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Zwei Erinnerungen an den 1. September – Zondacrypto als politisches Erdbeben – Mehrheit für Handyverbot

31.08.2026 12:26
Warum spielt der deutsche Überfall auf Polen im Erinnerungskanon der Bundesrepublik bis heute nur eine Nebenrolle? Und wie hat Deutschland zugleich seine Vergangenheitsbewältigung zu einem Teil der nationalen Marke gemacht? Außerdem: Welche politischen Folgen wird die Zondacrypto-Affäre haben. Und: Eine große Mehrheit der Polen unterstützt Einschränkungen für Smartphones an Schulen. Mehr dazu in der Presseschau.
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Иллюстрация.Фото: pixabay.pl

RZECZPOSPOLITA: Zwei Erinnerungen an den 1. September

Der 1. September 1939 nehme in Polen und Deutschland einen grundverschiedenen Platz im historischen Gedächtnis ein. Darauf weist der Politikwissenschaftler Marek Cichocki in der konservativ-liberalen Rzeczpospolita hin.

Für Polen gehöre der Beginn des Zweiten Weltkriegs neben der Wiedererlangung der Unabhängigkeit 1918 und dem Ende des Kalten Krieges 1989 zu den Schlüsseldaten des 20. Jahrhunderts. Der September 1939 stehe dabei für die nahezu gleichzeitige Expansion zweier totalitärer Systeme auf polnischem Boden: des deutschen Nationalsozialismus und des sowjetischen Kommunismus.

In der deutschen Wahrnehmung sei der Überfall auf Polen dagegen lange als lokaler und zweitrangiger Konflikt behandelt worden. In den politischen und intellektuellen Eliten Deutschlands habe sich die Vorstellung gehalten, der Krieg gegen Polen sei noch nicht der eigentliche Beginn des Weltkriegs gewesen. Vielmehr habe es sich – ähnlich wie beim späteren Angriff auf Frankreich – um einen begrenzten Territorial- und Annexionskrieg gehandelt. 1939 sei dieser Krieg von großen Teilen der deutschen Gesellschaft zudem als gerechtfertigt angesehen worden.

Nach dem Krieg, fährt der Autor fort, seien beide deutschen Staaten der Verantwortung für die in Polen begangenen Verbrechen auf unterschiedliche Weise ausgewichen. Westdeutschland habe die Gelegenheit genutzt, sich von dieser Verantwortung zu distanzieren. Die DDR wiederum habe sich durch ihren antifaschistischen Gründungsmythos von vornherein auf die Seite der Gegner des Nationalsozialismus gestellt und damit praktisch vollständig von deutscher Schuld freigesprochen.

Der deutsche Erinnerungskanon konzentriere sich deshalb bis heute vor allem auf den Holocaust, den Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion, den Untergang Deutschlands im Jahr 1945 als sogenannte Stunde null sowie auf die eigenen Opfer und Verluste. Der September 1939 und die Verbrechen im besetzten Polen gehörten dagegen nicht zu seinen zentralen Bezugspunkten. Cichocki erinnert in diesem Zusammenhang an die viel beachtete Wehrmachtsausstellung, die in den 1990er Jahren die deutsche Gesellschaft erschüttert habe. Auch sie habe sich nicht zufällig auf die Jahre 1941 bis 1945 konzentriert.

Zum Jahrestag werde die deutsche Botschaft in Warschau zwar ihre Flaggen auf halbmast setzen und eine bewegende Erklärung veröffentlichen. In Deutschland selbst werde der 1. September jedoch erneut fast unbemerkt verstreichen. Der Bundeskanzler werde dem Datum vermutlich kein Wort widmen. Auch die Bundestagspräsidentin sehe keinen Anlass für eine besondere parlamentarische Gedenkveranstaltung. Für Cichocki zeige dies, dass der 1. September schlicht nicht zum deutschen historischen Kanon gehöre – und wie begrenzt die polnische Erfahrung des Zweiten Weltkriegs im deutschen Gedächtnis weiterhin präsent sei.

DZIENNIK GAZETA PRAWNA: Deutschland baut seine Marke auf der Geschichte auf

Diesen Befund vertieft Anna Kwiatkowska vom Warschauer Zentrum für Oststudien Wirtschaftsblatt Dziennik Gazeta Prawna. Sie widerspricht dabei der verbreiteten Vorstellung, Deutschland habe zwar seine Vergangenheit aufgearbeitet, baue seine heutige Marke aber nicht auf dem Holocaust, sondern allein auf deutscher Ingenieurskunst auf.

Das Gegenteil sei der Fall. Deutschland habe sich nicht nur mit seinem nationalen Trauma auseinandergesetzt. Es habe seine Erzählung über die eigene Verwandlung nach 1945 zugleich zu einer Grundlage der internationalen Glaubwürdigkeit der Bundesrepublik gemacht. Nach dem Krieg hätten die Deutschen ihre moralische Glaubwürdigkeit verloren. Der Wiederaufbau habe deshalb mehr bedeuten müssen als Wirtschaftswunder, Demokratie und Westintegration. Die Bundesrepublik habe vor allem Vertrauen zurückgewinnen müssen.

