Deutsche Redaktion

„Zeit der Schande"

23.01.2026 13:04
Vier Jahre nach Beginn des russischen Angriffskrieges frieren die Ukrainer in ihren Städten, während der Westen weiterhin zögert. Wer trägt die Verantwortung für diese „Schande"? Außerdem: Warum ist Europa so anfällig für geopolitische Erpressung? Und: Werden die letzten polnischen Opfer der Nazi-Besatzung ihre Entschädigung noch erleben? Mehr dazu in der Presseschau.
Po ostrzela Kijowa połowa bloków została bez ogrzewania
Po ostrzela Kijowa połowa bloków została bez ogrzewaniaUkrinform/ABACA/Abaca/East News

DZIENNIK/GAZETA PRAWNA: „Zeit der Schande"

Das Wirtschaftsblatt Dziennik/Gazeta Prawna rechnet in einem scharfen Kommentar mit dem Westen ab. Vier Jahre Krieg in Europa, vier Jahre Massenmord, Vergewaltigungen und Folter – und die mächtigsten Demokratien der Welt hätten es nicht geschafft, dies zu stoppen, schreibt Witold Sokała im Leitkommentar zur Wochenendausgabe. „Wir müssen das beenden. Wenn es nicht gelingt, wird es eine Schande sein", habe Donald Trump vor seinem Treffen mit Wolodymyr Selenskyj in Davos gesagt. Dem sei schwer zu widersprechen – es sei allerdings schon lange eine Schande.

Diese Schande betreffe jedoch nicht Selenskyj und die Ukrainer, nicht die Millionen einfacher Menschen im Westen, die nach Kräften versuchten, dem Guten beim Sieg über das Böse zu helfen. Es sei die Schande der politischen und wirtschaftlichen Führungskräfte, die Putin zunächst hätten „Krallen wachsen lassen" und ihn dann durch ihre zögerliche Haltung zu weiteren Aggressionen ermutigt hätten. Es sei die Schande derer, die nach Februar 2022 die Hilfe für die Ukraine „dosierten" – aus Angst, dem Aggressor zu sehr zu schaden.

Vor allem aber, so der Autor, sei es die Schande Donald Trumps selbst. Er hätte aus den Fehlern seines Vorgängers lernen können, über die er so gerne spreche. Stattdessen habe er eines der kompetentesten Mitglieder seines Teams, General Keith Kellogg, entlassen – „sobald die Russen dies forderten" – und die Angelegenheit seinem „Golf-Kumpel" übergeben. Trump hätte längst die mächtigen Instrumente der USA einsetzen können, um Putin zum Aufhören zu zwingen. „Er zog es vor, den Mörder auf dem roten Teppich zu umarmen."

Das Treffen der Präsidenten der USA und der Ukraine habe keine konkreten Ergebnisse gebracht. Die Chancen auf einen schnellen, gerechten und stabilen Frieden seien nahe null. Es bleibe nur zu hoffen, dass der US-Präsident endlich aufhöre, „sich und die Macht Amerikas zu kompromittieren, indem er sich von einem Ex-KGB-Offizier an der Nase herumführen lässt", so Witold Sokała in Dziennik/Gazeta Prawna.

RZECZPOSPOLITA: Putin will die Ukraine einfrieren, da er den Krieg anders nicht gewinnen kann

Die konservativ-liberale Rzeczpospolita schildert die dramatische Lage in der Ukraine. „Raureif dringt in meine Wohnung ein, seine Kristalle bedecken die Fenster und kriechen an den Wänden hoch", zitiert Andrzej Łomanowski eine Kiewer Korrespondentin von Politico. Seit dem 9. Januar, erinnert der Autor, hätten die riesigen Wohnblocks am östlichen Dnjepr-Ufer größtenteils kein warmes Wasser und keine Heizung, selten Strom. Bei minus zehn Grad lagerten die Bewohner ihr Essen auf Balkonen und Fensterbänken – Kühlschränke benutze niemand mehr.

Rund 600.000 Einwohner hätten Kiew im Januar verlassen, berichtet Bürgermeister Witalij Klitschko. Das sei ein Fünftel der Drei-Millionen-Agglomeration – allerdings deutlich weniger als zu Kriegsbeginn, als nur etwa 800.000 Menschen in der Hauptstadt geblieben seien. Die Verbliebenen kämpften nicht nur mit der Kälte, sondern auch mit steigenden Preisen. Der Betrieb mit Generatoren sei etwa 50 Prozent teurer als Netzstrom, weshalb die Preise in der Stadt um 10 bis 30 Prozent gestiegen seien.

Die russische Armee greife jede Nacht zivile Infrastruktur in mindestens sieben Regionen an – mit bis zu 400 Drohnen und 40 ballistischen Raketen gleichzeitig. In Charkiw hätten nach einem einzigen Angriff 1,1 Millionen Menschen – 90 Prozent der Einwohner – keinen Strom gehabt. 

