Deutsche Redaktion

Kommentar: Polen und die Ukraine in der Spirale des Erinnerungskonflikts

24.06.2026 13:48
Kiew verfügt über keine gute Expertise zu seinem größten westlichen Nachbarn – einem wichtigen EU-Mitglied, das de facto die Funktion eines strategischen Hinterlands im Kampf gegen den Aggressor erfüllt – und will sie auch nicht haben, meint Osteuropaexperte Tadeusz Iwański. Und warnt: Der Streit wird uns noch lange begleiten, ganz zur Freude russischer Spezialisten für kognitive Kriegsführung.
Der Mrtyrertod verdient aufgrund der Zugehrigkeit zum polnischen Volk ein wrdiges Gedenken  in Form eines jhrlich vom polnischen Staat ausgezeichneten Tages, an dem den Opfern Ehre erwiesen wird, heit es im Gesetz zur Einfhrung des Gedenktags.
„Der Märtyrertod verdient aufgrund der Zugehörigkeit zum polnischen Volk ein würdiges Gedenken – in Form eines jährlich vom polnischen Staat ausgezeichneten Tages, an dem den Opfern Ehre erwiesen wird“, heißt es im Gesetz zur Einführung des Gedenktags.ipn.gov.pl

Die Tage vor der Ukraine Recovery Conference am 25. und 26. Juni in Danzig – der größten regelmäßig stattfindenden Konferenz zum Wiederaufbau der Ukraine – standen im Zeichen einer angespannten Erwartung: Würde die Teilnahme von Präsident Wolodymyr Selenskyj bestätigt? Am Dienstag stellte sich jedoch heraus, dass die Ukraine von Ministerpräsidentin Julia Swyrydenko vertreten wird.

Kiew entschied sich für eine Herabstufung der Delegation, obwohl mit näher rückendem Konferenzbeginn in Polen wie in der Ukraine immer mehr Stimmen laut wurden, die eine Deeskalation forderten. Prominente Vertreter der ukrainischen Opposition, ein Teil der journalistischen Kreise sowie Wirtschaftsvertreter von beiden Seiten der Grenze appellierten, die Emotionen zu zügeln und sich praktischen Fragen zuzuwenden. Das Problem löste sich dadurch jedoch nicht – und Selenskyjs Entscheidung, nicht selbst anzureisen, sondern mit der Ministerpräsidentin die dritte Person im Staat zu entsenden, markiert eine weitere Stufe der Eskalation.

Selenskyj hat das Ausmaß der Empörung nicht vorhergesehen

Zur Erinnerung in aller Kürze: Die Ungewissheit über Selenskyjs Anreise, die schließlich mit der Entscheidung für die Ministerpräsidentin endete, war Folge eines eskalierenden polnisch-ukrainischen Streits. Ausgelöst hatte ihn am 26. Mai sein Dekret, mit dem er einer Einheit der ukrainischen Streitkräfte den Namen „Helden der UPA" verlieh. Meiner Ansicht nach war dies eine unüberlegte Entscheidung, die den Aspekt der polnischen historischen Empfindlichkeiten außer Acht ließ und auf die Verwirklichung kurzfristiger innenpolitischer Ziele ausgerichtet war. Sie konnte daher in Warschau nicht ohne Antwort bleiben.

Der ukrainische Präsident hatte das Ausmaß der Empörung, die seine Entscheidung auslöste, nicht vorhergesehen. Ebenso wenig eine ihrer Konsequenzen – den Entzug des Ordens des Weißen Adlers durch den polnischen Präsidenten. Doch die ebenso negative, starke, emotionale und massenhafte Reaktion darauf bescherte ihm im eigenen Land einen „Flaggen-Effekt", vergleichbar mit jenem nach dem Streit mit Donald Trump im Oval Office – und angesichts der Korruptionsskandale dringend benötigt. Einen Rückzieher wollte er deshalb nicht mehr machen. Zumal eine Rücknahme des Dekrets in der Ukraine als Schwäche gedeutet worden wäre, als Gesichtsverlust, als Nachgeben gegenüber äußerem Druck und als Zustimmung dazu, dass die Nachbarn die ukrainische Geschichte schreiben. Im fünften Kriegsjahr, nach der Erfahrung, dem Druck Russlands wie auch der USA erfolgreich standgehalten zu haben, sind die polnischen Vorhaltungen aus Sicht Kiews eine „Lappalie".

Wie der Streit über Geschichte eskalierte

So entstand eine politische Pattsituation. Beide Seiten haben sich auf ihren Positionen eingegraben, im Rücken die Emotionen eines überwiegenden Teils beider Gesellschaften. Es ist nicht das erste Mal in der Geschichte der bilateralen Beziehungen, doch die emotionale Temperatur ist diesmal außergewöhnlich – ebenso wie die Umstände. Der existenzielle Krieg gegen Russland hat das Selbstbewusstsein der ukrainischen Gesellschaft beim Behaupten des eigenen Willens gestärkt. Mit größerem Engagement sucht sie auch nach Helden aus der Vergangenheit, die zu Ikonen des Widerstands gegen Russland werden könnten. Dieser Prozess begann bereits nach der ersten Aggression 2014, als im Zuge der Entkommunisierung des öffentlichen Raums Straßen mit den Namen Stepan Banderas und Roman Schuchewytschs weit über die westlichen Gebiete des Landes hinaus auftauchten. Die mit OUN und UPA verbundene Namensgebung wurde alltäglich und symbolisierte den Kampf gegen Russland – zugleich aber verschwieg sie die Verbrechen dieser Formationen an Polen in den Jahren 1943/44 in Wolhynien und Ostgalizien. Die polnische Empfindlichkeit und die damit verbundenen Streitigkeiten wurden zu einem Kollateralschaden, den man für die „größere Sache" in Kauf zu nehmen bereit war.

