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„Die Ukraine hat den Krieg in die Häuser der Russen gebracht“

30.07.2026 07:00
Eine Serie ukrainischer Drohnenangriffe auf Logistikzentren des russischen Online-Handelsunternehmens Wildberries sorgt nach Einschätzung von Experten für erhebliche wirtschaftliche und psychologische Auswirkungen in Russland. Nach Medienberichten wurden innerhalb einer Woche acht Lager des Unternehmens zerstört oder schwer beschädigt. Rund zehn Prozent der gesamten Lagerkapazität des Konzerns sollen betroffen sein. Die Schäden werden auf zwei bis drei Milliarden US-Dollar geschätzt.
Rosyjskie ataki dronów na ukraińskie miasta
Rosyjskie ataki dronów na ukraińskie miasta Ołeksandr Hanża/Facebook

Nach Einschätzung des Sicherheitsexperten Wojciech Kotowicz verfolgt Kiew mit den Angriffen mehrere Ziele. Zum einen habe Wildberries nach ukrainischer Darstellung nicht nur zivile Waren vertrieben, sondern auch Komponenten für Drohnen, Funkgeräte und Schutzwesten für die russische Armee. Das ist kein wahlloses Anzünden von Lagerhallen, sondern ein Angriff auf einen Knotenpunkt, der mehrere Funktionen gleichzeitig erfüllt“, sagte der Experte.

Der erste Aspekt betrifft nach ukrainischer Darstellung die militärische Nutzung der Plattform. Über Wildberries seien in großem Umfang Komponenten für Drohnen, Funkgeräte sowie Schutzwesten für russische Soldaten verkauft worden. Kiew greife damit eine logistische Infrastruktur an, „die Russland nicht wirksam schützen kann“. 

Der zweite Schwerpunkt der Angriffe liegt nach Einschätzung der Experten auf der russischen Wirtschaft. Die Ukraine spreche selbst von „Langstrecken-Sanktionen“. Wildberries ist mit mehr als 20 Millionen Bestellungen pro Tag die mit Abstand größte E-Commerce-Plattform Russlands und wickelt über die Hälfte aller Online-Bestellungen des Landes ab. Nach Angaben des Wirtschaftsmagazins Forbes macht der gesamte digitale Handel rund 8,5 Prozent des russischen Bruttoinlandsprodukts aus, allein Wildberries etwa 3,7 Prozent. Der Verlust von rund zehn Prozent der Lagerkapazitäten könnte daher erhebliche Folgen für Lieferketten und Handel haben. 

Besonders schwer betroffen sind zehntausende kleine Händler, die ihre Waren in den Lagern des Unternehmens eingelagert hatten. Mit den Bränden verloren viele von ihnen ihren gesamten Warenbestand und damit ihre wirtschaftliche Existenz. Kurz vor den ersten Angriffen hatte Wildberries seine Geschäftsbedingungen geändert und Schäden durch Drohnenangriffe als höhere Gewalt eingestuft. Unternehmenschefin Tatjana Kim kündigte zwar Entschädigungen für rund 88.000 kleinere Händler an, zahlreiche Unternehmer beklagten jedoch in sozialen Netzwerken, dass Auszahlungen gestoppt worden seien und sie keinen Zugang mehr zu ihren Einnahmen hätten. Russische Influencer forderten Präsident Wladimir Putin auf, einzugreifen. 

Nach Auffassung der Experten entfalten die Angriffe vor allem eine psychologische Wirkung. Lagerhäuser seien „weiche Ziele“, die sich nur schwer gegen günstige Drohnen verteidigen ließen. Die Strategie zeige der russischen Bevölkerung, dass der Krieg längst nicht mehr auf die Front beschränkt sei. Der ehemalige Kommandeur der polnischen Spezialeinheit GROM, General Roman Polko, erklärte, die Ukraine habe die Initiative übernommen. „Bisher starben vor allem Ukrainer, während die Russen den Krieg aus der Ferne beobachteten. Jetzt zeigt die Ukraine, dass sie tief im russischen Hinterland zuschlagen kann.“ Dadurch könne auch das Vertrauen der Bevölkerung in Präsident Putin sinken. 

Nach Einschätzung der befragten Experten könnten die ukrainischen Angriffe künftig weiter ausgeweitet werden. Neben weiteren Logistikzentren könnten Energieanlagen, Verkehrsknotenpunkte, Brücken, sowie andere kritische Infrastruktur in den Fokus rücken. Entscheidend sei dabei die militärische Asymmetrie: Mit vergleichsweise billigen Drohnen zwinge die Ukraine Russland dazu, teure Luftverteidigungssysteme zum Schutz einer kaum überschaubaren Zahl potenzieller Ziele einzusetzen. „Eines ist sicher: Die Ukraine hat den Krieg in die Häuser der Russen gebracht“, meint der ehemalige Kommandeur der polnischen Spezialeinheit GROM, General Roman Polko.


IAR/jc

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