Deutsche Redaktion

„Für Grönland kämpfen" oder „unter die Goldene Kuppel"?

19.01.2026 12:51
Der Streit um Grönland zwischen den USA und Europa dominiert die polnischen Zeitungskommentare. Während einige Publizisten die europäische Verteidigung der arktischen Insel als absurd bezeichnen, warnen andere vor den deutschen Hintergedanken in diesem Konflikt. Sollte sich Polen in den transatlantischen Streit hineinziehen lassen? Welche Rolle spielen die neuen bilateralen Verteidigungsverträge? Und: Was plant Washington für das Weltwirtschaftsforum in Davos? Mehr dazu in der Presseschau.
Dnemark und Norwegen warnen: US-Handelsdrohungen drfen Fokus auf Ukraine-Krieg nicht schwchen
Dänemark und Norwegen warnen: US-Handelsdrohungen dürfen Fokus auf Ukraine-Krieg nicht schwächenreuters

DZIENNIK/GAZETA PRAWNA: „Absurde Verteidigung einer Insel"

Das Wirtschaftsblatt Dziennik/Gazeta Prawna veröffentlicht einen pointierten Kommentar von Robert Bogdański, dem ehemaligen Chefredakteur der Polnischen Presseagentur PAP. Die europäische Verteidigung Grönlands, so Bogdański, stehe in ihrer Absurdität der diplomatischen Unbeholfenheit der aktuellen US-Administration in nichts nach. Die Situation, in der zwei Militärflugzeuge mit einigen Dutzend Soldaten auf der größten Insel der Welt landeten und die vermeintlich seriösen Medien dies als Beginn der Vorbereitungen zur Verteidigung gegen eine Annexion durch Amerika darstellten, werde eines Tages sicherlich in einer politischen Komödie verfilmt werden, so Bogdański.

Der Autor verweist auf eine Umfrage in Deutschland, in der 62 Prozent der Befragten angegeben hätten, sie wären bereit, Grönland gegen die USA zu verteidigen. Selbst im fernen Rumänien habe sich ein Journalist so auf dieses Thema versteift, dass er dem dortigen Verteidigungsminister die Erklärung entlockt habe, man sollte vielleicht Artikel 5 des Nordatlantikvertrags anwenden -- „oder zumindest eine ‚Koalition der Willigen' bilden". Nicht schlecht, so Bogdański ironisch, für ein Land, das sich seit Jahren den Amerikanern als osteuropäischer Musterschüler in Sachen Verteidigung und transatlantischer Zusammenarbeit präsentiere.

Auf Grönland, erinnert der Autor, befinden sich ausgedehnte Vorkommen Seltener Erden, die auf etwa 1,5 Millionen Tonnen geschätzt würden und damit zur Weltspitze gehörten. Eine der Lagerstätten, Kvanefjeld, enthalte zudem bedeutende Uranvorkommen; die Lizenz sei wegen Bedenken vor radioaktiver Verseuchung eingefroren worden. Bezeichnenderweise halte ein chinesisches Unternehmen Anteile an diesem Projekt. Die amerikanischen Maßnahmen richteten sich möglicherweise auch gegen die Ausweitung des chinesischen Einflusses im Sektor der kritischen Rohstoffe, so Bogdański.

Wichtiger sei jedoch Trumps neuestes Verteidigungsprojekt, die sogenannte Goldene Kuppel -- eine Fortführung der Strategischen Verteidigungsinitiative aus der Reagan-Ära. Selbst wenn dieses System nicht vollständig wirksam sei, würde es das bisherige strategische Gleichgewicht ernsthaft erschüttern. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts beruhe dieses Gleichgewicht auf dem Prinzip der gegenseitig zugesicherten Zerstörung. Wenn jedoch die Vereinigten Staaten in der Lage wären, die meisten angreifenden Raketen abzuschießen und gleichzeitig ihre Fähigkeit zum Gegenschlag bewahrten, würden sie weitgehend unempfindlich gegen nukleare Erpressung. „Infolgedessen könnten sie der Versuchung des Isolationismus erliegen, und Europa würde allein den Bedrohungen durch Russland und China gegenüberstehen", warnt der Autor.

