Puhl arbeitet nach eigenen Angaben derzeit selbst an einem Text über die veränderte Wahrnehmung Polens. „Ich schreibe einen Text darüber, dass sich Polen so gut entwickelt, dass die Polen aufgehört haben, einen Komplex gegenüber dem Westen zu haben“, sagte er. In vielen Bereichen hätten sie inzwischen sogar den Eindruck, dass ihr Land besser funktioniere als Deutschland.
Als Beispiel nannte Puhl seine Erfahrungen bei früheren Besuchen in Warschau. „Taxifahrer beklagten sich über das polnische Chaos und träumten von einem Job in Deutschland“, erinnerte er sich. Heute erzählten sie ihm dagegen, „wie gut es in ihrem Land läuft und wie schlecht es jenseits der Oder ist“.
„Die Einstellung der Polen gegenüber den Deutschen hat sich dramatisch verändert. Und das ist ein Gradmesser für den Sprung, den Polen gemacht hat“, sagte Puhl.
Gleichzeitig wüssten die meisten Deutschen nach wie vor relativ wenig über Polen. Deutschland sei mental weiterhin stark nach Westen orientiert. Über die modernen Straßen, das schnelle Internet, die neuen Züge und das wachsende Autobahnnetz in Polen wüssten vor allem diejenigen Bescheid, die selbst dorthin reisten, sagte Puhl.
Allein 2025 kamen nach Angaben der polnischen Statistikbehörden rund 1,7 Millionen deutsche Besucher nach Polen. Damit stellten Deutsche erneut die größte Gruppe ausländischer Touristen.
Puhl berichtete von seinem Schwager, einem wohlhabenden Juristen, der kürzlich mit Kollegen aus seiner Kanzlei mehrere Tage in Warschau verbracht habe. Dieser sei nicht nur von der Infrastruktur und Architektur beeindruckt gewesen, sondern auch von der Atmosphäre und dem Selbstbewusstsein der Menschen. In Polen liege „Optimismus geradezu in der Luft“, habe sein Schwager gesagt. In Deutschland herrsche dagegen eine depressive Stimmung, viele Menschen seien überzeugt, dass alles falsch laufe.
Noch vor 20 oder 30 Jahren sei die Situation umgekehrt gewesen, sagte Puhl. Damals hätten sich die Deutschen stärker des Lebens gefreut, während viele Polen unzufrieden gewesen seien und über eine Auswanderung nachgedacht hätten.
Auch alte Stereotype über Polen hätten sich nach Einschätzung des Publizisten verändert. Polen würden in Deutschland nicht mehr in erster Linie als billige Arbeitskräfte oder Autodiebe wahrgenommen. Klischees wie die „polnische Putzfrau“ oder der „polnische Gastarbeiter“ verschwänden zunehmend.
Zur Belastung des deutsch-polnischen Verhältnisses habe allerdings die von Deutschland durchgesetzte Übergangsfrist für den Zugang polnischer Arbeitnehmer zum deutschen Arbeitsmarkt beigetragen. Viele Deutsche seien damals mit Polen konfrontiert gewesen, die illegal und für deutlich niedrigere Löhne als Deutsche gearbeitet hätten. Gleichzeitig hätten gut ausgebildete Polen, darunter Manager, Ärzte und Architekten, in Ländern wie Großbritannien oder Schweden Karriere gemacht.
Nach Einschätzung Puhls verbessert sich das Polenbild in Deutschland bereits seit mehr als einem Jahrzehnt. Inzwischen herrsche dort zunehmend die Wahrnehmung vor, dass sich die polnische Wirtschaft dynamisch entwickle. Auch die Nachricht, Polen sei mittlerweile die sechstgrößte Volkswirtschaft der EU, habe diesen Eindruck bestätigt.
Ein Zeichen für den Wandel sei auch, dass die abwertende Redewendung „Polnische Wirtschaft“ in Deutschland kaum noch verwendet werde. Der Ausdruck stammt aus dem 18. Jahrhundert und stand ursprünglich für Misswirtschaft, Unordnung und mangelnde Organisation.
Auch historische Fragen spielen laut Puhl weiterhin eine Rolle, allerdings unterschiedlich stark. Die Forderungen nach Entschädigungen für die deutschen Verbrechen während des Zweiten Weltkriegs beschäftigten die deutsche Gesellschaft weniger als die polnische.
Im rechten politischen Spektrum Deutschlands stoße dagegen die entschlossene polnische Migrationspolitik auf Zustimmung, sagte Puhl. Dazu gehöre auch der Grenzzaun an der Grenze zu Belarus. In diesen Kreisen werde Polen teilweise als Vorbild für Europa betrachtet.
„Deutsche, die mehr über Polen wissen, beneiden die Polen um die Wirtschaftsreformen, die in ihrer Heimat nur schleppend vorankommen“, sagte Puhl.
Positiv habe sich auch die Wahrnehmung der polnischen Hilfe für die Ukraine entwickelt. Wie in Belgien und anderen westlichen Ländern habe die deutsche Öffentlichkeit mit großer Sympathie beobachtet, wie Polen nach dem russischen Angriff 2022 ukrainische Flüchtlinge aufnahmen und unterstützten.
PAP/jc