Zugleich bekräftigte der ukrainische Präsident, dass Kiew territorialen Forderungen Moskaus nicht nachgeben werde. Der Kreml erwarte als Preis für eine Waffenruhe die Abtretung von mehr als 20 Prozent des Gebiets der Oblast Donezk sowie von Teilen der Regionen Cherson und Saporischschja.
„Ich sehe das nicht nur als Verlust von Land, sondern als Aufgabe unserer Positionen und als Zurücklassen von Hunderttausenden unserer Menschen, die dort leben“, sagte Selenskyj. Ein solcher Schritt würde „unsere Gesellschaft spalten“.
Vier Jahre nach Beginn des großangelegten russischen Angriffs zeigte sich Selenskyj überzeugt vom Durchhaltewillen seines Landes. „Wir werden nicht verlieren, weil wir für die Unabhängigkeit der Ukraine kämpfen“, betonte er. Als Sieg bezeichnete er derzeit vor allem das Stoppen Russlands: „Putin daran zu hindern, die Ukraine zu besetzen, ist ein Sieg für die ganze Welt. Denn er wird nicht bei der Ukraine stehen bleiben.“
Die vollständige Rückeroberung aller besetzten Gebiete bleibe Ziel Kiews, sei jedoch eine Frage der Zeit. „Das heute zu tun, würde den Verlust von Millionen Menschen bedeuten“, sagte Selenskyj mit Verweis auf die Größe der russischen Armee. „Und was ist ein Land ohne Menschen? Nichts.“
Nach Einschätzung des Präsidenten will Putin den Krieg nicht freiwillig beenden. Zugeständnisse würden ihn nur kurzfristig zufriedenstellen. „Er braucht eine Pause. Aber wenn er sich wieder aufgebaut hat – und das kann nach Einschätzung unserer europäischen Partner drei bis fünf Jahre dauern, meiner Meinung nach nicht mehr als zwei –, wird er weitermachen“, sagte Selenskyj.
Als dringendstes Problem nannte er die Luftverteidigung. „Leider haben uns unsere Partner noch immer keine Lizenzen erteilt, um etwa Patriot-Systeme oder auch nur Raketen für die bereits vorhandenen Abschussvorrichtungen selbst zu produzieren. Warum? Ich weiß es nicht“, sagte er.
Selenskyj forderte zudem langfristige Sicherheitsgarantien der USA, die auf Ebene des Kongresses beschlossen werden sollten, damit sie nicht von der Haltung eines jeweiligen Präsidenten abhängig seien.
PAP/jc