor Korruption, Oligarchisierung und das Gefühl der Stagnation. Für Magyar habe nicht nur das liberale Budapest gestimmt, sondern auch ein großer Teil der konservativen Provinz – dort, wo unter jüngeren Menschen das Gefühl verbreitet sei, dass die lokalen Orbán-Eliten berufliche Entwicklungsmöglichkeiten blockierten. Die Kampagne des Orbán-Lagers habe auf der Wiederholung aller bekannten PR-Motive früherer Wahlkämpfe beruht, nach dem Prinzip: Was immer geholfen habe, werde auch jetzt helfen. Doch die Welt verändere sich, und die Weigerung, diese Prozesse wahrzunehmen, führe zur Niederlage. Übrigens soll Viktor Orbán selbst lange Zeit von diesem Bewusstsein geprägt gewesen sein. Dass dies offenbar nicht mehr der Fall ist, ist ein trauriges Beispiel dafür, wie langjährige Machtausübung den Geist zersetzt, so Skwieciński in Dziennik/Gazeta Prawna.
FORSAL.PL: Japanische Drohne soll die Kriegsökonomie umkehren
Das Wirtschaftsportal Forsal.pl berichtet über eine japanisch-ukrainische Rüstungskooperation, die das Potenzial habe, die Kräfteverhältnisse an der Front grundlegend zu verändern. Jakub Laskowski beschreibt darin die strategische Partnerschaft zwischen der japanischen Firma Terra Drone und dem ukrainischen Start-up Amazing Drones, die Ende März in Kiew besiegelt worden sei. Ihr gemeinsames Projekt, die Abfangdrohne Terra A1, ziele auf ein zentrales Dilemma der modernen Kriegführung: die groteske Kostendiskrepanz zwischen billigen Angriffsdrohnen und teurer Flugabwehr.
Russland setze in der Ukraine Drohnen vom Typ Shahed-136 ein, deren Stückkosten auf 30.000 bis 40.000 Dollar geschätzt würden. Ihre Bekämpfung mit klassischen Flugabwehrraketen, die bis zu zwei Millionen Dollar pro Stück kosteten, führe zu dem Paradox, dass die Verteidigung um ein Vielfaches teurer sei als der Angriff. Die Terra A1 solle diese Logik umkehren: Ihr Preis werde lediglich 2.000 bis 3.000 Dollar betragen, bei einer Geschwindigkeit von bis zu 300 Stundenkilometern und einer Reichweite von 32 Kilometern. Der elektrische Antrieb reduziere zudem die Geräuschentwicklung erheblich, was die Entdeckung durch gegnerische Systeme erschwere.
Die Entwicklung finde nicht im Labor statt, sondern direkt in Charkow, wenige Kilometer von der Frontlinie entfernt. Die ständige Zusammenarbeit mit dem ukrainischen Militär ermögliche die sofortige Umsetzung von Verbesserungen. Für Japan habe das Engagement auch eine strategische Dimension: Angesichts wachsender Bedrohungen durch Russland, China und Nordkorea investiere Tokio massiv in den Verteidigungssektor. Die Kooperation mit der Ukraine verschaffe Japan Zugang zu einzigartiger Kampferfahrung, insbesondere im Bereich der Drohnenkriegsführung, so Forsal.pl.
RZECZPOSPOLITA: Polnischer KI-Gigant investiert an der Weichsel
Mati Staniszewski, Gründer und Chef des auf elf Milliarden Dollar bewerteten KI-Einhorns ElevenLabs, hat in das Warschauer Start-up Replenit investiert, das die Handelsbranche revolutionieren will, berichtet die konservativ-liberale Rzeczpospolita. Die von türkischen Gründern in der polnischen Hauptstadt aufgebaute Firma habe in einer Pre-Seed-Runde 2,5 Millionen Dollar eingesammelt – eine der höchsten Summen, die in Polen auf dieser frühen Entwicklungsstufe in den letzten Jahren erzielt worden seien. Mitgeführt werde die Runde von den polnischen Fonds Movens Capital und Vastpoint.
Replenit entwickle einen KI-gestützten Entscheidungsmotor für den Einzelhandel, der Kaufsignale der Kunden in Echtzeit in individualisierte Empfehlungen umwandle. Anders als herkömmliche Systeme, die auf historischen Daten basierten, interpretiere die Technologie Verhaltenssignale als Absichtsindikatoren und ahme dabei Prozesse nach, die dem menschlichen Denken ähnelten. Das Start-up arbeite bereits mit über 30 globalen Marken zusammen, darunter L'Occitane und iBOOD.
Dass die türkischen Gründer ausgerechnet Warschau als Firmensitz gewählt hätten, sei kein Zufall, lesen wir weiter. Mehrere von ihnen hätten in Polen studiert oder lebten seit Jahren an der Weichsel. Karolina Kukiełka von Vastpoint betone, die Vielfalt des Ökosystems sei ein Schlüsselfaktor für dessen langfristigen Erfolg – je mehr internationale Teams von Polen aus aufbauten, desto größer sei die Chance, dass das nächste globale Einhorn genau hier entstehe. Dank eines Jahrzehnts überdurchschnittlichen Wirtschaftswachstums und der Aufnahme in die G20 werde Polen zu einem der dynamischsten Technologiezentren Europas, das Start-ups nicht mehr nur aus der Ukraine und Belarus anziehe, sondern zunehmend auch aus dem Baltikum und der Türkei, so die Rzeczpospolita.
Autor: Adam de Nisau