Deutsche Redaktion

Kiew sucht Ausweg aus dem Geschichtsstreit mit Polen

09.06.2026 06:23
Die politischen Spannungen zwischen Polen und der Ukraine verschärfen sich weiter. Beide Seiten zeigen sich bislang kompromisslos. Droht der jüngste Streit um die Benennung einer ukrainischen Spezialeinheit nach der nationalistischen UPA das polnisch-ukrainische Verhältnis dauerhaft zu belasten? Auch in der Innenpolitik bleibt der Ton rau. Donald Tusk und Jarosław Kaczyński liefern sich weiterhin einen erbitterten Schlagabtausch. Gut, dass es Maja Chwalińska gibt. Ihr sensationeller Einzug ins Finale von Roland Garros sorgt inmitten der politischen Spannungen für einen seltenen Lichtblick.
Prezydent Karol Nawrocki i premier Donald Tusk
Prezydent Karol Nawrocki i premier Donald TuskJACEK DOMINSKI/REPORTER

WIRTUALNA POLSKA: Kiew sucht Ausweg aus dem Geschichtsstreit mit Polen 

Nach Einschätzung von Wirtualna Polska ist kurzfristig nicht damit zu rechnen, dass die sterblichen Überreste von Stepan Bandera aus München in die Ukraine überführt und dort beigesetzt werden. Das Umfeld von Präsident Wolodymyr Selenskyj habe erkannt, dass es in der historischen Symbolpolitik zu weit gegangen sei. Dem Portal zufolge führen Vertreter des polnischen Präsidialamtes Gespräche mit Beratern Selenskyjs darüber, in welchen Punkten Kiew nachgeben und wie es frühere Entscheidungen ohne Gesichtsverlust korrigieren könnte.

Der Leiter des ukrainischen Militärgeheimdienstes, Kyrylo Budanow, traf am Freitag und Samstag mit polnischen Politikern zusammen. Bei einem Gespräch mit Marcin Przydacz aus dem Präsidialamt soll Budanow zunächst angedeutet haben, Präsident Selenskyj könne seine Teilnahme an einer für Ende Juni in Danzig geplanten Konferenz zum Wiederaufbau der Ukraine absagen. Als ihm jedoch signalisiert worden sei, dass dies für den polnischen Präsidenten Karol Nawrocki keine zentrale Bedeutung habe, sei das Gespräch auf mögliche Kompromisslösungen gelenkt worden.

Budanow ist ein rationaler Akteur, lesen wir. Im Gegensatz zu Selenskyj handelt er besonnen. Er weiß, wie viel die Ukraine durch den Konflikt mit Polen verliert. Deshalb besteht die Bereitschaft, an einem Kompromiss zu arbeiten. Nach Informationen von Wirtualna Polska drängt das polnische Präsidialamt auf eine Rückkehr zu einer früheren informellen Verständigung. Diese sah vor, dass die Ukraine auf staatlich geförderte Heroisierungen von Personen verzichtet, die für Verbrechen an Polen verantwortlich gemacht werden oder mit dem nationalsozialistischen Deutschland kollaborierten.


In demselben Portal äußerte sich der Historiker Dr. Mariusz Zajączkowski, Experte für die polnisch-ukrainischen Beziehungen, kritisch zur Entscheidung Selenskyjs, einer ukrainischen Militäreinheit den Namen der Ukrainischen Aufstandsarmee (UPA) zu verleihen. Zajączkowski erinnerte daran, dass Anfang Mai 2026 nach langen Vorbereitungen der Polnisch-Ukrainische Historikerkongress in Baranów Sandomierski stattgefunden habe. Das Treffen sei ein wichtiger Schritt zur Wiederaufnahme des offiziellen Dialogs über die schwierigsten Kapitel der gemeinsamen Geschichte gewesen. Obwohl sich der Kongress mit dem gesamten Spektrum der tausendjährigen polnisch-ukrainischen Nachbarschaft befasst habe, habe insbesondere die Geschichte des 20. Jahrhunderts und die Tragödie der 1940er-Jahre die Diskussion geprägt.

„Nur einen Monat später erlässt Präsident Selenskyj das Dekret vom 26. Mai. Man muss verstehen, wie dies auf jemanden wirkt, der seit 25 Jahren versucht, diesen Dialog mit aufzubauen“, erklärte der Historiker.

Besonders kritisch bewertete er Berichte, wonach im Umfeld Selenskyjs ursprünglich erwogen worden sei, die Brigade nach „Klym Sawur“ zu benennen – dem Decknamen von Dmytro Kljatschkiwskyj, der als einer der Hauptverantwortlichen für die Verbrechen an der polnischen Zivilbevölkerung in Wolhynien gilt. Sollte ein solcher Vorschlag tatsächlich diskutiert worden sein, zeuge dies entweder von erschreckender Unkenntnis der historischen Zusammenhänge, von politischer Kurzsichtigkeit oder von einem völligen Mangel an Sensibilität gegenüber dem polnischen Verbündeten, betonte Zajączkowski. 

