GAZETA WYBORCZA: Polen hat gewonnen, da es verloren hat
Die linksliberale Gazeta Wyborcza präsentiert eine überraschende Lesart des EU-Mercosur-Abkommens. „Es endete am besten, wie es nur enden konnte", schreibt Wojciech Maziarski. Die nationalistische Opposition habe keine leichten Argumente erhalten, um die Regierung anzugreifen, während das "vorteilhafte Abkommen" in Kraft treten werde.
Zwar stelle das Abkommen eine Herausforderung für Teile der polnischen Landwirtschaft dar – hauptsächlich in der Zucker-, Rindfleisch- und Geflügelproduktion. Der Autor zitiert jedoch Prof. Łukasz Ambroziak vom Institut für Agrar- und Ernährungswirtschaft: „Die Befürchtungen scheinen etwas übertrieben. Ähnlich war es mit den Ängsten vor dem Freihandelsabkommen mit Kanada 2017. Es gab laute Proteste, dass die polnische Landwirtschaft zerstört würde, was natürlich nicht geschah."
Wojciech #Maziarski: Skończyło się najlepiej, jak tylko mogło się skończyć: nacjonalistyczna opozycja nie zyskała łatwych argumentów, by atakować rząd, a korzystne porozumienie wejdzie w życie. wyborcza.pl/7,75968,3251... #Mercosur #wyborcza
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— Gazeta Wyborcza (@wyborcza.pl) January 11, 2026 at 3:15 PM
Maziarski verweist auf eine Analyse, die erhebliche Schwächen des polnischen Agrarsektors aufzeige: Polen sei „von hinten zweiter" in der EU bei der Effizienz der Landwirtschaft pro Arbeiter, die durchschnittliche Betriebsgröße liege mit 11 Hektar unter dem EU-Durchschnitt von 17,3 Hektar, und die Produktivität pro Hektar sei „etwa 20-25 Prozent schlechter als in Deutschland und Frankreich".
Das entscheidende Argument: Industrieprodukte machten 70,9 Prozent des polnischen Exports aus, während Lebensmittel und lebende Tiere nur 13,5 Prozent betrügen. „Was ist wichtiger?", fragt der Autor. Der Präsident des Arbeitgeberverbands Lewiatan, Maciej Witucki, betone: „Die Gewinne aus dem EU-Mercosur-Abkommen werden so groß sein, dass sie eventuelle Verluste der Landwirte leicht kompensieren werden."
Pikant sei, dass Präsident Karol Nawrocki im September 2025 mit Italiens Premierministerin Georgia Meloni über Mercosur gesprochen und um Unterstützung für Polens Position gebeten habe – erfolglos. „Es ist schwer, Tusk für mangelnde Effektivität zu kritisieren, ohne zugleich Nawrocki anzugreifen, der sich als ebenso ineffektiv erwies", resümiert Maziarski in der Gazeta Wyborcza.
RZECZPOSPOLITA: Werden 35 Jahre Entwicklung nur eine Episode bleiben?
Die konservativ-liberale Rzeczpospolita veröffentlicht einen nachdenklichen Essay von Marek A. Cichocki über Polens Zukunftsperspektiven. Nach 1989, so der Autor, sei die eigene Zukunft vor allem „durch das Prisma der Strukturen" betrachtet worden, in denen Polen zu funktionieren begann. Das Denken habe sich eher auf die „Sorgen eines Primus" um die Evolution der EU oder NATO konzentriert.
Diese Perspektive sei „intellektuell und politisch recht bequem" gewesen und habe „einen bestimmten Typ von Risiko und Anstrengung ausgeschlossen". Doch nach 2016 sei eine deutliche mentale Veränderung eingetreten. „Die Frage nach den eigenen Sicherheits- oder Wirtschaftsinteressen begann man direkt und subjektiv zu formulieren, ohne sie vom ‚Wohl' der europäischen Strukturen abhängig zu machen."
Diese veränderte Perspektive resultiere teils aus der „starken Verwirbelung jener europäischen Strukturen", zumindest seit der Pandemie, aber auch „aus eigenen Entwicklungsambitionen und einem größeren Gefühl der Handlungsfähigkeit der Polen".
Die zentrale Frage sei „tödlich ernst", warnt Cichocki: „Ob die letzten 35 Jahre Entwicklung sich nur als Episode in unserer Geschichte erweisen oder zum Ausgangspunkt für eine dauerhaftere, selbstständige zivilisatorische und geostrategische Veränderung werden." Das Fenster der Möglichkeiten habe sich noch nicht geschlossen, aber man müsse sich mit der „nachlassenden Dynamik der Gesellschaft" und der „strukturellen Schwäche des Staates" auseinandersetzen. „Polen ist gewaltsam aus der Phase des Aufholens des Westens herausgetreten und in die Phase eines realen Tests seiner tatsächlichen Möglichkeiten eingetreten", so Marek A. Cichocki in der Rzeczpospolita.
Autor: Adam de Nisau