Deutsche Redaktion

Putins sieben Vietnams

30.01.2026 07:10
Mehr als ein Jahr nach dem Sturz seines Vasallen Baschar al-Assad habe Moskau seine strategischen Positionen in Syrien beibehalten. Die schwachen militärischen Ergebnisse Russlands im Krieg gegen die Ukraine sowie die sich verschlechternde wirtschaftliche Lage andererseits deuten auf einen erheblichen Niedergang Russlands als Großmacht hin. Unterdessen wollen Algerien, Libyen und Ägypten nach dem von der Europäischen Union verhängten Verbot der Einfuhr russischen Erdgases zu den wichtigsten Lieferanten von Flüssigerdgas für Europa werden. Mehr dazu in der Presseschau.
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Rzeczpospolita: Russlands Niederlage in Syrien als Erfolg 

Wladimir Putin hat sich diese Woche im Kreml mit dem syrischen Präsidenten Ahmad asch-Schara getroffen. Es war bereits der zweite Besuch des Syrers in der Hauptstadt eines Staates seit Oktober, den die meisten seiner Landsleute als feindlich betrachten. Syrien könne diese Beziehungen jedoch nicht abbrechen und wolle dies auch gar nicht, schreibt Andrzej Łomanowski für die Rz.

„In Syrien sind heute Menschen an der Macht, die wir in den vergangenen zehn Jahren bombardiert haben. Gleichzeitig kämpft die syrische Armee weiterhin mit russischen oder sogar noch sowjetischen Waffen“, erklärt der russische Experte Alexander Nadscharow dem Blatt. Niemand sonst könne Syrien eine vergleichbare Sicherheit bei Waffenlieferungen garantieren. Deshalb seien die Beziehungen zwischen beiden Staaten so widersprüchlich, so der Experte.

Russland sei es sogar gelungen, seine militärische Präsenz im Land an drei Stützpunkten aufrechtzuerhalten. Über nahe gelegenen Flugplätzen wehe weiterhin die russische Flagge. Auf einem der Flughäfen stehen auf den Startbahnen sogar zwei große russische Transportflugzeuge. Russland überwache in der Region weiterhin den Nordosten Syriens und schütze kurdische Gebiete vor Angriffen protürkischer Kräfte, lesen wir. Damaskus soll sogar vorgeschlagen haben, russische Truppen weiter nach Süden zu verlegen. Sie sollten Syrien vor möglichen israelischen Angriffen schützen. Wie die israelische Zeitung „Haaretz“ berichtet habe, sei es Tel Aviv jedoch gelungen, eine Verlegung der russischen Kräfte in den Süden Syriens zu blockieren.


Wie Łomanowski weiter schreibt, habe Asch-Schara bereits bei seinem ersten Besuch in Moskau im Oktober vergangenen Jahres erklärt, alle vom gestürzten Assad unterzeichneten Militärabkommen würden in Kraft bleiben. Einen Monat später habe der syrische Außenminister jedoch erklärt, sie müssten neu verhandelt werden. US-Experten zufolge sei Assads Sturz für Russland kein tödlicher strategischer Schlag gewesen. Syriens neuer Anführer habe sogar selbst zugegeben, Kontakte zu den Russen seien bereits während der Offensive gegen die Truppen des Diktators im November 2024 aufgenommen worden. Dank geheimer Verhandlungen mit Moskau sollen die Rebellen ungehindert in die Stadt Homs eingerückt sein. Im Gegenzug sollen sie die russische Basis in Hmeimim, von der aus die Regierungstruppen Luftunterstützung hätten erhalten können, umgangen haben. Diese erste Vereinbarung habe gezeigt, dass „Russland sich entschied, Assad fallen zu lassen, um seine Positionen in Syrien zu sichern“ – ein Schritt, dem sich die Rebellenkommandanten nicht widersetzt hätten, heißt es im Blatt.

„Damaskus signalisiert weiterhin, dass er viele Optionen offenhalten möchte, anstatt sich ausschließlich einem Block anzuschließen“, erklärt ein weiterer westlicher Experte. Laut den syrischen Behörden soll die russische militärische Präsenz demnach ein Gegengewicht zu den türkischen und amerikanischen Einflüssen sowie zu den Bedrohungen durch Israel darstellen. Moskau wiederum erziele weiterhin erhebliche strategische Gewinne. Es müsse seine militärischen Transportknoten nicht von Syrien nach Libyen verlegen, obwohl es sich darauf vorbereitet hatte. Wie amerikanische Experten warnen sollen, würde das Scheitern bei der Verhinderung der Aufrechterhaltung der Beziehungen Syriens zu Russland für die USA den Verlust an Glaubwürdigkeit bei ihren Verbündeten und Partnern in Europa und im Nahen Osten bedeuten, lesen wir am Schluss in der Rzeczpospolita.  

