Deutsche Redaktion

Innenpolitik prägt die Beziehungen zu Deutschland

16.06.2026 13:00
Polens Beziehungen zu Deutschland werden derzeit nicht nur von der Außen- und Sicherheitspolitik bestimmt, sondern auch von innenpolitischen Spannungen. Warum hält Warschau ein Verteidigungsabkommen mit Berlin bewusst kleiner als die jüngsten Vereinbarungen mit Paris und London? Außerdem geht es um Hunderte Ärzte aus der Ukraine und Belarus, die ihre Zulassung in Polen verlieren könnten, und um eine alarmierende Studie: Viele polnische Lehrkräfte stehen unter massivem Stress. 
Bundeskanzler Friedrich Merz
Bundeskanzler Friedrich MerzIMAGO/Chris Emil Janssen/Imago Stock and People/East News

WIRTUALNA POLSKA: Innenpolitik prägt die Beziehungen zu Deutschland

Polen und Deutschland wollen morgen (17. Juni) ein neues Abkommen zur Verteidigungszusammenarbeit unterzeichnen, berichtet das Portal Wirtualna Polska. Nach Angaben des polnischen Verteidigungsministeriums handelt es sich jedoch nicht um einen weitreichenden Sicherheitsvertrag nach dem Vorbild der jüngst mit Großbritannien oder Frankreich geschlossenen Vereinbarungen. Der stellvertretende Verteidigungsminister Paweł Zalewski erklärte, es gehe darum, die bereits bestehenden Verpflichtungen beider Staaten mit konkreten Maßnahmen zu unterlegen. Im Hintergrund stehen innenpolitische Spannungen in Polen. Wie Wirtualna Polska berichtet, hat sich die Regierung für die Form einer zwischenstaatlichen Vereinbarung entschieden, da diese keiner Ratifizierung durch den Staatspräsidenten bedarf. Nach Angaben des Präsidialamtes war dieses weder in die Konsultationen eingebunden noch erhielt es die endgültige Fassung des Dokuments.

Ein wesentlicher Unterschied zu den Verteidigungsabkommen mit Frankreich und Großbritannien besteht im politischen Rang der Unterzeichner, lesen wir weiter. Während die Vereinbarungen mit Paris und London auf Ebene der Regierungschefs beziehungsweise Staats- und Regierungschefs abgeschlossen wurden, wird das deutsch-polnische Abkommen von den Verteidigungsministern unterzeichnet. Nach Informationen des Portals war die Bundesregierung bereit, ein umfassenderes Abkommen mit Sicherheitsgarantien zu schließen – vergleichbar mit den Vereinbarungen zwischen Polen und Frankreich oder Großbritannien. Die polnische Regierung lehnte ein solches Format jedoch ab. Als Grund wurden Befürchtungen genannt, Präsident Karol Nawrocki könnte ein entsprechendes Abkommen blockieren. 

RZECZPOSPOLITA: Ärzte aus Nicht-EU-Staaten verlieren ihre Berufszulassung 

Immer mehr Ärzte aus Nicht-EU-Ländern, vor allem aus der Ukraine und Belarus, verlieren die Möglichkeit, im polnischen Gesundheitssystem tätig zu sein. Nach Angaben der Obersten Ärztekammer wurden zuletzt bereits 441 befristete Berufsausübungsrechte aufgehoben, schreibt die Tageszeitung Rzeczpospolita.

Die meisten entsprechenden Entscheidungen wurden in Wrocław getroffen. Dort entzog die Niederschlesische Ärztekammer 129 Ärzten die Zulassung. In Warschau waren 99 Mediziner betroffen, in der Woiwodschaft Ermland-Masuren 52 und in Großpolen 42. Die Entwicklung ist eine Folge des Auslaufens eines vereinfachten Zulassungsverfahrens für Mediziner aus Nicht-EU-Staaten. Dieses war während der Corona-Pandemie eingeführt und nach Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine ausgeweitet worden.