Dies sei Westdeutschland durch eine Erzählung der moralischen Umkehr gelungen: Die Deutschen seien die Täter gewesen, hätten ihre Schuld anerkannt, sich mit der Vergangenheit auseinandergesetzt und sich grundlegend verändert. Auf diese Weise habe Deutschland moralisches Kapital aufgebaut. Bildlich gesprochen habe die Bundesrepublik ihre Erzählung über Auschwitz, Schuld und Umkehr auch dazu genutzt, BMWs zu verkaufen.

Kwiatkowska verweist allerdings auf einen wichtigen Widerspruch. Die deutsche Erzählung über die Aufarbeitung sei vollständiger als die Aufarbeitung selbst. Die Erinnerung an den Holocaust stehe im Zentrum. Die deutsche Besatzung Polens, die systematische Ermordung der polnischen Eliten, der Terror gegen die Zivilbevölkerung und die weitgehende Straflosigkeit vieler Täter nähmen hingegen einen deutlich schwächeren Platz ein. Daraus entstehe in den Beziehungen zu Polen ein moralisches Ungleichgewicht: Die Nachkommen der Täter könnten sich durch die demonstrative Auseinandersetzung mit der Vergangenheit einen höheren moralischen Status zuschreiben als die Nachkommen der Opfer.

Geschichte, Museen, Denkmäler, Jahrestage und politische Reden beschrieben deshalb nicht nur die Vergangenheit. Sie formten das moralische Kapital eines Staates und damit auch seine internationale Marke.

Kwiatkowska erwartet, dass die Geschichte in den deutsch-polnischen Beziehungen künftig noch wichtiger werden wird. Die AfD, die gute Chancen auf einen Wahlsieg in Sachsen-Anhalt habe, kündige in ihrem Programm eine „kulturelle Wende“ an. Sie wolle den vermeintlich permanent aufrechterhaltenen deutschen Schuldkomplex überwinden und stärker an positive Kapitel der deutschen Geschichte erinnern – besonders an das 19. Jahrhundert.

Selbst wenn die AfD nicht an die Macht komme, könne sie damit die Debatte über das deutsche Geschichtsbild verschieben. In diesem Zusammenhang könne auch Otto von Bismarck wieder stärker zum Symbol deutscher Einheit und Stärke werden. Ja, eben jener Bismarck, der den Fortbestand der polnischen Nation als Gefahr für die Einheit und Macht des deutschen Staates betrachtet habe, betont Anna Kwiatkowska in Dziennik Gazeta Prawna.

GAZETA WYBORCZA: „Wir warten darauf, Krals Karten kennenzulernen“

Die Affäre um die Kryptobörse Zondacrypto könne für die polnische Rechte zu einem politischen Erdbeben werden. Das sagt der Historiker und frühere Politiker Tomasz Nałęcz im Gespräch mit der linksliberalen Gazeta Wyborcza. Zugleich warnt er vor voreiligen Schlussfolgerungen.

Im Zentrum stehe unter anderem eine Reise des PiS-Abgeordneten Michał Moskal nach Ibiza. Moskal, der zeitweise zu den engsten Mitarbeitern von PiS-Chef Jarosław Kaczyński gehörte, habe Zondacrypto-Chef Przemysław Kral in einem Fünf-Sterne-Hotel getroffen. Später habe er sich mit Änderungen am geplanten Gesetz zur Regulierung des Kryptomarktes beschäftigt. Nun müsse geklärt werden, ob zwischen dem Treffen und diesen politischen Aktivitäten ein Zusammenhang bestanden habe.

Nałęcz sieht Parallelen zur Rywin-Affäre, die Anfang der 2000er Jahre die damalige postkommunistische Linke erschütterte. In beiden Fällen gehe es um den Verdacht, dass ein wirtschaftlich einflussreicher Akteur auf ein Gesetzgebungsverfahren einwirken wollte. Der entscheidende Unterschied: Im Fall Rywin habe von Anfang an eine Aufnahme existiert, auf der ein korruptes Angebot dokumentiert gewesen sei. Bei Zondacrypto kenne die Öffentlichkeit bislang vor allem Treffen, Geldflüsse und personelle Verbindungen. Ob diese Elemente Teil eines gemeinsamen Plans gewesen seien, müsse erst bewiesen werden.

