RZECZPOSPOLITA: Flugzeuge kaufen ist leichter als Piloten ausbilden
Polens schnelle Aufrüstung lege ein grundlegendes Versäumnis offen, schreibt Marek Kutarba in der konservativ-liberalen Tageszeitung Rzeczpospolita: Jahrzehntelange Vernachlässigung lasse sich nicht innerhalb weniger Jahre aufholen. Neue Waffen könne man kaufen. Doch am Ende müsse jemand die mit Steuergeld beschafften Maschinen auch bedienen. Genau damit hätten Polen und andere westliche Staaten erhebliche Probleme.
Deutlich werde das am Mangel an Piloten für die polnischen F-16. Doch der Bedarf gehe weit darüber hinaus. Zu den 70 benötigten F-16-Piloten kämen rund 50 für die 32 polnischen F-35 hinzu. Für die knapp hundert in den USA bestellten Apache-Kampfhubschrauber müsse Polen mindestens 240 Piloten ausbilden. Dabei seien die Apache keineswegs die einzigen neuen Hubschrauber, die in die Streitkräfte aufgenommen würden.
Und der Pilotenmangel, lesen wir weiter, sei erst der Anfang. Jede F-35, jeder Apache und jeder AW149 benötige zahlreiche Fachkräfte am Boden. Allein eine Staffel mit 16 Apache brauche ungefähr 250 unmittelbar mit dem Betrieb beschäftigte Personen: Mechaniker, Logistiker sowie Spezialisten für Bewaffnung und Avionik. Für sechs Staffeln seien das bereits rund 1.500 Menschen.
Tausende Flugzeuge, Panzer, Raketenwerfer und Haubitzen zu beschaffen, sei deshalb noch kein Beweis militärischer Leistungsfähigkeit. Entscheidend sei, sie zuverlässig einsetzen zu können. Dafür brauche es gut ausgebildete und motivierte Fachkräfte, deren Vorbereitung systematisch erfolgen müsse.
Ebenso wichtig seien stabile Dienstbedingungen. Schließlich investierten die Steuerzahler Millionen Złoty in die Ausbildung einzelner Spezialisten. Diese dürften nicht vorzeitig in die Privatwirtschaft wechseln, um dort ihre militärisch erworbenen Kenntnisse zu Geld zu machen. Ohne eine entsprechende Personalpolitik baue Polen bestenfalls große Waffenbestände auf – aber keine starke Armee, warnt Kutarba in der Rzeczpospolita.
DZIENNIK GAZETA PRAWNA: Ein neues Jalta wäre für China ein schlechtes Geschäft
Ob Donald Trump, Xi Jinping und Wladimir Putin im November am Rande des APEC-Gipfels in Shenzhen zusammenkommen, sei noch offen, schreibt Maria Wiśniewska im Wirtschaftsblatt Dziennik Gazeta Prawna. Trump habe dem russischen Vorschlag bereits zugestimmt. Der chinesische Gastgeber halte sich dagegen zurück. Diese Zurückhaltung sei typisch für China. Sie verschaffe Peking Spielraum, Reaktionen auszuloten und seine Pläne gegebenenfalls zu ändern.
China, so Wiśniewska, unterscheide sehr wohl zwischen Großmächten, die Regeln festlegten, und kleineren Staaten, die sich danach richten sollten. Nur ein Beispiel dafür sei die Aussage des ehemaligen chinesischen Botschafters in Frankreich, Lu Shaye. Dieser habe 2023 fälschlicherweise behauptet, die Krim habe schon immer zu Russland gehört. Tatsächlich sei die Krim erst seit dem Ende des 18. Jahrhunderts Teil des russischen Imperiums gewesen. Er habe auch die völkerrechtliche Stellung der früheren Sowjetrepubliken infrage gestellt, als er, ebenfalls nicht wahrheitsgemäß, behauptete, ihre Souveränität sei nirgendwo schriftlich bestätigt worden (die Charta der Vereinten Nationen ist nur ein solches Dokument). Obwohl sich das chinesische Außenministerium distanziert habe, lasse die Äußerung erkennen, wie Teile der chinesischen Elite über die Souveränität kleinerer Staaten denken.
Und dennoch, so die Autorin, führe der Vergleich eines möglichen Dreiergipfels mit Jalta in die Irre. 1945 hätten Siegermächte verhandelt, die zumindest einen Teil ihrer Vereinbarungen auch durchsetzen konnten. Heute leiste die Ukraine selbst Widerstand, während Europa die Hauptlast der Finanzierung ihrer Unterstützung trage. Washington habe seinen eigenen Einfluss durch den Stopp der Militärhilfe auf eigenen Wunsch geschwächt. Ohne Kyjiw und Europa blieben die Pläne der drei Präsidenten Papier.
Für China komme ein Interessenkonflikt hinzu. Russland hoffe auf einen Ausweg aus seiner Isolation, Trump möglicherweise auf gemeinsame Bilder und neue Geschäfte. Peking riskiere dagegen schlechtere Beziehungen zu Europa, das bereits mit Einschränkungen beim Zugang zum Binnenmarkt drohe. Auch eine amerikanisch-russische Annäherung sei für China keineswegs vorteilhaft: Russlands Abkopplung vom Westen habe ihm billige Energie und einen zusätzlichen Absatzmarkt verschafft.