Dank dieser Sonderregelung konnten Ärzte ohne Anerkennung ihres Diploms, ohne das polnische Staatsexamen und ohne das vollständige Verfahren zur Anerkennung ihrer Qualifikationen arbeiten. Schätzungen der Ärztekammer zufolge könnten weitere rund 800 Ärzte ihre Berufserlaubnis verlieren, schreibt das Blatt.

Erschwerend kommen die Ergebnisse des Ärztlichen Verifikationsexamens (LEW) hinzu, das mittlerweile den wichtigsten Weg zur weiteren Berufsausübung in Polen darstellt. Wie die Zeitung Rzeczpospolita berichtet haben seit Einführung des Examens im Jahr 2021 belarussische Staatsangehörige insgesamt fast 2 Tausend Prüfungsversuche unternommen. Erfolgreich waren lediglich 280 Kandidaten. Bei den Ukrainern sehen die Ergebnisse noch schlechter aus. 

Nach Ansicht von Experten spiegeln die Ergebnisse erhebliche Unterschiede zwischen den Ausbildungssystemen wider. Der Anästhesist Damian Patecki von der Obersten Ärztekammer bezeichnete das polnische Ausbildungssystem als stark formalisiert und prozessorientiert, während die medizinische Ausbildung in der Ukraine stärker von sowjetischen Strukturen geprägt sei.

Auch die Sprache erweist sich als ein Problem, stellt das Blatt fest. Seit Anfang Mai müssen Ärzte mit befristeter Berufserlaubnis Polnischkenntnisse mindestens auf dem Niveau B1 nachweisen. Ohne entsprechendes Zertifikat verlieren sie ihre Zulassung. Viele Vertreter der Ärzteschaft halten das Niveau B1 allerdings für unzureichend und fordern eine Anhebung auf B2, langfristig sogar auf C1. Nach Angaben der Tageszeitung beschäftigen sich Gerichte bereits mit Fällen, in denen Sprachprobleme zu Kommunikationsschwierigkeiten oder Fehldiagnosen geführt haben sollen. 

PORTAL EDUKACYJNY: Gestresste Lehrerschaft 

Rund die Hälfte der polnischen Lehrkräfte und Beschäftigten im Bildungswesen leidet unter einem hohen oder sehr hohen Maß an kumuliertem Stress. 60 Prozent berichten über schwere körperliche Beschwerden, während mindestens 82 Prozent bereits vor Arbeitsbeginn Erschöpfung verspüren. Das geht aus einer Studie hervor, die von Wissenschaftlern der Universität Warschau im Auftrag der Polnischen Lehrergewerkschaft ZNP durchgeführt wurde.

Nach Angaben des ZNP-Vorsitzenden Sławomir Broniarz handelt es sich nicht um ein Randphänomen, sondern um ein strukturelles Problem des Bildungssystems. Die Untersuchung zeigt zudem, dass die Belastungen der Lehrkräfte nicht in erster Linie durch Schüler verursacht werden. Von den 20 am häufigsten genannten Stressfaktoren seien 13 systemischer Natur.

Zu den wichtigsten Belastungen zählen nach Angaben der Gewerkschaft niedrige Gehälter, häufige Gesetzesänderungen, zunehmende Bürokratie, die Verlagerung von Verantwortung auf Schulen sowie Reformen ohne ausreichende personelle und finanzielle Unterstützung. Die Auswirkungen des anhaltenden Drucks reichen nach Einschätzung der Autoren weit über das persönliche Wohlbefinden hinaus. Chronischer Stress beeinflusse sowohl die Berufszufriedenheit als auch die Bereitschaft junger Menschen, den Lehrerberuf überhaupt zu ergreifen.

Der Lehrerverband betont ausdrücklich, dass das Wohlergehen der Lehrkräfte nicht als Privileg betrachtet werden dürfe. Vielmehr sei es eine Grundvoraussetzung für ein funktionierendes Bildungssystem. „Wenn wir gute Schulen und Kindergärten wollen, müssen wir für diejenigen sorgen, die jeden Tag Verantwortung für Bildung, Erziehung und Betreuung der jungen Generation übernehmen“, erklärte Broniarz im Portal Edukacyjny.


Autor: Jakub Kukla 

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