RZECZPOSPOLITA: „Der Hammer der NATO über dem Königsberger Gebiet"
Die konservativ-liberale Rzeczpospolita kommt auf die außergewöhnliche Aktivität alliierter Luftstreitkräfte über Nordpolen und den baltischen Staaten zurück – und warnt davor, sie als bloßes Säbelrasseln abzutun. Wer das tue, mache es sich zu einfach, schreibt der Verteidigungsjournalist Marek Kozubal. Man müsse den Kontext und die künftigen Konsequenzen sehen.
Entscheidend, so der Autor, sei, welche Maschinen im polnischen Luftraum aufgetaucht seien: Flugzeuge, die Kommunikation, Radar und Navigationssysteme stören und das elektromagnetische Umfeld kartieren könnten. Die Manöver seien mit Operationen an der NATO-Ostflanke im Rahmen von Eastern Sentry verbunden gewesen und hätten unter US-Kommando gestanden. Da sie nicht öffentlich angekündigt worden seien, lasse sich annehmen, dass es sich um einen Test der schnellen Reaktion des Bündnisses gehandelt habe – für den Fall, dass Russland sich zu einem begrenzten Angriff auf einen NATO-Staat entschließe. Die Antwort wäre dann höchstwahrscheinlich die vollständige Isolierung des Kaliningrader Gebiets, anschließend die Identifizierung und Zerstörung der Ziele. Diesmal, so der Autor, könnte es also eine offensive Übung gewesen sein. Ein entsprechendes Signal sei wohl auch nach Moskau gegangen.
Und was habe die NATO an den Grenzen der Exklave konkret getan? Geht es nach Kozubal, habe sie das Potenzial der russischen Streitkräfte in dieser Ostseeregion genau kartiert – umgangssprachlich gesagt: sämtliche Militärfahrzeuge gezählt und erfasst. Geprüft worden sei zudem, ob Russland Anlagen für Schläge etwa mit Langstreckendrohnen auf Deutschland, Schweden, die Niederlande oder Großbritannien errichte. Das Schauspiel habe außerdem gezeigt, dass die Amerikaner trotz der Rhetorik der Trump-Administration über eine Verringerung ihrer Präsenz in Europa weiter vor Ort seien und bleiben würden. Mehr noch: Im Falle eines Bruchs des Status quo durch Russland solle ein Schlag gegen Kaliningrad das Halten des Suwałki-Korridors absichern, um die Streitkräfte der baltischen Staaten unterstützen zu können.
Bemerkenswert sei in diesem Zusammenhang die Reaktion von Belarus – genauer: deren Ausbleiben. Sicher sei, dass Minsk selbst bei einem begrenzten russischen Schlag gegen ein NATO-Land militärisches Hinterland wäre und Putins Aufgaben erfüllen würde, was eine Vergeltung des Bündnisses nach sich ziehen könne. Derzeit aber deuteten die Signale aus der Administration Lukaschenkas auf ein Abschwächen der Kriegsrhetorik hin: Die belarussischen Befehlshaber würden von einer stabilen Lage an der Westgrenze sprechen, auch die Kommunikationskanäle blieben erhalten. Ob dies nur Maskirowka sei oder das Bewusstsein, dass ein Krieg in der Region die Reste der Eigenständigkeit dieses Staates beseitigen würde, darüber lasse sich nur spekulieren.
Russland verfüge nicht über das Potenzial für einen umfassenden Angriff auf NATO-Staaten, führe aber bereits hybride Aktivitäten unterhalb der Kriegsschwelle, so Kozubal weiter. Analysten würden ein Szenario erwägen, das einen Schlag gegen ein NATO-Land oder eine Provokation auf der Ostsee vorsehe – um den Westen über Eskalation und die Drohung mit Nuklearwaffen zu Zugeständnissen und zu Friedensgesprächen über die Ukraine zu zwingen. Vor solchen Tests hätten seit einiger Zeit auch Vertreter der Nachrichtendienste gewarnt; in der Rzeczpospolita habe zuletzt der Chef des Auslandsnachrichtendienstes AW, Oberst Paweł Szota, erklärt, Russland betrachte Polen als Hindernis.