Vielleicht, so Bogdański, wäre die Einbeziehung der Europäischen Union in das Projekt der Goldenen Kuppel eine gute, wenn auch sehr teure Lösung. Sie böte Schutz vor Angriffen mit Langstreckenraketen und würde gleichzeitig Europa und Amerika strategisch verbinden, wodurch das Gespenst des Isolationismus in die Ferne rücken würde. Das einzige Problem seien die Kosten. Trump habe 175 Milliarden Dollar genannt, doch vieles deute darauf hin, dass dies nur die jährlichen Betriebskosten des Systems betreffen könnte. Die Europäische Union könne sich eine solche Ausgabe leisten. „Die Frage ist nur, ob sie nicht lieber um Grönland kämpfen will", schließt Robert Bogdański seinen Kommentar in Dziennik/Gazeta Prawna.

RZECZPOSPOLITA: „Berlin verfolgt eigene Interessen auf Kosten Polens"

Grönland ist keine existenzielle Angelegenheit aus Sicht der polnischen Sicherheitspolitik, schreibt in seinem Kommentar für die Rzeczpospolita der Politikwissenschaftler Marek Cichocki. Geht es nach Cichocki, handle es sich um einen Konflikt zwischen Kopenhagen und Washington um die größte Insel der Welt, der nicht zum ersten Mal zwischen zwei NATO-Mitgliedern ausbreche und noch bis in die Zeit des Zweiten Weltkriegs zurückreiche.

Cichocki warnt vor den Stimmen, die auch in Polen zu hören seien, wonach die europäischen Staaten in der Grönland-Frage auf einen harten Zusammenstoß mit Washington zusteuern sollten. Die Situation sei zwar heikel, da man auch die Empfindlichkeiten der skandinavischen Staaten respektieren müsse, die in baltischen Fragen wichtige Verbündete seien. Doch das sei etwas anderes, als dem von Paris und Berlin vorgezeichneten Weg zu folgen, für die die Grönland-Frage zu einem Stellvertreterkrieg mit Trump werde. „Wir dürfen uns nicht hineinziehen lassen. Nicht weil wir Trump lieben, sondern weil wir eigene Sicherheitsinteressen haben", betont der Autor.

Besondere Aufmerksamkeit widmet Cichocki der Politik Berlins. Es sei offensichtlich, dass man dort bereits an der Möglichkeit einer Verständigung mit der Trump-Administration über die Bedingungen einer erneuten Zusammenarbeit mit Russland nach dem Einfrieren des Krieges in der Ukraine arbeite. Friedrich Merz habe es unverblümt gesagt: Wenn Amerika sich nicht mit der EU einigen könne, solle es wenigstens Deutschland wählen. Es scheine, als wolle Berlin durch die Verschärfung des Konflikts um Grönland zumindest einen Teil der europäischen Staaten als Konkurrenz aus den Beziehungen zu Amerika hinausdrängen. „Wie man sieht, meinen auch bei uns einige, wir sollten eine solche ‚ehrenvolle' Rolle spielen", so Marek A. Cichocki in der Rzeczpospolita.

GAZETA WYBORCZA: „NATO in der NATO" -- Polens neue Bündnisse

Über ein neues Netz von bilateralen Bündnissen, das als Reaktion auf die neue Politik der USA entstehe, schreibt im Aufmacher der linksliberalen Gazeta Wyborcza Bartosz T. Wieliński. Deshalb werde Polen etwa in diesem Jahr zwei weitere Verträge über gemeinsame Verteidigung unterzeichnen.

Europäische Diplomaten, mit denen die Zeitung gesprochen habe, behaupteten, das sich in Europa herausbildende neue Bündnisnetz sei keine Lösung für den schwarzen Tag, falls das Nordatlantische Bündnis wegen der imperialen Ambitionen von Präsident Trump auseinanderfalle oder aufhöre zu funktionieren. Man stärke damit die NATO von innen und übernehme mehr Verantwortung für die Sicherheit in Europa -- genau das, was Präsident Trump von den Europäern erwarte, so die Gesprächspartner der Zeitung. Tatsache sei jedoch, dass die Machtübernahme durch Trump und seine Aussagen etwa die Unterzeichnung des polnisch-französischen Vertrags im vergangenen Jahr beschleunigt haben. 