Das größte Problem der Ukraine, so die Zeitung, bleibe die Unfähigkeit der eigenen Luftabwehr, das Land zu verteidigen. „Das ist kein Problem, das über Nacht entstanden ist, sondern das Ergebnis kumulierter strategischer Fehler auf staatlicher Ebene", erklärt der Experte Anatolij Chrapczynski, Reserveoffizier der Luftwaffe. Der erste Fehler sei gewesen, dass seit Anfang des vergangenen Jahres Personal der Luftstreitkräfte in die Landstreitkräfte abgezogen worden sei – „vor allem Mitglieder der sogenannten mobilen Gruppen, also jener Einheiten, die russische Schahed-Drohnen direkt bekämpfen". Dies sei durch den katastrophalen Soldatenmangel an der Front verursacht worden, habe aber dazu geführt, dass im Landesinneren eine wirksame Luftabwehr fehle.

Ein weiteres Problem hänge mit den Verbündeten zusammen. „Der Präsident hat es sogar offen zugegeben: Erst vor kurzem haben wir eine teilweise Verstärkung der Raketenkräfte erhalten, vorher waren wir objektiv nicht in der Lage, den Luftraum zu schützen", so Chrapczynski. Doch selbst die verspäteten und unzureichenden Lieferungen der Verbündeten lösten das Problem nicht, denn „es gibt weltweit kein fertiges Rezept zur Bekämpfung massiver Drohnenangriffe. Wir befinden uns erst in der Suchphase nach solchen Mitteln." Die meisten Radare, über die die ukrainische Verteidigung verfüge, „sähen" die russischen Drohnen schlicht nicht. „Sie halten Schahed-Drohnen für Vögel oder irgendwelche Störgeräusche, die von den Filteralgorithmen dieser Geräte automatisch verworfen und nicht als Ziele erkannt werden", erläutert der Experte.

„Ich verstehe, dass dies ein sehr harter Winter für euch ist. Aber ich glaube wirklich: Wenn die Ukraine diesen Winter übersteht, wird der Vorteil auf eurer Seite sein", habe der ehemalige Trump-Sondergesandte General Keith Kellogg in Davos gesagt. Putin suche bereits nach Auswegen, „weil er versteht, dass er diesen Krieg nicht gewinnen wird", zitiert Rzeczpospolita Keith Kellogg.

DZIENNIK/GAZETA PRAWNA: Europas nächste Abhängigkeitsfalle

In einem zweiten Beitrag warnt Dziennik/Gazeta Prawna vor einer noch größeren geopolitischen Gefahr. Die letzten Jahre hätten schmerzlich daran erinnert, dass strategische Rohstoffe zur Waffe werden könnten, schreibt Rafał Woś. So habe Putin 2021-2022 mit Gas und Öl agiert – die Folgen spürten wir bis heute bei den Energiepreisen.

Doch der russische Erpressungsversuch sei nur ein Vorspiel gewesen. Die wahre Herausforderung werde von China kommen. Denn selbst die große Abhängigkeit von russischem Gas sei „nichts im Vergleich" zur Abhängigkeit von Seltenen Erden, die China nahezu monopolistisch abbaue und verarbeite. „Die Araber haben Öl, wir haben das", soll Deng Xiaoping bereits in den 1980er Jahren gesagt haben. Seine Nachfolger hätten Wort gehalten.

Warum treffe dies Europa besonders hart? Erstens gebe es kaum Vorkommen, deren Abbau wirtschaftlich sinnvoll wäre. Zweitens habe die EU diese Abhängigkeit durch ihre Klimapolitik selbst verstärkt – die Förderung erneuerbarer Energien mache Europa immer abhängiger von Technologien, für die Seltene Erden fundamental wichtig seien.

Man solle sich nun eine Eskalation des chinesisch-amerikanischen Konflikts um Taiwan vorstellen, so der Autor. Europa müsste dann zwischen Washington und Peking wählen – wobei China drohen könnte, die Lieferungen zu verteuern oder ganz einzustellen. Das vergangene Jahr habe die Realität dieses Szenarios gezeigt, als Trump China im Zollkrieg zu einer vorübergehenden Exportbeschränkung gezwungen habe. „Narren geben ihm die Schuld und nennen ihn einen Zerstörer der Weltordnung. Der Kluge sollte zur Vernunft kommen und sich vorbereiten, solange noch Zeit ist", so Rafał Woś.

GAZETA WYBORCZA: „Sie warten, bis wir sterben"

Die linksliberale Gazeta Wyborcza widmet sich einem deutsch-polnischen Thema, das die letzten Überlebenden der Nazi-Besatzung betrifft. Deutschland werde in diesem Jahr keine Entschädigungen an polnische Opfer zahlen, berichtet Michał Kokot.

