Giedroyc gilt als Gründer und langjähriger Chefredakteur der in Paris erschienenen Exilzeitschrift „Kultura“, die während der Volksrepublik Polen eine zentrale Rolle für das unabhängige politische und intellektuelle Denken spielte. Historiker bezeichnen das Redaktionshaus in Maisons-Laffitte bei Paris als „inoffizielle Botschaft eines freien Polen“.
Der Publizist war bekannt für seinen großen Einfluss, aber auch für seinen schwierigen Charakter. „Einfache Menschen gehen nicht in die Geschichte ein“, schrieb etwa der frühere RWE-Direktor Jan Nowak-Jeziorański über ihn. Auch seine engste Mitarbeiterin Zofia Hertz hob Giedroycs Instinkt für politische Themen und seine Fähigkeit hervor, bedeutende Autoren um sich zu versammeln.
Geboren wurde Giedroyc 1906 im damaligen Minsk. Schon früh prägten ihn die Wirren des Ersten Weltkriegs und der russischen Revolution. Nach dem Umzug der Familie nach Warschau engagierte er sich als Jugendlicher im polnisch-sowjetischen Krieg und begann später ein Jurastudium. In den 1930er Jahren entwickelte er ein starkes Interesse an den politischen Fragen Osteuropas, insbesondere an der Ukraine und Russland.
Giedroyc war Gründer und Chefredakteur der legendären Pariser Zeitschrift „Kultura“
Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs kämpfte Giedroyc in der polnischen Armee im Nahen Osten und nahm unter anderem an der Verteidigung von Tobruk teil. Nach dem Krieg gründete er 1946 gemeinsam mit Józef Czapski und anderen Emigranten in Rom das Literarische Institut, aus dem 1947 die Zeitschrift „Kultura“ hervorging. Noch im selben Jahr wurde der Sitz nach Maisons-Laffitte bei Paris verlegt.
Politisch prägend war Giedroycs Konzept einer Aussöhnung Polens mit seinen östlichen Nachbarn ohne territoriale Ansprüche. Das sogenannte ULB-Programm (Ukraine, Litauen, Belarus) setzte auf die Anerkennung ihrer künftigen Souveränität und eine enge Zusammenarbeit in Osteuropa.
Giedroyc blieb bis zu seinem Tod 2000 eine der einflussreichsten Stimmen der polnischen Emigration. Nach 1989 kehrte er nicht nach Polen zurück und äußerte sich kritisch über die politische Entwicklung im Land. Mit seinem Tod endete auch die Veröffentlichung von „Kultura“ – entsprechend seinem Testament.
IAR/jc