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PiS-Rechtskurs: „Durchdachte Strategie" oder „gescheitertes Experiment"?

16.07.2026 13:30
Der scharfe Rechtskurs der PiS und der Umgang der Partei mit der Ukraine-Frage sind ein wichtiges Thema der polnischen Pressekommentare. Verfolgt Przemysław Czarnek mit seinen antiukrainischen Tönen ein durchdachtes Kalkül – oder handelt es sich um ein gescheitertes Experiment, das der Partei mehr schadet als nützt? Was bedeutet das für die polnische Staatsräson? Und: Schreibt der Schiedsrichter Szymon Marciniak beim WM-Finale am Sonntag ein weiteres Kapitel polnischer Fußballgeschichte? Mehr dazu in der Presseschau.
Vielleicht gibt es in der PiS derzeit gar keinen Streit um die politische Linie. Vielleicht handele es sich um eine durchdachte Strategie zur Erweiterung des Whlerpotenzials: Czarnek spreche die Anhnger der nationalistischen Konfederacja an, whrend Kaczyński ihn zurechtweise, um das eigene Zentrum zu beruhigen. Ist das machiavellistisch? Die pol
Vielleicht gibt es in der PiS derzeit gar keinen Streit um die politische Linie. Vielleicht handele es sich um eine durchdachte Strategie zur Erweiterung des Wählerpotenzials: Czarnek spreche die Anhänger der nationalistischen Konfederacja an, während Kaczyński ihn zurechtweise, um das eigene Zentrum zu beruhigen. Ist das machiavellistisch? Die polPAP/Radek Pietruszka

RZECZPOSPOLITA: Das schwierige Schicksal der polnischen Staatsräson
Wie Hubert Skalik in der konservativ-liberalen Tageszeitung Rzeczpospolita schreibt, versuche der Kandidat der nationalkonservativen Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) für das Amt des Ministerpräsidenten, Przemysław Czarnek, erneut, sich bei der radikalen Rechten anzudienen und antiukrainische Stimmungen anzuheizen. Er wolle die Europäische Union dazu drängen, ihre Waffenhilfe für die Ukraine einzustellen, solange das Land nicht den Weg „prohumaner Werte" einschlage. Gemeint sei damit wohl die nächste Runde des Streits mit dem östlichen Nachbarn über die Vergangenheit und die Verbrechen der ukrainischen Aufstandsarmee UPA aus dem Zweiten Weltkrieg, lesen wir. Den Orden des Weißen Adlers hat Polen Präsident Selenskyj bereits aberkannt – ohne erkennbaren diplomatischen Erfolg. Nun sollen offenbar noch schärfere Sanktionen angedroht werden. Das sei weder umsetzbar noch Ausdruck von Dialog, sondern wirke eher wie ein grobes Druckmittel, heißt es in dem Kommentar. Diplomatisches Fingerspitzengefühl sehe anders aus.

Nach außen entstehe jedoch der Eindruck, in der PiS seien unterschiedliche Stimmen zu hören, heißt es weiter. Parteipolitiker vertreten Positionen, die der eigenen Partei schaden könnten. Przemysław Czarneks Rolle als Wahlkampfgesicht der PiS scheine sogar auf der Kippe zu stehen. Doch ist das tatsächlich so, fragt der Autor. Oder handle es sich vielmehr um eine Strategie, mit unterschiedlichen Botschaften verschiedene Wählergruppen anzusprechen? Die Töne mögen unterschiedlich sein – das Publikum werde aber größer.

Sollte Polen die Ukraine im Krieg gegen Russland weiterhin militärisch unterstützen? Einer aktuellen Umfrage im Auftrag der Tageszeitung zufolge spreche sich zwar nur eine knappe Mehrheit dagegen aus, doch die Zahl der Gegner weiterer Militärhilfe sei bemerkenswert hoch. Angesichts der polnischen Staatsräson und der enormen Unterstützung, die die polnische Gesellschaft der Ukraine geleistet hat, sei das ein auffälliger Stimmungswandel. Offenbar spiele für viele kaum noch eine Rolle, dass die Ukraine Europa vor einer weiteren Eskalation des Krieges schütze – obwohl russische Sabotage- und Subversionsaktionen, darunter der Drohnenangriff auf Polen im vergangenen Jahr, die Bedrohung deutlich machen, schreibt Skalik.

Wie es weiter heißt, unterstützten derzeit knapp 90 Prozent der Wähler der Regierungskoalition die militärische Hilfe für die Ukraine. Bei den Oppositionswählern seien hingegen 64 Prozent gegen weitere Militärhilfe. Czarneks Botschaft richte sich damit genau an die rechte Wählerschaft. Beide nationalistischen Parteien der Konfederacja gewännen an Einfluss. Ihnen Stimmen abzunehmen, sei einer der wenigen Wege, im Rennen mit der regierenden Bürgerkoalition in den Umfragen aufzuholen. Die andere Möglichkeit wäre, das viel beschworene politische Zentrum anzulocken. Dem Autor zufolge sei es jedoch zersplittert und kehre der Politik zunehmend den Rücken zu.

Vielleicht gebe es in der PiS also gar keinen Streit um die politische Linie, so das Blatt. Vielleicht handele es sich um eine durchdachte Strategie zur Erweiterung des Wählerpotenzials: Czarnek spreche die Anhänger der nationalistischen Konfederacja an, während Kaczyński ihn zurechtweise, um das eigene Zentrum zu beruhigen. Ist das machiavellistisch? Die polnische Politik habe schon vieles erlebt. Leidtragende sei dabei jedoch die polnische Staatsräson. Sie müsse immer wieder herhalten, um nicht dem nationalen Interesse, sondern den eigenen politischen Zielen einzelner Parteien zu dienen, lautet Hubert Skaliks Fazit in der Rzeczpospolita.

