Am 83. Jahrestag des Blutsonntags von Wolhynien reist Polens Präsident Karol Nawrocki nach Radruż in Südostpolen. Dort will er am Samstag der Opfer der Massaker an polnischen Zivilisten gedenken. Der Gedenktag fällt inmitten des seit mehreren Woche dauernden Konflikts zwischen Warschau und Kiew über die Erinnerung an die Ukrainische Aufständische Armee UPA – und in eine Debatte, wie weit historische Konflikte die Zusammenarbeit beider Länder angesichts der russischen Bedrohung belasten dürfen.
Der Sprecher des Präsidenten, Rafał Leśkiewicz, kündigte Nawrockis Besuch in Radruż nahe der polnisch-ukrainischen Grenze an. Präsidentenminister Marcin Przydacz sagte, Nawrocki werde bei den Feiern „die historische Wahrheit und die polnische Ehre verteidigen“. Zunächst werde er sich aber „vor den Opfern verneigen“. Nawrocki hatte nach einem Treffen mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj am Rande des Nato-Gipfels in Ankara erklärt, für ihn seien „die UPA, die Symbole der UPA“ nicht verhandelbar.
Regierung appelliert um Deeskalation
Die Regierung in Warschau ruft zu einer Beruhigung der Lage auf. Verteidigungsminister und Vizepremier Władysław Kosiniak-Kamysz sagte: „Jetzt sollte es zu einer Deeskalation kommen.“ Polen müsse zu einer pragmatischen Politik zurückkehren, vor allem in Wirtschaftsfragen und bei der Unterstützung der Ukraine gegen Russland. Zugleich kritisierte Kosiniak-Kamysz ausdrücklich beide Seiten: Selenskyjs Schritt stärke in Polen extreme antiukrainische Kräfte; Nawrockis Entzug des Ordens habe dem polnischen Präsidenten politischen Nutzen gebracht. Teilen der Opposition warf er vor, sich in der Ukraine-Politik an dem rechtsradikalen Grzegorz Braun zu orientieren.
Außenminister Radosław Sikorski warnte vor einer Instrumentalisierung des Streits durch Moskau. Die aktuelle Kontroverse werde vom früheren russischen Präsidenten Dmitri Medwedew und von der Sprecherin des russischen Außenministeriums gelobt, sagte er. „Im Dreieck Polen–Ukraine–Russland gilt: Wo zwei sich streiten, profitiert der Dritte – und dieser Dritte ist immer Russland, zum Schaden sowohl der Ukraine als auch Polens.“
Auslöser der jüngsten Spannungen war Selenskyjs Entscheidung von Ende Mai, einer ukrainischen Militäreinheit den Namen „Helden der UPA“ zu geben. Dies stieß in Polen parteiübergreifend auf Kritik. Nawrocki entzog Selenskyj daraufhin den Orden des Weißen Adlers; Selenskyj schickte die Auszeichnung nach Warschau zurück. Auch weitere ukrainische Politiker gaben polnische Orden zurück, während Politiker der polnischen Opposition die Rückgabe ukrainischer Auszeichnungen ankündigten.
Der Leiter des ukrainischen Präsidialbüros Kyrylo Budanow legte in einem Interview mit RBK-Ukraina nach und behauptete, nach seinen Informationen bereite die polnische Seite im Vorfeld des Wolhynien-Jahrestags „eine ganze Reihe von Handlungen vor, die zur Eskalation führen“.
Versöhnliche Signale nach Ankara
Selenskyj schlug nach dem Treffen mit Nawrocki in Ankara einen versöhnlicheren Ton an. Das Gespräch sei „wichtig, ziemlich lang und konstruktiv“ gewesen, sagte er. „Meiner Meinung nach sollten wir konstruktiv und behutsam sein, um die wichtigen, freundschaftlichen und nachbarschaftlichen Beziehungen zwischen der Ukraine und Polen nicht zu zerstören.“ Beide Präsidenten betonten zugleich, Russland bleibe die gemeinsame Hauptbedrohung.
Der 11. Juli erinnert in Polen an den Höhepunkt der Wolhynien-Massaker. Nach Angaben polnischer Historiker griffen ukrainische nationalistische Einheiten am 11. Juli 1943 polnische Einwohner von etwa 150 Ortschaften in Wolhynien an. In den Jahren 1943 bis 1945 wurden auf Wolhynien und in Ostgalizien mehr als 100.000 Polen getötet. Als erster Massenmord gilt der Angriff vom 9. Februar 1943 auf das Dorf Parośla.
IAR/PAP/adn