Deutsche Redaktion

"Soziologe warnt vor wachsender Ablehnung der Ukrainer"

06.07.2026 10:49
Nach Einschätzung von Soziologen nehmen antiukrainische Stimmungen in Polen spürbar zu. Lässt sich der Trend noch umkehren? Außerdem: Bankier.pl zeichnet den Weg von Deante-Gründer Dariusz Antczak vom Fliesenleger zum internationalen Unternehmer nach. Und: Junge Ärzte üben deutliche Kritik an geplanten Reformen im Gesundheitswesen. Mehr dazu in der Presseschau.
Ukraińcy będą mieli swoich posłów w Sejmie?
Ukraińcy będą mieli swoich posłów w Sejmie?Beata Zawrzel/REPORTER

FAKT: Soziologe warnt vor wachsender Ablehnung der Ukrainer

Nach Einschätzung von Soziologen nehmen antiukrainische Stimmungen in Polen spürbar zu. Das Phänomen sei zwar nicht neu, habe sich in den vergangenen Monaten jedoch deutlich verstärkt und präge zunehmend die öffentliche Debatte. Wie der Soziologe Prof. Jacek Wódz im Gespräch mit der Tageszeitung Fakt erklärt, nutzten Teile der politischen Klasse – insbesondere das rechte Lager – diese Emotionen gezielt, um daraus politisches Kapital zu schlagen.

Auf die große Solidarität mit der Ukraine nach dem russischen Angriff von 2022 folgte nach und nach eine Abkühlung der gesellschaftlichen Stimmung. Mit der Zeit hätten Vorbehalte gegenüber Ukrainern zugenommen. Früher hätten moralische Autoritäten maßgeblich dazu beigetragen, gesellschaftliche Spannungen einzudämmen. Als Beispiel nennt der Soziologe den Papst. Während seines Pontifikats seien weder antiukrainische noch antisemitische Ressentiments in vergleichbarer Stärke sichtbar geworden. Seine Autorität habe die öffentliche Debatte gemäßigt und Grenzen gesetzt, die von den meisten politischen Akteuren nicht überschritten worden seien. Selbst aggressive und hasserfüllte Äußerungen hätten deshalb kaum gesellschaftliche Wirkung entfaltet.

Nach Ansicht von Wódz erklärt sich die aktuelle Ablehnung gegenüber Ukrainern jedoch nicht allein aus historischen Konflikten. Die Bedeutung der Geschichte werde häufig überschätzt. Würde man Passanten nach den Einzelheiten des Massakers von Wolhynien fragen, verfüge wohl nur eine Minderheit über fundierte Kenntnisse. Oft beruhe die Ablehnung vielmehr auf einem Gefühl der Überlegenheit. Viele Polen sähen ihr Land als wohlhabender und moderner an und betrachteten Ukrainer vor allem als Menschen, die dauerhaft auf Hilfe angewiesen seien. Diese Haltung könne leicht in Geringschätzung und schließlich in Feindseligkeit oder sogar Aggression umschlagen. Der Soziologe betont zugleich, dass ein EU-Beitritt der Ukraine auch Polen wirtschaftliche Vorteile bringen könnte. Rationalen Argumenten stünden jedoch häufig emotional aufgeladene Debatten gegenüber, die von Teilen der Politik zusätzlich angeheizt würden.

Konfrontative Kampagnen und scharfe Parolen seien aus seiner Sicht keine Lösung. Im Gegenteil: Sie könnten bereits radikalisierte Menschen weiter bestärken. Ein Teil der politischen Elite verschärfe die Situation sogar bewusst durch antiukrainische Rhetorik. Noch habe Polen nach Einschätzung des Soziologen keinen Punkt erreicht, an dem sich die gesellschaftliche Entwicklung unumkehrbar verfestigt habe. Er hoffe, dass die Emotionen mit der Zeit abklingen. Entscheidend sei jedoch, wodurch dieser Wandel ausgelöst werde – hoffentlich nicht durch eine weitere Tragödie in den polnisch-ukrainischen Beziehungen, sagt Prof. Wódz im Gespräch mit Fakt.

BANKIER.PL: Vom Fliesenleger zum internationalen Unternehmer

Aus einem kleinen Importgeschäft wurde einer der führenden polnischen Hersteller von Küchen- und Badarmaturen. Das Portal Bankier.pl bringt die faszinierende Erfolgsgeschichte von Deante näher. Firmengründer Dariusz Antczak arbeitete Mitte der 1980er Jahre zunächst als wissenschaftlicher Mitarbeiter an einer Hochschule. Sein Monatsgehalt habe damals umgerechnet um die 21 US-Dollar betragen, erzählt er im Gespräch mit dem Portal. In den Semesterferien fuhr er deshalb nach Deutschland, wo er Fenster einbaute und Fliesen verlegte.