Forsal: Putins sieben Vietnams 

Wenn der Krieg weiterhin die aktuelle Dynamik beibehalte, werde die Gesamtzahl der Verluste der russischen und ukrainischen Truppen im Frühjahr 2026 die Zwei-Millionen-Marke überschreiten, schreibt indes das Wirtschaftsportal Forsal. "Diese Zahlen sind erschütternd. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs hat keine Großmacht in einem Konflikt so hohe Verluste erlitten", sollen Analysten des Center for Strategic and International Studies (CSIS) vor kurzem geschrieben haben. Ihren Schätzungen zufolge seien die Verluste der ukrainischen Armee ungefähr halb so hoch.

Die russischen Streitkräfte sollen allein im Jahr 2025 425.000 Tote und Verwundete verzeichnet haben, also etwa 35.000 pro Monat. Seit Beginn der Invasion seien bereits 325.000 Soldaten Putins gefallen – fast siebenmal mehr als die Zahl der während des fast zwanzigjährigen Vietnamkriegs gestorbenen US-Soldaten. „Das ist die Bevölkerung von Städten wie Smolensk, Belgorod oder Tschita", betone das russische unabhängige Portal „Moscow Times“. Trotz dieser enormen Verluste sei es den russischen Generälen in den letzten zwei Jahren nur gelungen, 8.400 km² Gebiet unter ihre Kontrolle zu bringen. Das Tempo der russischen Truppen sei sogar langsamer als während der Kämpfe im Ersten Weltkrieg, lesen wir.

An manchen Abschnitten sei die russische Armee nur 15 Meter pro Tag vorgerückt. In Richtung Pokrowsk – 70 Meter täglich. Den russischen Truppen sei es nicht gelungen, die gesamten nach den „Referenden“ von 2022 vom Kreml annektierten Gebiete zu kontrollieren. Seit Beginn der Invasion hätten sie laut CSIS-Berechnungen nur 12 Prozent des ukrainischen Staatsgebiets eingenommen. Während des sogenannten Großen Vaterländischen Kriegs habe die Rote Armee 1.394 Tage benötigt, um nach Beginn der Operation „Barbarossa“ Berlin zu erreichen. Im Vergleich dazu habe Russland heute im selben Zeitraum nur das 500 km von Kiew entfernte Pokrowsk erreicht.

Der Leiter des Programms für Verteidigung und Sicherheit am CSIS, Seth Jones, sei der Ansicht, heißt es am Schluss „die schwachen Leistungen Russlands auf dem Schlachtfeld in der Ukraine sowie die sich verschlechternde wirtschaftliche Lage würden auf einen ernsthaften Niedergang Russlands als Großmacht hinweisen. Obwohl Russland weiterhin über Atomwaffen und eine große Armee verfüge, sei es in den meisten militärischen, wirtschaftlichen und wissenschaftlich-technischen Bereichen keine Großmacht mehr, lesen wir auf Forsal. 

DGP: Afrika will Europa mit Gas versorgen 

Die Entscheidung der Europäischen Union, bis Ende 2026 auf den Import von russischem Gas zu verzichten, eröffne neuen Möglichkeiten für afrikanische Produzenten, langfristige und strategische Lieferanten zu werden, berichtet indes DGP. Algerien und Ägypten sollen bereits von dieser Chance profitieren. Auch Libyen entwickele sich zu einem strategischen Partner der EU-Länder. Tripolis investiere in die Gasförderung, um den eigenen Bedarf zu decken und den Export nach Europa über die Greenstream-Pipeline zu unterstützen.

Diese drei nordafrikanischen Länder decken derzeit etwa zwei Drittel der afrikanischen Flüssiggasproduktion. Laut Prognosen sollen bald weitere Länder aus Westafrika – darunter Mauretanien, Senegal, Nigeria und Angola – sowie aus Ostafrika, wie Mosambik und Tansania, hinzukommen. Alle liegen entlang wichtiger Handelsrouten des Atlantiks oder des Indischen Ozeans, was einen erheblichen Einfluss auf den Endpreis des Gases habe, so DGP.

Unter diesen Ländern besitze Nigeria das größte Potenzial: Die nachgewiesenen Gasreserven würden sich dort auf 5,8 Billionen Kubikmeter belaufen. Der geplante Ausbau der Anlagen auf der Insel Bonny im Niger-Delta könnte künftig maßgeblich zur Deckung der Nachfrage in Europa beitragen. Gleichzeitig würde er aber die Lieferungen aus den USA erheblich unter Druck setzen, so die Tageszeitung.


Autor: Piotr Siemiński

 

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