RZECZPOSPOLITA: Polarisierung als Bremse für Polens Entwicklung 

Das Jarosław Kaczyński kein Anhänger der Politik von Donald Tusk und dessen Regierungskoalition ist, überrascht niemanden. Zwischen legitimer politischer Kritik – auch in scharfer Form – und der Darstellung des politischen Gegners als Verkörperung des Bösen besteht jedoch ein erheblicher Unterschied, lesen wir in Rzeczpospolita. Für eine funktionierende Demokratie ist die Auseinandersetzung unterschiedlicher politischer Vorstellungen unverzichtbar. Ohne einen grundlegenden Konsens über langfristige Ziele wird es aber nahezu unmöglich, Reformen umzusetzen, deren Wirkung über eine einzelne Legislaturperiode hinausreichen soll.

Vier Jahre reichen nicht aus, um zentrale Bereiche des öffentlichen Lebens nachhaltig zu modernisieren. Werden Reformen ohne Einbindung der Opposition durchgesetzt, droht nach einem Regierungswechsel ihre Rückabwicklung. Verantwortlich für diese Entwicklung ist nicht allein Jarosław Kaczyński. Auch Premierminister Donald Tusk bedient sich einer Rhetorik, die die politische Konkurrenz nicht nur als Gegner, sondern als Gefahr für Demokratie und Staat darstellt. Mitunter wird die Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) sogar als indirekt prorussische Kraft beschrieben.

Unter solchen Voraussetzungen wird ein konstruktiver Dialog nahezu unmöglich. Die beiden wichtigsten politischen Lager in Polen behandeln einander häufig so, als stünden sie außerhalb des demokratischen Konsenses und führten das Land unweigerlich in die Katastrophe. Dabei hat Polen trotz des ständigen Machtwechsels zwischen den beiden Lagern bemerkenswerte Erfolge erzielt. Das Land gehört inzwischen zu den zwanzig größten Volkswirtschaften der Welt, nähert sich beim Lebensstandard Staaten wie Spanien und Italien an und wird international zunehmend als wirtschaftliche Erfolgsgeschichte wahrgenommen. Die Frage bleibt jedoch, welches Potenzial Polen hätte entfalten können, wenn die politische Debatte nicht durch die permanente Eskalation des Konflikts belastet würde. Eine Antwort darauf wird wohl hypothetisch bleiben. 

WIĘŹ: Die Geschichte eines außergewöhnlichen Aufstiegs 

Wäre Maja Chwalińska eine Figur aus einem Hollywood-Film, könnte ihre Geschichte als zu unrealistisch erscheinen. Doch die polnische Tennisspielerin verkörpert tatsächlich eine außergewöhnliche Erfolgsgeschichte, die von Rückschlägen, gesundheitlichen Problemen und persönlichem Durchhaltevermögen geprägt ist, lesen wir in der Monatszeitschrift Więź. Die diesjährige Finalistin der French Open stammt aus einfachen Verhältnissen. Sie wurde 2001 in Dąbrowa Górnicza als Tochter eines Bergarbeiters und einer Rezeptionistin geboren. Weder verfügte die Familie über eine Tennistradition noch über die finanziellen Mittel, die für den kostspieligen Leistungssport erforderlich sind.

Während Iga Świątek anschließend eine beeindruckende Profikarriere begann, hatte Chwalińska mit zahlreichen Schwierigkeiten zu kämpfen. Verletzungen und insbesondere Depressionen bremsten ihre sportliche Entwicklung über Jahre hinweg. Der Einzug in das Hauptfeld der French Open galt zunächst als erfreuliche Überraschung, lesen wir weiter. Im Finale erwies sich Mirra Andrejewa letztlich als die stärkere Spielerin. Dennoch überwog bei vielen Beobachtern nicht die Enttäuschung, sondern die Bewunderung. Der Finaleinzug zählt zu den größten Erfolgen im internationalen Tennis und gewinnt zusätzlich an Bedeutung, wenn er nach Jahren des Kampfes und zahlreicher Rückschläge erreicht wird.


Mit ihrer Offenheit ist Chwalińska zu einer Stimme jener Athletinnen geworden, die außerhalb der absoluten Weltspitze oft nur unter schwierigen finanziellen Bedingungen ihren Sport ausüben können. Ihr eigener Durchbruch dürfte diese Sorgen nun deutlich verringern. Dennoch wirft ihre Geschichte eine grundsätzliche Frage auf: Ob die Finanzierung des Leistungssports künftig gerechter und nachhaltiger gestaltet werden sollte, stelle Więź fest.


Autor: Jakub Kukla