China könne deshalb versuchen, als Vermittler aufzutreten und zugleich die Annäherung zwischen Washington und Moskau zu kontrollieren. Ein größeres Risiko könnte Peking eingehen, wenn es dafür etwas besonders Wertvolles erhalte – etwa Zugeständnisse bei Taiwan. Doch selbst wenn Trump solche anbiete, könne sein Interesse nach den Kongresswahlen rasch wieder erlöschen, gibt Wiśniewska im Dziennik Gazeta Prawna zu bedenken.
NOWA EUROPA WSCHODNIA: Wenn „nach dem Krieg“ kein Termin mehr ist
Die entscheidende Veränderung im fünften Kriegsjahr sei nicht der Zusammenbruch ukrainischer Widerstandsbereitschaft, argumentiert die ukrainische Historikerin Rusłana Marceniuk im Portal Nowa Europa Wschodnia, dessen Beitrag Onet übernimmt. Es sei das schwindende Vertrauen darauf, dass sich das Kriegsende zeitlich absehen lasse.
Die Durchhaltebereitschaft schwanke mit den Erwartungen an Verhandlungen. Das sei keine stetige Erschöpfungskurve. Wer auf ein versprochenes Ende warte, beginne Tage zu zählen. Wer sich von diesem Termin löse, könne Widerstandskraft zurückgewinnen. Zugleich ließen sich politische Konflikte und Reformen nicht unbegrenzt auf später verschieben.
Auch Polen müsse seine Übergangslösungen überdenken. Flüchtlingsschutz, Schulklassen und Unterkünfte seien zunächst für eine begrenzte Zeit organisiert worden. Dasselbe gelte für Logistik, Reparaturkapazitäten und Ausbildungsstrukturen zur Unterstützung der Ukraine. Aus Provisorien seien dauerhafte Aufgaben geworden.
Die polnische Debatte über Anspruchsvoraussetzungen und Finanzierung der Flüchtlingshilfe deutet Marceniuk deshalb als Übergang vom spontanen Hilfsimpuls zu einem geregelten System. Dauerhafte Aufgaben benötigten klare Kriterien und Budgets.
Darin liege jedoch eine Gefahr: Werde der Krieg in Gesetzen, Haushalten und Alltagsgewohnheiten dauerhaft eingerichtet, könne das Ausharren erträglich werden. Und was sich ertragen lasse, erzeuge weniger Druck, es zu beenden, warnt Marceniuk in Nowa Europa Wschodnia.
NEWSWEEK: Wie Chatbots Parteipropaganda „waschen“
Als unabhängige Lokalmedien getarnte Parteiseiten könnten weit über ihre eigene Leserschaft hinauswirken – weil Chatbots sie als Nachrichtenquellen verwendeten. Diesen Mechanismus beschreiben Ines Chomnalez und Isis Blachez im Wochenmagazin Newsweek. Der aus Politico übernommene Beitrag stammt von zwei Mitarbeiterinnen der Organisation NewsGuard, die die Glaubwürdigkeit von Nachrichtenangeboten untersucht.
Für ihren Test hätten die Analysten sieben verbreiteten KI-Systemen Fragen zu Kandidaten und Wahlkampfthemen gestellt. Grundlage seien Veröffentlichungen von zwölf parteinahen Internetseiten gewesen: sechs demokratisch und sechs republikanisch orientierten Angeboten in sechs amerikanischen Bundesstaaten. In 48,2 Prozent der untersuchten Antworten hätten die Chatbots solche Seiten zitiert. In 7,7 Prozent seien sie sogar die einzigen im Antworttext zitierten Quellen gewesen, auch wenn am Ende weitere Verweise erschienen.
Die Seiten würden unverfängliche Namen tragen, die nach regionalem Journalismus klingen. Hinter ihnen stünden jedoch politische Organisationen oder Netzwerke. Ihre Finanzierung und Ausrichtung seien für Leser häufig schwer zu erkennen. Bei 168 untersuchten Antworten habe nur eine ausdrücklich auf den parteilichen Charakter einer solchen Quelle hingewiesen.
Das Problem bestehe dabei nicht zwangsläufig in frei erfundenen Behauptungen. Auch zutreffende Informationen könnten durch Auswahl und Rahmung einem Wahlkampf dienen. So hätten Chatbots bei Fragen zum Abstimmungsverhalten einzelner Senatoren die Argumentation parteinaher Seiten übernommen, ohne deren politische Interessen kenntlich zu machen. Wer eine Wahlkampfbotschaft überprüfen wolle, könne dadurch beim Chatbot erneut derselben Botschaft begegnen – diesmal im Ton einer neutralen Auskunft.
In dem Test seien demokratisch orientierte Seiten deutlich häufiger zitiert worden als republikanisch orientierte. Die Autorinnen erklären dies eher mit der Aktivität und dem Umfang der Angebote als mit einer politischen Vorliebe der Sprachmodelle. Einige besonders häufig zitierte Seiten hätten nahezu täglich veröffentlicht, andere im untersuchten Zeitraum überhaupt keine neuen Beiträge.
Damit könne künstliche Intelligenz die Herkunft politischer Botschaften noch wirksamer verschleiern als die Websites selbst: Die parteiliche Quelle verschwinde hinter einer scheinbar sachlichen Zusammenfassung. Die Chatbots würden dem Material zusätzliche Autorität verschaffen und seinen politischen Ursprung „waschen“, warnen Chomnalez und Blachez im Newsweek.
Autor: Adam de Nisau