Neue Dynamik bekomme die Affäre dadurch, dass Kral offenbar mit der Staatsanwaltschaft zusammenarbeite. Roman Giertych, Abgeordneter der Bürgerkoalition, habe PiS-Politikern daraufhin die vielsagende Frage gestellt: „Mögt ihr Aufnahmen?“ Nałęcz hält es für denkbar, dass Kral Gespräche mit Politikern dokumentiert habe. Noch sei jedoch unbekannt, welche Karten der Unternehmer tatsächlich in der Hand halte.

Die mögliche finanzielle Dimension sei erheblich. Nach Angaben von Justizminister Waldemar Żurek könnten sich die Verluste im Umfeld von Zondacrypto auf rund 2,3 Milliarden Złoty belaufen. Hinzu kämen Verbindungen zur politischen Rechten: Geld sei unter anderem an eine Stiftung des Konföderacja-Politikers Przemysław Wipler geflossen. Zondacrypto sei außerdem Hauptsponsor einer polnischen CPAC-Konferenz gewesen, an der Andrzej Duda und Karol Nawrocki teilgenommen hätten.

Moskal sei dabei keine unbedeutende Figur. Er habe Kaczyńskis politisches Kabinett geleitet und später für Verteidigungsminister Mariusz Błaszczak gearbeitet. Nałęcz halte es deshalb für schwer vorstellbar, dass ein Politiker dieses Ranges in einer sensiblen wirtschaftspolitischen Angelegenheit völlig auf eigene Faust gehandelt habe. Das sei aber ausdrücklich nur eine Hypothese. Weder die Reise nach Ibiza noch der Kontakt zu Kral seien an sich illegal.

Sollten sich die Verdachtsmomente bestätigen, könne die Affäre die polnische Rechte schwer erschüttern – besonders das Umfeld von Präsident Karol Nawrocki. Eine Spur bis in die Nähe des Präsidenten würde nicht nur einer Partei, sondern dem Ansehen des höchsten Staatsamtes schaden. Die Affäre dürfe deshalb nicht bloß als Chance für die Regierung betrachtet werden. Wenn sich die Vorwürfe bestätigten, wäre dies eine polnische Affäre, die dem Ruf des gesamten Landes schade, so Tomasz Nałęcz in der Gazeta Wyborcza.

DZIENNIK GAZETA PRAWNA: Breite Unterstützung für das Smartphone-Verbot

Zum Abschluss ein Blick in die Schulen. Vom neuen Schuljahr an gilt an polnischen Grundschulen ein Verbot der Smartphone-Nutzung. Eine im Auftrag von Dziennik Gazeta Prawna durchgeführte Umfrage zeigt dafür eine breite gesellschaftliche Unterstützung.

54,6 Prozent der Befragten halten ein vollständiges Verbot für notwendig und begrüßen seine Einführung. Weitere Gruppen sprechen sich zumindest für begrenzte Einschränkungen aus – etwa für ein Verbot nur während des Unterrichts oder für Ausnahmen in besonderen Situationen. Insgesamt halten 88,2 Prozent eine Einschränkung der Smartphone-Nutzung an Schulen für erforderlich.

Nur 3,6 Prozent meinen, die Entscheidung sollte den einzelnen Schulen gemeinsam mit den Eltern überlassen bleiben. Weitere 4,4 Prozent wollen, dass ausschließlich die Eltern darüber entscheiden, ob ihre Kinder ein Smartphone mitbringen und benutzen dürfen.

Besonders deutlich unterscheiden sich die Antworten nach Alter. Unter den über 50-Jährigen unterstützen 64,8 Prozent ein vollständiges Verbot. Bei den unter 24-Jährigen sind es dagegen lediglich 19,2 Prozent. In dieser jüngsten Gruppe sprechen sich 38,4 Prozent für ein Verbot nur während des Unterrichts aus; 16,2 Prozent würden die Entscheidung den Eltern überlassen. Der Unterschied zwischen der jüngsten und der ältesten Altersgruppe beträgt damit mehr als 45 Prozentpunkte.

Auch Bildung und Einkommen spielen eine Rolle. Von den Menschen mit Berufsausbildung befürworten rund 47 Prozent das vollständige Verbot, unter den Befragten mit mittlerer Bildung sind es 53 Prozent und unter Hochschulabsolventen fast 59 Prozent. Bei einem monatlichen Nettoeinkommen von mehr als 7.000 Złoty steigt die Zustimmung zum vollständigen Verbot auf rund 60 Prozent.

Frauen unterstützen die strengste Regelung etwas häufiger als Männer – mit 57 gegenüber 52,1 Prozent. Vergleichsweise hoch ist die Zustimmung auch in kleinen Städten mit weniger als 20.000 Einwohnern. Dort sprechen sich fast 63 Prozent für ein vollständiges Smartphone-Verbot aus. Auf dem Land sind es gut 51 Prozent.

Die Ergebnisse stammen aus einer repräsentativen Befragung von 800 erwachsenen Polinnen und Polen, die das Institut SW Research am 25. und 26. August durchgeführt hat.

Autor: Adam de Nisau


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