Was man beobachtet habe, lasse sich deshalb auch als bewusstes Anheben des Spannungsniveaus und als Übernahme der Initiative deuten – bislang sei es Russland gewesen, das seine Nachbarn erpresst habe. Suche man eine historische Analogie, ließe sich die Operation mit einer Miniaturausgabe jener amerikanischen Militäraktion während der Kubakrise vergleichen. Das Signal sei eindeutig gewesen: Man ziehe sich nicht zurück, im Gegenteil, man sei sogar zu „heißen" Aktionen bereit. „Interpretieren wir das als Stärkung der Glaubwürdigkeit der Abschreckung", schließt Marek Kozubal in der Rzeczpospolita.
GAZETA WYBORCZA: Die Angst vor dem Einberufungsbefehl
Die linksliberale Gazeta Wyborcza richtet den Blick auf die andere Seite dieses Kräftemessens – die russische Innenansicht. Wiktoria Bieliaszyn beschreibt eine wachsende Kluft: Während die Führung in Moskau versichere, eine Mobilmachung sei weder geplant noch zu erwarten, fürchteten immer mehr Russen genau dieses Szenario.
Der ständige Vertreter Russlands bei den Vereinten Nationen, Wassili Nebensja, habe am Freitag erklärt, eine Massenmobilisierung sei derzeit nicht nötig und, soweit ihm bekannt, weder geplant noch zu erwarten. Ähnlich hätten sich Ende Juli der stellvertretende Vorsitzende des Sicherheitsrates, Dmitri Medwedew, der die Berichte als Unsinn und als Teil der Propaganda vor den Wahlen bezeichnet habe, sowie der Vorsitzende des Duma-Verteidigungsausschusses, Andrej Kartapolow, geäußert. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow habe zu Selenskyjs Behauptung, Moskau plane die rasche Einberufung mehrerer Hunderttausend Russen, lediglich angemerkt, der ukrainische Präsident wisse offenbar besser über russische Pläne Bescheid als man selbst – und dazu aufgerufen, keinen „Gerüchten" zu glauben.
Diese Beteuerungen wirkten jedoch nicht, konstatiert die Autorin. Selbst Umfragen staatlicher Institute zeigten, dass der Anteil der Russen, die glaubten, die schwersten Zeiten lägen noch vor ihnen, auf 70 Prozent gestiegen sei. Als eine der Ursachen würden Soziologen die Angst vor der Mobilmachung nennen. Sichtbar werde das auch im Netz: Die Redaktion von „Werstka" habe Daten zu den meistgesuchten Begriffen ausgewertet. Die Frage, ob es eine Mobilmachung geben werde, habe im Juli Rekordpopularität erreicht – 204.000 Suchanfragen bei Yandex und den Höchstwert von 100 Punkten bei Google. Auch die Anfrage nach der „Mobilmachungsreserve" habe im Juli erstmals den Maximalwert erreicht. Das Portal Meduza wiederum weise darauf hin, dass das Vertrauen der Russen in die Behörden grundsätzlich schwinde – bestätigt selbst durch staatliche Umfragen. Man erinnere sich zu gut an den Schock der „Teilmobilmachung" vom September 2022, die faktisch in verdeckter Form bis heute andauere. Auch damals hätten die Behörden versichert, es werde keine Mobilmachung geben, und dazu aufgerufen, „Gerüchten" nicht zu glauben.
Die Recherchen unabhängiger Redaktionen zeichneten ein anderes Bild. „Werstka" und „Waschnyje Istorii" hätten sich unter Berufung auf acht Quellen aus dem Umfeld der Präsidialadministration und auf Gesprächspartner aus den Streitkräften auf Vorbereitungen für eine neue, massenhafte Mobilmachung vor den Duma-Wahlen im Herbst berufen. Beunruhigt über die Lage an der Front, beabsichtigten die Behörden demnach, zwischen 300.000 und 500.000 Menschen einzuziehen. Zehntausende erhielten bereits Benachrichtigungen, in denen detailliert beschrieben werde, wie im Fall einer Einberufung zu verfahren sei. Zudem sei ein elektronisches Register der Einberufungsbescheide eingeführt worden – erscheine der Bescheid dort, sei die Ausreise aus dem Land bereits blockiert.
