JEDWABNE – Unter Polizeischutz wird im polnischen Jedwabne an diesem Freitag der vor 85 Jahren ermordeten jüdischen Einwohner gedacht. Die von Deutschen inspirierte Tat vom 10. Juli 1941 wurde nach den Ermittlungen des polnischen Instituts für Nationales Gedenken von örtlichen polnischen Zivilisten ausgeführt. Erstmals seit der Gedenkfeier mit Präsident Aleksander Kwaśniewski im Jahr 2001 haben wieder Amtsträger im Rang von Parlamentspräsidenten ihre Teilnahme angekündigt.
Sejm-Marschall Włodzimierz Czarzasty und Senats-Marschallin Małgorzata Kidawa-Błońska nehmen an den Gebeten am offiziellen Mahnmal teil. Organisiert wird die Feier wie in den Vorjahren von der Jüdischen Religionsgemeinde in Warschau. Erwartet werden Geistliche verschiedener Religionen und Konfessionen. Üblicherweise gibt es keine politischen Reden; die Teilnehmer beten, legen Blumen und kleine Steine nieder und besuchen den nahe gelegenen jüdischen Friedhof.
Seit Kwaśniewskis Besuch zum 60. Jahrestag hatte kein polnischer Präsident oder Regierungschef an der Gedenkfeier in Jedwabne teilgenommen. Kwaśniewski bat damals im eigenen Namen und im Namen jener Polen um Vergebung, deren Gewissen durch das Verbrechen berührt sei.
IPN geht von mindestens 340 Ermordeten aus
Nach den 2003 abgeschlossenen Ermittlungen des Instituts für Nationales Gedenken, kurz IPN, bestand die unmittelbar handelnde Gruppe aus mindestens rund 40 polnischen Zivilisten. Das Institut schrieb ihr die „entscheidende Rolle“ und die Täterschaft im engeren Sinne zu. Die Deutschen bewertete es als Täter im weiteren Sinne. Welche konkrete Rolle deutsche Kräfte am Tatort spielten, ließ sich nicht abschließend klären.
Auch die genaue Opferzahl ist nicht gesichert. Das IPN geht von mindestens 340 Ermordeten aus, darunter mindestens 300 Menschen, die lebendig in einer Scheune verbrannt wurden. Der Historiker Jan Tomasz Gross nannte in seinem Buch „Nachbarn“ 1600 Opfer. Das IPN bezeichnete diese Zahl ausdrücklich als „höchst unwahrscheinlich“. Manche Forscher sprechen von 900 bis 1000 Opfern.
Rechtsextreme Gegenveranstaltungen
Parallel zum offiziellen Gedenken finden in unmittelbarer Nähe rechtsextreme Gegenveranstaltungen statt. Auf einem Privatgrundstück organisiert der Publizist Wojciech Sumliński ein mehrtägiges Treffen. Dort stehen seit 2025 acht Steine mit Tafeln, deren Texte eine Beteiligung polnischer Täter bestreiten. Diese Behauptungen widersprechen den Feststellungen des IPN und dem historischen Forschungsstand.
Die Staatsanwaltschaft untersucht, ob mit den dort verbreiteten Inhalten unter anderem zu Hass aus religiösen oder nationalen Gründen aufgerufen wurde. Auch ein 2026 eingerichtetes Informationszentrum ist Teil der Prüfung. Beschuldigte gibt es bislang nicht.
Auf einem weiteren Grundstück veranstalten die Konfederacja Korony Polskiej des rechtsextremen Politikers Grzegorz Braun und die Zeitschrift „Najwyższy Czas“ ein eigenes Treffen. Zeitgleich mit den offiziellen Gebeten wollen die Veranstalter eine Tafel und ein Kreuz enthüllen. Auch sie stellen die vom IPN festgestellte Täterschaft örtlicher Polen infrage. Beim Jahrestag 2025 hatten Anhänger Brauns zeitweise die Abfahrt eines Fahrzeugs mit dem polnischen Oberrabbiner Michael Schudrich blockiert. Die Polizei griff ein.
Die Sicherheitsbehörden sind in diesem Jahr erneut mit zusätzlichen Kräften im Einsatz. Zwischen 6.00 und 16.00 Uhr gilt im Umkreis von 500 Metern um den Gedenkort eine Flugverbotszone. Sie reicht bis in eine Höhe von etwa 755 Metern und betrifft auch Drohnen.
US-Botschafter: Jedwabne war Ausnahme, nicht Regel
Der US-Botschafter in Polen, Tom Rose, bezeichnete Jedwabne in einer Botschaft zum Jahrestag als „Ausnahme, nicht Regel“ im deutsch besetzten Polen. Der Historiker Paweł Machcewicz warnte dagegen in einem PAP-Interview vor einem „Rückschritt“ in der öffentlichen Auseinandersetzung mit Jedwabne. Teile der heutigen Rhetorik verglich er mit der nationalistischen Propaganda der 1960er Jahre unter dem kommunistischen Politiker Mieczysław Moczar.
PAP/adn