Jerzy Tarasiewicz, Vorsitzender des Danziger Verbands der von der Dritten Reich Verfolgten, komme jeden Montag in sein Büro, um Nachrichten vom Anrufbeantworter abzuhören. Jedes Mal erfahre er von weiteren verstorbenen Mitgliedern. Im vergangenen Jahr seien 97 Personen gestorben, etwa 900 blieben übrig – viele hochbetagt, oft ohne Angehörige. „Manche kommen zu uns, fragen nach Entschädigungen aus Deutschland und sagen verbittert: ‚Sie warten darauf, dass wir sterben'", zitiert die Zeitung Tarasiewicz, der 1942 selbst in einem Arbeitslager bei Magdeburg geboren wurde.

Der 94-jährige Bogdan Bartnikowski, Warschauer Aufständischer und Auschwitz-Häftling, frage: „Wie soll man entschädigen, dass ich im Krieg meinen Vater verlor, meine Wohnung in Warschau, vertrieben wurde, Häftling eines Arbeitslagers war, wo man uns mit Hungerrationen fütterte?" „Wir sind an jeder Hilfe sehr interessiert, die auch nur eine kleine Erleichterung in unserem Alltag wäre", so Bartnikowski.

 

Als 1991 die Stiftung Polnisch-Deutsche Aussöhnung gegründet wurde, lebten in Polen noch 900.000 Opfer deutscher Konzentrations- und Arbeitslager. Im November 2025 seien es nur noch etwas über 50.000 gewesen – fast 10.000 seien innerhalb eines Jahres gestorben, mehr als erwartet. Die Stiftung habe diese Daten gezielt für die polnische Regierung erhoben, um die mögliche Dimension der deutschen Hilfe zu ermitteln.

Bei den deutsch-polnischen Konsultationen am 1. Dezember 2025 in Berlin habe Premierminister Donald Tusk appelliert: „Beeilt euch, wenn ihr wirklich eine solche Geste machen wollt." Falls keine eindeutige Erklärung und schnelle Entscheidung von deutscher Seite komme, werde er erwägen, „dass Polen diesen Bedarf aus eigenen Mitteln deckt". Doch in der gemeinsamen Erklärung habe das Thema nur am Rande Platz gefunden – ein einziger Satz: Die Bundesregierung werde „Möglichkeiten zusätzlicher Unterstützung für polnische Opfer der Nazi-Aggression und der deutschen Besatzung Polens 1939-1945 analysieren".

Die Zeitung habe den Regierungssprecher Adam Szłapka gefragt, ob Polen tatsächlich erwäge, die Entschädigungen aus eigenen Mitteln zu zahlen, da bekannt sei, dass Deutschland dies in diesem Jahr nicht tun werde. Die Fragen seien am Dienstag, dem 20. Januar, verschickt worden – bis Redaktionsschluss sei keine Antwort eingegangen.

Aus diplomatischen Kreisen höre man nun: „Im Dezember hatten wir noch Hoffnung, dass sich die Mittel finden und die Sache erledigt wird. Aber jetzt haben wir keine Illusionen mehr – die Deutschen werden dieses Geld in diesem Jahr nicht zahlen." Aus der deutschen Regierung heiße es: Eine Haushaltsnachbesserung werde es nicht geben, da dies „Forderungen nach weiteren Änderungen durch Politiker, die andere Interessengruppen vertreten", nach sich ziehen würde.

Dabei habe Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) bereits 2024 eine einmalige Zahlung von rund 200 Millionen Euro an polnische Opfer vorgeschlagen. Die polnische Regierung habe diesem Angebot jedoch nicht zugestimmt – insbesondere Polen habe darauf bestanden, dass die deutschen Mittel monatlich und nicht einmalig ausgezahlt werden sollten.

Inoffiziell sei nun von relativ bescheidenen Beträgen die Rede: 2.500 bis 3.000 Euro jährlich pro Opfer, was 10.600 bis 12.600 Złoty entspreche. Diese Summen sollten in monatliche Raten aufgeteilt und lebenslang ausgezahlt werden – das würde Leistungen von 800 bis 1.000 Złoty monatlich bedeuten. Zum Vergleich: Derzeit erhielten Opfer der Kriegsrepressionen vom polnischen Amt für Kombattanten monatliche Leistungen von 713,16 Złoty. Witwen und Witwer von Kombattanten bekämen 364,94 Złoty, zur Zwangsarbeit Deportierte je nach Dauer der Repression zwischen 17,46 und 348,22 Złoty monatlich.

Die Arbeit am nächsten deutschen Haushaltsgesetz solle erst im Sommer beginnen. Das deutsche Finanzministerium analysiere derzeit, aus welchen Ressorts die fehlenden Mittel entnommen und welche Aufgaben gekürzt werden könnten. Für die hochbetagten Opfer könnte das zu spät sein, so Gazeta Wyborcza.

Autor: Adam de Nisau


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