Wie die Zeitung aus Regierungskreisen erfahren habe, solle höchstwahrscheinlich bereits im Februar nun auch ein dem polnisch-französischen Abkommen analoger Vertrag zwischen Polen und Großbritannien unterzeichnet werden. Im Juni dann, zum 35. Jahrestag der Unterzeichnung des Vertrags über gute Nachbarschaft mit dem vereinigten Deutschland, würden Premierminister Donald Tusk und Bundeskanzler Friedrich Merz ebenfalls einen neuen Vertrag unterzeichnen.

Diese Dokumente verbinde eines: Die Vereinbarungen Warschaus mit Paris, London und Berlin enthielten neben der Ankündigung noch engerer Zusammenarbeit auch Bestimmungen über gemeinsame Verteidigung. Im Falle der Abkommen mit Frankreich und Großbritannien hätten solche Verpflichtungen eine besondere Dimension, da beide Länder über Atomwaffen verfügten -- insgesamt über 400 Sprengköpfe, die von U-Booten und im Falle Frankreichs auch von Flugzeugen getragen würden. Dies sei zwar nur ein Zehntel des amerikanischen Nukleararsenals, reiche aber nach Berechnungen aus der Zeit des Kalten Krieges aus, um Russland wirksam abzuschrecken. „Nach Inkrafttreten der Verträge würde Polen, sollte die NATO aufhören zu funktionieren, unter dem französisch-britischen Atomschirm bleiben", lesen wir in der Gazeta Wyborcza. Ein europäischer Diplomat fasst zusammen: „So entsteht eine NATO in der NATO. Für alle Fälle."

GAZETA.PL: „Stunde der Wahrheit" in Davos

Das Nachrichtenportal gazeta.pl berichtet unter Berufung auf den Kyiv Post über die konkreten Verhandlungsoptionen, die Washington für das Weltwirtschaftsforum in Davos vorbereite. Präsident Trump habe seinem Team die Ausarbeitung mehrerer Optionen für Grönland aufgetragen, die den europäischen Verbündeten in Davos vorgeschlagen werden sollten, so das Portal. 

Eine Option sei eine 99-jährige Pacht der zu Dänemark gehörenden Insel, deren Ziel es sei, die europäische Empörung abzumildern und gleichzeitig den USA die faktische Kontrolle über die ressourcenreiche arktische Insel zu sichern. Eine weitere in Washington erwogene Option sei die „Puerto-Rico-Option" -- den Grönländern würden dieselben Rechte wie den Einwohnern Puerto Ricos angeboten. Die Inselbewohner würden US-Bürger mit vollem gegenseitigem Zugang und Handelsprivilegien, wären von der US-Einkommensteuer befreit und hätten die Möglichkeit, auf US-Territorium umzuziehen.

Am Samstag habe Trump einen zehnprozentigen Zoll auf Dänemark und sieben weitere europäische Länder angekündigt, die ihre Soldaten nach Grönland entsandt hätten. In einer gemeinsamen Erklärung  hatten die Staats- und Regierungschefs von Dänemark, Norwegen, Schweden, Frankreich, Deutschland, Großbritannien, den Niederlanden und Finnland gewarnt, dass Zolldrohungen die transatlantischen Beziehungen untergraben und eine gefährliche Rückkopplung drohe. Italiens Premierministerin Giorgia Meloni habe die Zölle Trumps als „Fehler" bezeichnet, der niederländische Außenminister David van Weel als „Erpressung". „Davos wird die Stunde der Wahrheit sein", zitiert das Portal einen Informanten. Ein hochrangiger westlicher Beamter habe die Lage so eingeschätzt: „Dies ist die schwerste transatlantische Krise, die wir seit dem Irakkrieg erlebt haben."

Autor: Adam de Nisau


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