Hintergrund seien anhaltende Rekrutierungsprobleme. Ein Beamter der Moskauer Stadtverwaltung habe berichtet, die Hauptstadt habe im April 2026 1.708 Menschen an die Front geschickt, im Mai 1.378 – rund tausend weniger als ein Jahr zuvor. Nach Angaben von „Waschnyje Istorii" sei das Tempo bei der Anwerbung von Vertragssoldaten im letzten Quartal 2025 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um die Hälfte eingebrochen, und der Abwärtstrend halte 2026 an. Militärangehörige hätten den Journalisten gegenüber erklärt, die seit 2026 eingetroffenen Vertragssoldaten seien nicht kampftauglich: Viele würden von der Front fliehen, die Einheiten seien zu 30, bestenfalls 40 Prozent aufgefüllt. Analysten des Institute for the Study of War hätten Ende Juli betont, die Entscheidung über eine Mobilmachung bleibe eine persönliche Entscheidung Wladimir Putins und hänge von dessen eigener Einschätzung der Lage auf dem Schlachtfeld und der Stabilität im Kreml ab. Der Oppositionelle Michail Chodorkowski habe im Gespräch mit der Wyborcza die Vermutung geäußert, Putin sei überzeugt, es müsse im Donbass nur noch etwas durchgehalten und nachgedrückt werden – um dann nach den Duma-Wahlen eine allgemeine Mobilmachung auszurufen.
Bei Menschenrechtlern schlage sich das bereits nieder. Nicht nur die Zahl der Anfragen ändere sich, sondern auch ihr Charakter, berichte ein Aktivist der Bewegung von Kriegsdienstverweigerern: Im Frühjahr hätten die Leute gefragt, was zu tun sei, falls es im Herbst eine Mobilmachung gebe – jetzt fragten sie, was zu tun sei, wenn sie komme. Alexej Tabalow von der unabhängigen Organisation „Schkola prisywnika" spreche von leichter Panik unter den Reservisten. Grigori Swerdlin, Gründer des Projekts „Idite lessom", das russischen Deserteuren helfe, erhalte täglich 150 bis 200 Nachrichten mit Fragen zur Vermeidung der Einberufung und zur Emigration. Die Organisation „Kowtscheg" habe mitgeteilt, die Zahl der Beratungsanfragen sei in den vergangenen drei Monaten um das Anderthalbfache gestiegen, beim Projekt „Relokazija" seien es seit Juli 1,7-mal mehr. Viele wollten so schnell wie möglich ausreisen und sagten, sie müssten es vor September oder Oktober schaffen.
Noch prüften die meisten nur Möglichkeiten, schreibt die Autorin – aber nicht alle warten ab. Nach Daten des russischen Zolldienstes, auf die unabhängige Medien hingewiesen hätten, hätten zwischen dem 17. und 18. August binnen 24 Stunden mehr als 20.000 Menschen die Grenze zu Georgien überquert. Eine ähnliche Dynamik halte seit Tagen an, betone Radio Swoboda. Ein Teil der Experten sehe darin den Beginn einer neuen Auswanderungswelle. Der Sender Current Time habe Menschen porträtiert, die praktisch über Nacht aufgebrochen seien: Eigentlich habe man erst im Herbst ausreisen wollen, in Ruhe, mit ein wenig Erspartem – dann sei der elektronische Bescheid gekommen, zum Glück noch bevor der Automatismus die Grenze schloss. Eine andere Familie habe lange gezögert und am 10. Juli das ganze Leben zusammengepackt, den Sohn in den Autositz gesetzt und sei nach Armenien aufgebrochen. Man habe schlicht begriffen: Wenn nicht jetzt, dann nie, berichtet Gazeta Wyborcza.
