Deutsche Redaktion

Streit um UPA-Ehrung Zeichen für nahendes Kriegsende - Immer mehr Polen leben allein - wachsende Zustimmung zu EU-Austritt

23.06.2026 10:28
Der jüngste Konflikt zwischen Polen und der Ukraine über die Benennung einer ukrainischen Militäreinheit nach den „Helden der UPA“ ist nach Einschätzung des Warschauer Politikwissenschaftlers Bartłomiej Biskup vor allem innenpolitisch motiviert. Immer mehr Polen leben allein. Und: Polen ist EU-weit das einzige Land, in dem die Zustimmung zu einem EU-Austritt wächst. Mehr dazu in der Presseschau.
Polish President Karol Nawrocki and his Ukrainian counterpart Volodymyr Zelensky meet in Warsaw on December 19, 2025.
Polish President Karol Nawrocki and his Ukrainian counterpart Volodymyr Zelensky meet in Warsaw on December 19, 2025. Photo: Mikołaj Bujak/KPRP

DZIENNIK/GAZETA PRAWNA: Streit um UPA-Ehrung belastet Beziehungen zwischen Polen und der Ukraine

Der jüngste Konflikt zwischen Polen und der Ukraine über die Benennung einer ukrainischen Militäreinheit nach den „Helden der UPA“ ist nach Einschätzung des Warschauer Politikwissenschaftlers Bartłomiej Biskup vor allem innenpolitisch motiviert. Im Gespräch mit der Tageszeitung Dziennik/Gazeta Prawna erklärte Biskup, die heftige Reaktion in Polen wäre vermutlich deutlich schwächer ausgefallen, wenn eine solche Entscheidung bereits zu Beginn des russischen Angriffskrieges getroffen worden wäre. Nun aber zeichne sich eine neue politische Phase ab: Mit der Aussicht auf ein mögliches Kriegsende rücke in beiden Ländern zunehmend die nationale Interessenpolitik in den Vordergrund.

Die Ukraine sei heute weniger auf Polen angewiesen als noch in den ersten Kriegsjahren, sagte Biskup. Gleichzeitig beginne in Kiew bereits der politische Wettbewerb für die Zeit nach dem Krieg. Präsident Wolodymyr Selenskyj müsse seine Position sichern und greife deshalb stärker auf nationale Symbolik zurück, lesen wir. Auch Polen habe Fehler gemacht, meint der Politologe. Warschau habe es versäumt, wie Großbritannien, Frankreich oder Deutschland zumindest symbolisch Bereitschaft zu einer stärkeren militärischen Unterstützung zu signalisieren. Zwar wären wahrscheinlich keine Truppen entsandt worden, doch Polen habe dadurch an politischem Gewicht verloren.

Zugleich hätten antiukrainische Stimmungen in Polen spürbar zugenommen, lesen wir weiter. Präsident Karol Nawrocki könne diese Entwicklung nicht ignorieren, wenn er sich als führende Figur des rechten Lagers etablieren wolle. Seine Entscheidung, Selenskyj den Orden des Weißen Adlers abzuerkennen, sei daher vor allem ein innenpolitisches Signal. Selenskyj war 2023 vom damaligen Präsidenten Andrzej Duda mit dem höchsten polnischen Staatsorden ausgezeichnet worden. Nachdem die Ukraine Ende Mai eine Militäreinheit nach den „Helden der UPA“ benannt hatte, kam es in Polen zu scharfer Kritik. Am 19. Juni entschied Präsident Nawrocki schließlich, die Auszeichnung wieder zu entziehen.

Zugleich betonte er, dass Polen die Ukraine weiterhin im Kampf gegen Russland unterstütze.

GAZETA.PL: Immer mehr Polen leben allein

Polens Gesellschaft verändert sich tiefgreifend: Nach aktuellen Daten des Polnischen Wirtschaftsinstituts (PIE) und von Eurostat besteht inzwischen mehr als jeder dritte Haushalt aus nur einer Person, informiert Gazeta.pl.

Zwischen 2006 und 2025 stieg die Zahl der Haushalte von 12,7 auf 15,5 Millionen. Besonders auffällig ist der Boom der Einpersonenhaushalte: Ihr Anteil wuchs von 22 auf 35 Prozent. Gleichzeitig nahm auch die Zahl der Paarhaushalte leicht zu. Verlierer dieser Entwicklung ist das klassische Familienmodell. Lebten 2006 noch in 37 Prozent der Haushalte Kinder, sind es heute nur noch 25 Prozent. Auch Mehrgenerationenhaushalte werden seltener. Der Anteil der über 65-Jährigen, die mit ihren Kindern zusammenleben, sank von 15 auf sechs Prozent.

Experten führen den Wandel auf mehrere Faktoren zurück: sinkende Geburtenzahlen, steigende Lebenserwartung und den Wunsch vieler junger Menschen nach früher Unabhängigkeit. Allerdings stoßen diese Wünsche häufig auf den angespannten Wohnungsmarkt. Polen gehört weiterhin zu den EU-Ländern mit besonders hoher Wohnraumüberbelegung.

Das hat auch soziale Folgen. Wenn weniger Generationen unter einem Dach leben, fallen familiäre Unterstützungsnetze weg – etwa bei der Kinderbetreuung oder der Pflege älterer Menschen. Künftig dürften deshalb öffentliche Einrichtungen und private Dienstleister stärker gefordert sein, stellt Gazeta.pl fest.

STREFA BIZNESU: Nur in Polen wächst die Zustimmung zu einem EU-Austritt

Zehn Jahre nach dem Brexit hat die Idee eines EU-Austritts in den meisten Mitgliedstaaten deutlich an Attraktivität verloren. Frankreich, die Niederlande, Deutschland oder Dänemark verzeichnen einen klaren Rückgang entsprechender Forderungen. Eine Ausnahme bildet Polen, lesen wir auf dem Portal Strefa Biznesu.

Die Erfahrungen Großbritanniens mit schwierigen Verhandlungen, wirtschaftlichen Problemen und unerfüllten Erwartungen gelten vielen Beobachtern als abschreckendes Beispiel. Hinzu kommen der Krieg in der Ukraine und die unsichere außenpolitische Rolle der USA unter Präsident Donald Trump.

Besonders deutlich zeigt sich der Stimmungswandel in den Niederlanden: Unterstützten 2016 noch bis zu 40 Prozent einen „Nexit“, sind es inzwischen nur noch rund zehn Prozent. Auch in Frankreich hat die Partei von Marine Le Pen ihre früheren Austrittsforderungen weitgehend aufgegeben. In Deutschland wird ein Austritt aus der EU ebenfalls kaum noch ernsthaft diskutiert. Rund 80 Prozent der Deutschen befürworten die Mitgliedschaft ihres Landes in der Europäischen Union.

Polen sticht dagegen heraus. Zwar unterstützt weiterhin eine klare Mehrheit die EU-Mitgliedschaft, doch der Anteil der Austrittsbefürworter ist zuletzt deutlich gestiegen. Lag er jahrelang bei etwa zehn Prozent, überschritt er in den vergangenen Monaten mehrfach die Marke von 20 Prozent und erreichte in einzelnen Umfragen sogar 25 Prozent.

Die Mehrheit der Polen bleibt damit zwar proeuropäisch. Der Anstieg der EU-Skepsis zeigt jedoch, dass die Debatte über Polens Rolle in Europa wieder an Schärfe gewinnt, stellt Strefa Biznesu fest.

Autor: Jakub Kukla


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