WIRTUALNA POLSKA: Wohin steuert die PiS?
Vor einigen Monaten habe sich die PiS für einen deutlichen Rechtskurs entschieden. Hierfür habe sie ihren ehemaligen Bildungsminister Przemysław Czarnek als Kandidaten für das Amt des Ministerpräsidenten ins Spiel gebracht. Inzwischen spreche aber vieles dafür, dass diese Entscheidung ein Fehler gewesen sei. In den kommenden Wochen müsse die PiS nun klären, wie es weitergehen solle, schreibt Barbara Brodzińska-Mirowska für das große Nachrichtenportal Wirtualna Polska.

Wie wir lesen, sei der Kurswechsel nach rechts eine direkte Reaktion auf die wachsende Konkurrenz am rechten politischen Rand gewesen. In den vergangenen Monaten habe sich die größte Oppositionspartei somit aktiv an der Verbreitung antiukrainischer Parolen beteiligt. Die jüngsten Äußerungen über eine Blockade des EU-Beitritts der Ukraine, ein Ende der militärischen Unterstützung sowie über eine angeblich wiedererstarkende „nationalsozialistische Ideologie" in der Ukraine, von der Przemysław Czarnek sprach, hätten inzwischen sogar den Parteivorsitzenden Jarosław Kaczyński zum Eingreifen gezwungen. Geht es nach der Autorin, schade die pragmatische Instrumentalisierung der Ukraine-Frage für parteipolitische und kurzfristige Zwecke den Interessen Polens. Sie verstärke nur noch weiter antiukrainische Stimmungen unter Polen, die sich zunehmend auch im Alltag zeigten. Für Polen bedeute das nur Verluste, heißt es. Und für die PiS? Entgegen den Erwartungen der Parteiführung bleibe der politische Gewinn gering.

Derzeit spreche vieles dafür, dass das Experiment der Radikalisierung den erhofften politischen Effekt verfehlt habe. Zwar habe der Abwärtstrend bei den Umfragewerten gestoppt werden können. Doch die nationalistische Konfederacja liege der PiS seit Wochen dicht auf den Fersen. Ersten Umfragen zufolge würden die kleineren radikalen Rechtsparteien gemeinsam bereits sogar vor der Partei von Jarosław Kaczyński liegen. Eine einzelne Umfrage sei noch kein Beleg für einen Trend, so die Autorin. Sie sei jedoch ein Warnsignal für die PiS, dass sich bestimmte politische Stimmungen möglicherweise zu verfestigen begönnen. Schon bald beginne die neue politische Saison – und zugleich das Wahljahr. Wenn die PiS ihre Strategie ändern wolle, bleibe dafür nicht mehr viel Zeit. Solche Signale habe die Partei bislang selten ignoriert. Wie wird es diesmal sein, lautet Barbara Brodzińska-Mirowskas Frage auf WP.

WPROST: Wird Marciniak das WM-Finale leiten?
Polen ist bei der diesjährigen Fußball-Weltmeisterschaft zwar nicht dabei, hofft aber weiterhin auf eine Rolle beim Turnier. Die FIFA muss noch zwei Spiele mit Schiedsrichtern besetzen: das Spiel um Platz drei am Samstag sowie das Finale der Fußball-Weltmeisterschaft 2026 am Sonntag. Das Endspiel steht dabei besonders im Fokus. Der polnische Schiedsrichter Szymon Marciniak könnte zumindest hier ein weiteres Kapitel der WM-Geschichte für Polen schreiben. Darüber berichtete das Wochenmagazin Wprost bereits mehrfach während des Turniers. Marciniak wäre damit nicht der erste Pole in einem WM-Finale. Bereits Michał Listkiewicz war 1990 als Linienrichter beim Endspiel in Rom im Einsatz, als Deutschland Argentinien mit 1:0 besiegte.

Der Schiedsrichter aus Płock hat bei der laufenden Weltmeisterschaft bislang zwei Partien als Hauptschiedsrichter geleitet – die Gruppenspiele Argentinien gegen Algerien sowie Ägypten gegen den Iran. Spekulationen über einen Einsatz des polnischen Schiedsrichters im WM-Finale 2026 gebe es zudem nicht nur in Polen. Bereits zu Beginn der WM-Finalrunde sollen Journalisten der französischen Sportzeitung L'Équipe Szymon Marciniak zu den Favoriten für die wichtigsten Ansetzungen der FIFA gezählt haben.

Wie der ehemalige Leiter der Schiedsrichterkommission des Polnischen Fußballverbands, Zbigniew Przesmycki, im Gespräch mit dem Wochenmagazin erklärt, falle die Entscheidung über die Besetzungen für das Spiel um Platz drei und das Finale erst nach dem Halbfinale. Derzeit würden alle Schiedsrichter auf die Entscheidung warten und seien mental vorbereitet. „Sie setzen sich aber nicht unter Druck, unbedingt das Finale leiten zu müssen. Das ist aus meiner Sicht die richtige Einstellung", sagt der ehemalige Unparteiische.

Mit Blick auf Marciniak zeigt sich Przesmycki optimistisch: „Angesichts seiner Persönlichkeit und der hohen Wertschätzung, die er beim wahrscheinlich besten Schiedsrichter aller Zeiten, dem Italiener Pierluigi Collina, genießt, habe ich schon vor der Weltmeisterschaft gesagt, dass er zum zweiten Mal ein WM-Finale leiten könnte. Die Voraussetzungen dafür sind günstig, auch weil einige andere Schiedsrichter nicht ihre beste Form gezeigt haben", lautet Przesmyckis Prognose im Gespräch mit Wprost.

Autor: Piotr Siemiński

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