An der Weichsel kommt das nicht gut an. Und die Empörung über solche Handlungen ist ebenfalls nicht aus dem Nichts entstanden. Die Angst und das Mitgefühl der ersten Kriegsmonate sind vergangen. Die Ukraine hat sich verteidigt, die Russen sind – in hohem Maße dank polnischer Hilfe – Hunderte Kilometer von der Grenze entfernt im Stellungskrieg steckengeblieben, und die Polen haben ihren Blick auf die Nachbarn verändert: weg von den Opfern russischer Aggression, hin zu Flüchtlingen, die sich in den polnischen Städten immer besser einrichten. Zur dominierenden Emotion wurde die sogenannte „ukrainische Undankbarkeit" – die Vergeltung von Hilfe und Engagement mit ostentativer Missachtung der polnischen Empfindlichkeit.

Erinnerungskonflikt als gefundenes Fressen für russische Propangandisten

Kiew hat sich nicht ernsthaft darum bemüht, solchen Emotionen in Polen entgegenzukommen. Oder dessen Beitrag zum Widerstand gegen Russland zu würdigen. Es verfügt über keine gute Expertise zu seinem größten westlichen Nachbarn – einem wichtigen EU-Mitglied, das de facto die Funktion eines strategischen Hinterlands im Kampf gegen den Aggressor erfüllt – und will sie auch nicht haben. Diese verzerrte Optik und die Fehler in der Politik gegenüber Warschau haben die Geduld schrumpfen lassen; ein großer Teil der Polen teilt die Meinung nicht mehr, die Streitigkeiten über die Geschichte müssten auf später vertagt werden. In den vergangenen 35 Jahren hat sich die Lage aus polnischer Sicht in dieser Hinsicht nur verschlechtert: Die Ukraine hat nicht nur keinen Prozess der Aufarbeitung der verbrecherischen Kapitel der UPA-Tätigkeit gegenüber Polen, Juden und auch jenen Ukrainern, die zur Zusammenarbeit mit Polen bereit waren, begonnen – vielmehr breitete sich die Heroisierung nationalistischer Helden immer stärker im Land aus und verfestigte sich auf der Ebene staatlicher Politik.

Der Erinnerungskonflikt um die UPA wird die polnisch-ukrainischen Beziehungen noch lange belasten. Ohne Gegenmaßnahmen wird er Emotionen wecken und zu einem griffigen Instrument in den Händen verschiedener Politiker werden, um Gesellschaften zu mobilisieren. Und zu einem Umfeld, in dem sich russische Spezialisten für kognitive Kriegsführung wie ein Fisch im Wasser fühlen. Erfreulich ist – dass die Exhumierungen, zumindest vorerst, planmäßig vorankommen. Vor wenigen Tagen wurde die erste Etappe der Suchaktion in Huta Pieniacka abgeschlossen, und es begann ihre zweite Etappe in Puźniki. Das gibt Hoffnung für die Zukunft.

Tadeusz Iwański – Leiter des Teams für Belarus, die Ukraine und Moldau am Zentrum für Oststudien (OSW). In den Jahren 2006–2011 war er beim Auslandsdienst des Polnischen Rundfunks tätig.


Streit um UPA-Ehrung Zeichen für nahendes Kriegsende - Immer mehr Polen leben allein - wachsende Zustimmung zu EU-Austritt

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Der jüngste Konflikt zwischen Polen und der Ukraine über die Benennung einer ukrainischen Militäreinheit nach den „Helden der UPA“ ist nach Einschätzung des Warschauer Politikwissenschaftlers Bartłomiej Biskup vor allem innenpolitisch motiviert. Immer mehr Polen leben allein. Und: Polen ist EU-weit das einzige Land, in dem die Zustimmung zu einem EU-Austritt wächst. Mehr dazu in der Presseschau.

Spannungen auf der Linie Warschau-Kiew: Selenskyj kommt nicht nach Gdańsk

23.06.2026 13:00
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Präsident Nawrocki nicht zur Ukraine-Wiederaufbaukonferenz eingeladen

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Polens Präsident Karol Nawrocki wird nicht an der Ukraine-Wiederaufbaukonferenz in Gdańsk teilnehmen. Das Präsidialamt teilte mit, dass Nawrocki keine Einladung zu der gemeinsam von Polen und der Ukraine ausgerichteten Veranstaltung erhalten habe.

OSW-Chef sieht tiefe Krise in den polnisch-ukrainischen Beziehungen

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Der Direktor des Zentrums für Oststudien (OSW), Wojciech Konończuk, hat dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj vorgeworfen, die aktuelle Krise in den Beziehungen zu Polen selbst ausgelöst zu haben. In einem Interview mit dem Nachrichtenportal Interia sagte Konończuk, Selenskyj fühle sich durch die jüngsten Entwicklungen offenbar persönlich verletzt und mache nun Polen für die Spannungen verantwortlich.

„Selenskyj demonstriert Kleinlichkeit anstatt Stärke"

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