Nachdem ihm eine Doktorandenstelle an der Universität Oxford verwehrt geblieben war – stattdessen habe der Sohn des Dekans den Platz erhalten –, kehrte Antczak von einem Deutschlandaufenthalt nicht mehr an die Universität zurück. Zwei Jahre körperlicher Arbeit ermöglichten es ihm, rund 6.000 Dollar anzusparen. Mit diesem Kapital kaufte er einen Lastwagen voller deutschen Fliesenklebers – ein Produkt, das in Polen damals praktisch unbekannt war, da Fliesen üblicherweise mit Zement und Sand verlegt wurden. Der Kleber war schnell verkauft, aus 6.000 wurden 9.000 Dollar.

Auf den entscheidenden Geschäftshinweis brachte ihn später ein Baustoffhändler: Nach dem Zusammenbruch der Pewex-Läden waren Edelstahlspülen vom polnischen Markt verschwunden. Antczak kontaktierte daraufhin rund 15 europäische Hersteller. Fast alle lehnten seine Preisvorstellungen als unrealistisch niedrig ab. Nur der italienische Hersteller Franke erklärte sich bereit, zu liefern – weil noch Lagerbestände vorhanden waren. Daraus entwickelte sich eine fast zwanzigjährige Zusammenarbeit.

Der Schritt zur eigenen Produktion war schließlich eine Reaktion auf Qualitätsprobleme bei Zulieferern. Heute erwirtschaftet das Unternehmen einen Jahresumsatz von mehr als einer halben Milliarde Złoty, produziert in fünf eigenen Werken und exportiert seine Produkte in über 70 Länder, schreibt Bankier.pl.

WIĘŹ: Junge Ärzte kritisieren Reformpläne

Die geplante Novelle des polnischen Ärztegesetzes stößt bei jungen Medizinern auf deutliche Kritik. Seit dem 8. Juni befindet sich der Gesetzentwurf in der öffentlichen Konsultation. Vorgesehen sind unter anderem eine Verkürzung des Berufspraktikums nach dem Studium, neue Regelungen für Bereitschaftsdienste während der Elternzeit sowie Einschränkungen beim Wechsel des Ausbildungsortes während der Facharztausbildung.

Im Gespräch mit dem Magazin Więź erläutert Władysław Krajewski vom Verband der Assistenzärzte, welche Reformen aus Sicht der jungen Mediziner tatsächlich notwendig wären. Der wichtigste Ansatzpunkt liege bereits im Medizinstudium. Klinische Ausbildungsgruppen sollten statt aus sechs bis zwölf Studierenden künftig nur noch aus zwei Personen bestehen. Dadurch würde der praktische Unterricht erheblich verbessert. Zugleich müsse der Praxisanteil im letzten Studienjahr deutlich ausgebaut werden. Erst unter diesen Voraussetzungen könne eine Verkürzung des anschließenden Berufspraktikums sinnvoll sein.

Das Praktikum sei für viele angehende Ärzte die Phase, in der sie sich für eine Fachrichtung entscheiden. Würde dieser Ausbildungsabschnitt verkürzt, ohne das Studium gleichzeitig praxisnäher zu gestalten, fehle den Nachwuchsmedizinern wertvolle Erfahrung im Klinikalltag. Besonders wichtig sei außerdem der unmittelbare Kontakt mit Patienten. Kleinere Ausbildungsgruppen bedeuteten mehr praktische Erfahrungen und damit eine bessere medizinische Ausbildung. Auch ein längeres Praktikum erhöhe die Wahrscheinlichkeit, dass junge Ärzte eigene Patienten betreuen und dadurch umfassendere klinische Erfahrungen sammeln könnten.

In der Praxis würden Assistenzärzte häufig in Notaufnahmen eingesetzt, obwohl dies nicht ihrem Ausbildungsplan entspreche. Statt gezielt ausgebildet zu werden, müssten sie vielerorts Personallücken im Gesundheitssystem schließen. Nach Einschätzung der Assistenzärzte werde die mangelnde Einbindung junger Mediziner langfristig nicht nur ihre Ausbildung verschlechtern, sondern letztlich auch die Qualität der Gesundheitsversorgung in Polen beeinträchtigen, urteilt Władysław Krajewski vom Verband der Assistenzärzte im Magazin Więź.

Autor: Jakub Kukla


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