POLITYKA: „Churchill würde Selenskyj abraten"
Zum Streit über Wahlen in der Ukraine, der zuletzt auch die Rzeczpospolita beschäftigte, meldet sich der Publizist des linksliberalen Wochenmagazins Polityka mit der Gegenposition. Szostkiewicz hält Wahlen unter Kriegsrecht für nicht verantwortbar – und stützt sich dabei auf ein historisches Argument.
Die russische Aggression lasse nicht nach, sondern verstärke sich sogar, schreibt der Publizist – und dennoch würden in der Ukraine Stimmen laut, die überfälligen Präsidentschaftswahlen trotz Kriegsrecht abzuhalten. Selenskyj sei unter zivilgesellschaftlichen Druck geraten; geschadet hätten ihm Korruptionsaffären in seinem Umfeld und die Umbildungen in der Regierung, insbesondere die Entlassung des populären jungen Verteidigungsministers Fedorow. Menschenmengen hätten dessen Rückkehr ins Amt gefordert. Der Präsident habe zwar dessen Nachfolger entlassen, Fedorow selbst aber nicht zurückgeholt. Fedorow hätte Chancen, eine Präsidentschaftswahl zu gewinnen – Selenskyj nicht unbedingt, auch wenn er weiterhin über starken Rückhalt verfüge.
Freie und faire Wahlen seien das Erkennungszeichen der Demokratie, argumentiert Szostkiewicz. Doch sie müssten nicht nur frei und ehrlich sein, sondern auch sicher. Und Wahlen während einer Seuche oder eines Krieges seien weder für die Organisatoren noch für die Wähler sicher. Deshalb seien die für 1940 fälligen Parlamentswahlen in Großbritannien verschoben und erst 1945 abgehalten worden – unter den deutschen Bomben, die auf britische Städte fielen, sei ihre Organisation technisch, logistisch, humanitär und politisch schlicht unmöglich gewesen. Die USA hätten diesen Luxus gehabt: Der Krieg habe ihr Territorium nicht bedroht, und so hätten die Präsidentschaftswahlen 1944 planmäßig stattgefunden. Als warnendes Beispiel aus der eigenen Geschichte nennt der Autor die polnischen „Briefwahlen" während der Pandemie, die die damalige Regierung ohne Rücksicht auf rechtliche Hürden und auf die Gefährdung der Wähler habe durchsetzen wollen.
Diesen Luxus habe die Ukraine nicht, so Szostkiewicz. Russische Bomben, Raketen und Drohnen töteten täglich nicht nur Soldaten, sondern auch Zivilisten und zerstörten Wohnhäuser, Bahnhöfe, Kraftwerke und Denkmäler von Weltrang. Putin drohe zudem den Staaten, die die Ukraine unterstützten – zuletzt Großbritannien und Frankreich, ununterbrochen Polen und den baltischen Staaten. Unter solchen Bedingungen sei kaum vorstellbar, dass Wahlen alle Voraussetzungen erfüllten, um als frei, ehrlich und sicher zu gelten. Entsprechende Vorwürfe würden auf der ukrainischen politischen Bühne sofort auftauchen – und die Kreml-Propaganda würde sie verstärken.
Hinzu komme die Kriegsmüdigkeit im fünften Jahr, die das Risiko berge, dass Wahlen die ohnehin wenig stabile Lage in der ukrainischen Politik zusätzlich destabilisierten. Selenskyj sei für ihn eine shakespearesche Figur, schreibt der Autor: Er habe als Populist begonnen und sei zum weltweit erkennbaren Gesicht des mutigen Widerstands eines überfallenen Staates geworden. Nicht jeder Präsident hätte in einer so tragischen Lage die Prüfung in Bezug auf Führungsqualitäten bestanden – er habe es getan. Die Entscheidung liege bei der Ukraine, doch Churchill, meint Szostkiewicz, würde Selenskyj von Wahlen unter Kriegsrecht abraten. Das Recht, sie auszurufen, habe der Präsident erst dann, wenn keine russischen Bomben mehr auf die Ukraine fielen, so der Publizist der Polityka.
Autor: Adam de Nisau