Deutsche Redaktion

Kommentar: Am Rande einer Katastrophe

28.03.2026 16:12
Die Welt steht am Rande eines gewaltigen Konflikts, in dem alle Hauptbeteiligten zu den Verlierern zählen werden – während diejenigen profitieren, die abseits stehen. Leider könnten das Russland und China sein, falls die USA einen wahnsinnigen Fehler begehen und Europa sich darauf nicht vorbereitet.
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Dabei ist es ein Irrtum zu glauben, dass die Akteure der internationalen Beziehungen stets rational handeln und dass in einem Krieg, wenn die eine Seite verliert, die andere zwangsläufig gewinnen muss. Die politische Geschichte der Welt zeigt, dass der menschliche Faktor eine enorme Rolle spielt und viele Entscheidungen unter dem Einfluss von Fehleinschätzungen, Emotionen sowie Vorurteilen und Stereotypen getroffen werden.

Vor einigen Tagen warf mir ein prodemokratischer Aktivist aus dem Nahen Osten vor, ich sei ein übermäßiger Pessimist, da seiner Meinung nach eine Einschränkung des regionalen Einflusses Irans möglich sei und dies der Schlüssel zur Stabilisierung der Region wäre. Ich antwortete ihm mit einer Anekdote. Stellen wir uns Europa im Jahr 1913 vor und einen hellseherischen Großvater, der mit seinen kleinen Enkeln spricht. Als Optimist könnte er ihnen sagen, dass sie, ehe sie sein Alter erreichen, eine wunderbare Zukunft erwartet: ein vereintes Europa ohne Kriege. Als Pessimist könnte er allerdings hinzufügen, dass sie in der Zwischenzeit getötet werden könnten, denn auf dem Weg dorthin würden zwei gigantische Katastrophen liegen, massives Blutvergießen, Völkermord und Ähnliches.

Die Lehre von 1914

Vom Ersten Weltkrieg profitierte keine der Hauptkonfliktparteien. Deutschland war damals die größte Macht, die Europa – und damit die damalige Welt – militärisch, wirtschaftlich und demografisch dominierte. Nach Kriegsausbruch errang es blitzartige Erfolge sowohl gegen Frankreich als auch gegen Russland und hielt die territorialen Gewinne bis Kriegsende. Doch was half es, wenn der Krieg das Land derart erschöpfte, dass es am Ende verlor. Drei Imperien der unterlegenen Koalition hörten auf zu existieren, doch dasselbe geschah mit dem Russischen Reich, das auf der Seite der Sieger gestanden hatte. Frankreich ging völlig geschwächt aus dem Krieg hervor, während ein neuer Akteur die Bühne betrat: die USA.

Sackgasse am Persischen Golf

Jetzt könnte es ähnlich sein. Die USA sind eine unbestrittene Militärmacht, was sie in den ersten Kriegstagen unter Beweis gestellt haben. Doch die Vereinigten Staaten gingen ohne Plan und auf Illusionen gestützt in diesen Krieg. Deshalb ist er in einer Sackgasse gelandet, und die absolute Lufthoheit erwies sich als nicht ausreichend, um die Entschlossenheit Irans zu brechen, der bislang seine Strategie erfolgreich umsetzt. Die USA haben keine Idee, wie sie die Straße von Hormus entsperren könnten, und ein Angriff auf die Energieinfrastruktur Irans wird höchstwahrscheinlich dazu führen, dass die Region infolge von Vergeltungsschlägen gegen die Infrastruktur der arabischen Staaten, Entsalzungsanlagen und eine mögliche Verseuchung der Gewässer des Persischen Golfs in eine totale Wüste verwandelt wird. Gewaltige Migrationswellen und eine globale Wirtschaftskrise werden zur Destabilisierung Europas führen, zu Unruhen, und schließlich zur Machtübernahme durch extremistische Gruppierungen – möglicherweise sogar zum Untergang der Demokratie auf unserem Kontinent. Unmöglich? Wer hielt 1914 das für möglich, was Europa fünf Jahre später erleben sollte?

Natürlich würden auch die USA dafür bezahlen, insbesondere die derzeit regierenden Republikaner, denen die Wähler bereits bei den Midterm-Wahlen im November die Rechnung präsentieren werden. Doch es gibt ein noch schlimmeres Szenario. Iran weiß, dass eine Bodeninvasion Wahnsinn wäre, und geht davon aus, dass es dazu nicht kommen wird. Nur: Wahnsinn kommt in der Politik vor. Wenn Donald Trump einige tausend Soldaten entsendet, um die Insel Charak oder andere iranische Inseln oder seine Küste einzunehmen, wird das in einem Massaker enden. Dieses wiederum wird eine vollständige Invasion erzwingen, weil die Amerikaner eine solche Demütigung nicht hinnehmen können. Dann wird auch der Druck auf die europäischen Verbündeten steigen, in diesen Krieg einzutreten, und die Vereinigten Staaten werden versuchen, Russland zu neutralisieren oder auf ihre Seite zu ziehen. Das ist bereits erkennbar – und es ist ein gravierender Fehler.

Moskaus zynisches Kalkül

Russland betrachtet Iran nicht als Verbündeten, sondern als Werkzeug, und es liegt in Moskaus Interesse, die Eskalation so weit wie möglich voranzutreiben. Was nach diesem Krieg vom Iran übrig bleibt, ist für den Kreml bedeutungslos – wichtig ist nur, dass die USA ihre Ressourcen möglichst stark erschöpfen. Daher kann Russland den Iran natürlich unterstützen, wird ihn aber ebenso gern für den richtigen Preis verkaufen – und die Amerikaner scheinen bereit, mehr zu zahlen, als diese russische Hilfe wert ist. Moskau hat bereits höhere Ölpreise und eine teilweise Aufhebung der Sanktionen erhalten – und das völlig umsonst, ohne jede Gegenleistung. Der zweite Gewinn sind die transatlantischen Spannungen, die zunehmen werden, wenn eine Bodeninvasion beginnt und Europa seine Teilnahme verweigert. Natürlich wäre eine Teilnahme die noch schlechtere Option, da sie bedeuten würde, Potenzial für einen sinnlosen Krieg zu opfern, während die Bedrohung durch Russland wächst.

Europa muss jetzt handeln

Was wäre ein besseres Geschenk und ein größerer Anreiz für Russland, seine imperialen Ambitionen auszuweiten, als ein in einen zermürbenden Krieg im Nahen Osten verstrickter Westen – oder nur die USA allein –, während die NATO durch Vorwürfe der „Undankbarkeit" gegenüber den europäischen Verbündeten zerrissen wird und Stimmen laut werden, das Bündnis sei für die Sicherheit der USA nutzlos? Was wird Russland dann davon abhalten, die baltischen Staaten anzugreifen, wenn Europa seine Verteidigungsbereitschaft dort nicht rechtzeitig stärkt? Man muss schnell handeln, jede Möglichkeit eines militärischen Engagements im Nahen Osten ablehnen und sich stattdessen auf die Abschreckung Russlands konzentrieren, damit es nicht auch nur einen Quadratmillimeter des Territoriums der EU-Staaten einzunehmen versucht. Der polnische Soldat wird nicht vor Teheran sterben, aber Narva oder Lettgallen werden wir um jeden Preis verteidigen.

Witold Repetowicz, Journalist und Experte für den Nahen Osten. Autor von Reportagebüchern über Konflikte in der Region, berichtete über die Ereignisse in Syrien und im Irak. Dozent an der Akademie für Kriegskunst.


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