Mit dem Beginn des fünften Jahres der „imperialen Vollkampfhandlungen“, so Sikorski, habe Kremlchef Wladimir Putin ursprünglich geplant, Kiew innerhalb von drei Tagen einzunehmen und die Ukraine faktisch Russland einzuverleiben. Die Ergebnisse seien jedoch „das Gegenteil der beabsichtigten“. Durch den Beitritt Finnlands und Schwedens sei das Bündnis gestärkt worden.
Sikorski betonte, Bündnisse beruhten auf drei Grundpfeilern: einer gemeinsamen Bedrohungsanalyse, übereinstimmenden Interessen und gemeinsamen Werten. Politiken von Alliierten könnten sich jedoch verändern. Dies sei derzeit beim transatlantischen Partner USA zu beobachten, was „natürlich eine gewisse Unruhe auslöst und eine Debatte provoziert“.
Zugleich wies der Außenminister Spekulationen über eine Abkehr Washingtons vom Bündnis zurück. Die Vereinigten Staaten riefen nicht zur Auflösung der NATO auf, sondern bekräftigten deren Fortbestand. Auch ein Rückzug aus der europäischen Sicherheitsarchitektur sei nicht angekündigt worden. Mit Blick auf Polen erinnerte Sikorski daran, dass US-Präsident Donald Trump sogar eine mögliche Aufstockung amerikanischer Truppen im Land in Aussicht gestellt habe.
Die transatlantische Einheit bleibe der wirksamste Weg, Russland abzuschrecken, sagte Sikorski. Gleichzeitig hätten die USA das Recht, von Europa mehr Engagement zu verlangen. „Mehr Verantwortung Europas ist kein Zugeständnis, sondern eine Notwendigkeit.“
Europa sei keineswegs machtlos, betonte der Minister. Auch ohne zusätzliche amerikanische Finanzhilfen leiste der Kontinent weiterhin erhebliche materielle Unterstützung für die Ukraine. Zudem seien die europäischen Verteidigungsausgaben deutlich gestiegen: Während die europäischen NATO-Mitglieder 2014 weniger als 180 Milliarden Euro für Verteidigung aufgewendet hätten, seien es 2024 bereits mehr als 320 Milliarden Euro gewesen.
Der Krieg zwischen Russland und der Ukraine hatte 2014 mit den Kämpfen im Donbass begonnen. Am 24. Februar 2022 startete Russland eine großangelegte Invasion. Die Angriffe erfolgten gleichzeitig aus drei Richtungen: aus dem Osten über die gemeinsame Grenze, aus dem Süden von der 2014 annektierten Krim und aus dem Norden über das Territorium von Belarus. Kremlchef Wladimir Putin sprach damals von einer „militärischen Spezialoperation“. Bereits Stunden zuvor hatte der damalige US-Außenminister Antony Blinken öffentlich erklärt, er erwarte noch in derselben Nacht einen russischen Angriff auf die Ukraine.
PAP/jc