Deutsche Redaktion

Experte: Affäre könnte die Position Kiews im Westen schwächen

29.11.2025 07:46
In der Ukraine ist der einflussreiche Präsidialamtschef Andrij Jermak am Freitag überraschend zurückgetreten. Zuvor hatten Ermittler der Antikorruptionsbehörden NABU und SAP sein Haus durchsucht. Jermak galt als engster Vertrauter von Präsident Wolodymyr Selenskyj und wurde in Kiew häufig als „Vizepräsident“ bezeichnet. Offizielle Beschuldigungen gegen ihn liegen bislang nicht vor.
Der Leiter des ukrainischen Prsidialamts, Andrij Jermak (r.), ist wegen Korruptionsvorwrfen zurckgetreten.
Der Leiter des ukrainischen Präsidialamts, Andrij Jermak (r.), ist wegen Korruptionsvorwürfen zurückgetreten. Associated Press/East News

Die Durchsuchung ist Teil der Operation „Midas“, mit der ein groß angelegter Korruptionsmechanismus beim staatlichen Atomkonzern Enerhoatom aufgedeckt werden soll. Laut Ermittlern soll eine Gruppe über Jahre 10 bis 15 Prozent der Vertragswerte abgezweigt und insgesamt rund 100 Millionen US-Dollar veruntreut haben. In den Ermittlungen taucht Jermak nach Angaben ukrainischer Medien als mutmaßlicher Vermittler auf. Er bestreitet die Vorwürfe und betont, mit den Behörden zu kooperieren.

Experten sehen in der Aktion ein Signal an Selenskyj. „Die Dienste zeigen, dass sie bereit sind, auch das engste Umfeld des Präsidenten zu treffen“, sagte Marcin Jędrysiak Analyst am Zentrum für Osteuropastudien (OSW) dem Portal money.pl. Die Affäre könnte laut Beobachtern die Position Kiews im Westen schwächen – etwa bei Finanzhilfen oder der Debatte über die Nutzung eingefrorener russischer Vermögenswerte.

„Warum sollten wir Geld geben, wenn ein Teil davon gestohlen wird? Das ist die Frage, die sich viele stellen.“

Der Fall belastet auch die innenpolitische Lage. Mehrere hochrangige Beamte mussten bereits gehen, darunter der Justizminister und frühere Energieminister. Ein Vertrauter Selenskyjs betonte anonym gegenüber der «Kyiv Independent», der Rücktritt Jermaks könne „das gesamte Machtgefüge ins Wanken bringen“.

Für Antikorruptionsbehörden gilt der Fall hingegen als Erfolg. „Wir gewöhnen uns daran, dass auch Personen in höchsten Positionen zur Verantwortung gezogen werden können“, so Jędrysiak. Die Ermittlungen laufen seit über 15 Monaten und gelten als eines der weitreichendsten Verfahren seit Beginn des russischen Angriffs.


PAP/jc

 

Kommentar: Ukraines Fortschritte auf dem Weg zur EU. Und ein „Aber"

06.11.2025 14:54
Nach der Veröffentlichung des Berichts am Dienstag, dem 4. November, knallten im Regierungsviertel der ukrainischen Hauptstadt die Sektkorken. Aber: Riskiert die Europäische Kommission mit einem zu sanften Kurs nicht, den Reformwillen in Kiew zu untergraben? Eine Analyse von Osteuropaexperte Tadeusz Iwański.

Tusk warnt Ukraine: Korruption gefährdet internationale Unterstützung

14.11.2025 22:36
Polens Ministerpräsident hat die Ukraine eindringlich vor den politischen Folgen weiterer Korruptionsfälle gewarnt. Bei einem Auftritt in Retków (Woiwodschaft Niederschlesien) sagte Donald Tusk am Freitag, dass es zunehmend schwieriger werde, internationale Partner zur Solidarität mit Kiew zu bewegen, wenn neue Skandale bekannt würden. Polen werde die Ukraine weiterhin im Krieg gegen Russland unterstützen, betonte Tusk. Doch Korruption könne diese Unterstützung spürbar erschweren.

Antikorruptionsbehörde durchsucht Wohnung von Präsidialamtschef Jermak

28.11.2025 10:09
Bei einer Durchsuchung der Wohnung von Andrij Jermak, dem Leiter des ukrainischen Präsidialbüros, ermitteln die Antikorruptionsbehörden des Landes. Jermak bestätigte den Einsatz am Freitag und erklärte, er arbeite vollständig mit den Behörden zusammen. Wie der Politiker erklärte, hätten die Ermittler uneingeschränkten Zugang erhalten. Seine Anwälte seien während der Durchsuchung anwesend.