Marcin Napiórkowski stellte auf dem Forum die Grundzüge der derzeit erarbeiteten polnischen Strategie im Bereich der Erinnerungspolitik vor. Er betonte, man beobachte „eine gewaltige Welle von Desinformation, Polarisierung und gezielt wie auch zufällig verbreitetem Chaos durch verschiedene Akteure“. Die historische Erinnerung werde zu einem „Konfliktfeld“, in dem sich gesellschaftliche Spaltungen wirksam vertiefen und Meinungen manipulieren ließen.
„In dem Strategiedokument, an dem wir derzeit arbeiten, sagen wir sehr klar, dass die staatliche Kulturpolitik im Bereich der Erinnerung als zentrale Infrastruktur der Staatssicherheit behandelt werden sollte“, erklärte Napiórkowski. Die Erinnerungspolitik wirke sich auf alle anderen Bereiche aus, insbesondere auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt und damit auf die Sicherheit. „Ohne kluge Eingriffe in diesem Bereich werden wir ständig gegeneinander ausgespielt und desinformiert“, betonte er.
Seiner Ansicht nach sei für den Erhalt der Erinnerung die Wahrung ihrer natürlichen Vielfalt entscheidend. Einzelne Aspekte dieser Erinnerung dürfe man etwa unter dem Vorwand der Sicherheit nicht verdrängen. „Vielfalt ist eine zentrale Quelle der Widerstandsfähigkeit jedes Systems“, sagte er. Wenn natürliche Vielfalt durch Monokulturen ersetzt werde, entstünden neue Risiken, erklärte Napiórkowski. Zugleich verwies er auf die Notwendigkeit, bestehende Kultureinrichtungen besser auszustatten und zu unterstützen. Sie sollten auch nicht miteinander um Ressourcen oder Archivbestände konkurrieren müssen.
Wie er betonte, würden Museen und Gedenkstätten derzeit vor einer mit sichtbaren Veränderungen der Gesellschaftsstruktur verbundenen Herausforderungen stehen. „Nach mehr als 80 Jahren einer unserer Kultur und Tradition fremden Homogenität wird Polen wieder – wie in seiner Geschichte – zu einem multiethnischen und multikulturellen Staat. In der Straßenbahn hört man Gespräche in anderen Sprachen, man liest Texte in anderen Schriften. Das müssen wir ernst nehmen“, sagte er.
Die polnische Strategie im Bereich der Erinnerungspolitik soll im April vorgestellt werden. Nach Einschätzung Napiórkowskis könne sie in Zeiten so schneller Veränderungen jedoch nicht „in Stein gemeißelt“ werden. Sie sollte eher als wegweisender Kompass gelten. „Sie muss laufend auf Grundlage von Studien und den aktuellen Entwicklungen angepasst werden“, fügte er hinzu.
Zusammenarbeit von Gedenkmuseen in Polen und Deutschland
Das Deutsch-Polnische Forum der Erinnerungsorte ist eine Initiative des Staatlichen Museums Majdanek. Ziel ist es unter anderem, die Zusammenarbeit von Museen an Erinnerungsorten in Polen und Deutschland zu fördern, eine dauerhafte Plattform für den Dialog zu schaffen und gemeinsame Projekte zur Geschichte und Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg umzusetzen.
An den Beratungen haben Vertreter von 30 Museen aus Polen und Deutschland teilgenommen, die der Opfer des Zweiten Weltkriegs gedenken. Darunter Direktoren von Museen an ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslagern in Stutthof, Auschwitz, Ravensbrück, Bergen-Belsen oder Neuengamme, sowie Einrichtungen, die sich mit den Verbrechen des Nationalsozialismus befassen, wie das Museum des Zweiten Weltkriegs in Gdańsk, das Haus der Wannsee-Konferenz oder die Berliner Topographie des Terrors.
Der Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Polen, Miguel Berger, äußerte die Hoffnung, dass das Forum eine Plattform für den Dialog von Fachleuten sein und zu einer noch engeren deutsch-polnischen Zusammenarbeit beitragen werde. „Die Geschichte und der Umgang mit ihr stehen im Zentrum unserer Beziehungen. Deutschland trägt Verantwortung und fühlt sich verantwortlich für die Verbrechen während der deutschen Besatzung in Polen. Deshalb schätzen wir diesen Dialog sehr“, betonte der Botschafter.
Der stellvertretende Minister für Kultur und nationales Erbe, Marek Krawczyk, erklärte, sein Ressort habe sich dafür eingesetzt, das Forum in den „deutsch-polnischen Aktionsplan im Rahmen der Regierungskonsultationen“ aufzunehmen. „Wir wollen den Experten aus diesem besonders verantwortungsvollen Bereich der Kultur die Möglichkeit zu Dialog, Zusammenarbeit, Erfahrungsaustausch, Bedarfsanalyse und zur Entwicklung von Lösungen für die Herausforderungen der Gegenwart geben“, sagte er.
Die Beratungen des Deutsch-Polnischen Forums der Erinnerungsorte finden unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Das Forum dauert bis Donnerstag. Auf dem Programm stehen unter anderem Besuche im Staatlichen Museum Majdanek sowie im Museum und in der Gedenkstätte Sobibor.
IAR/PR/ps