WARSCHAU/ZAKOPANE – Die medizinische Analyse des verheerenden Blitzeinschlags am polnischen Berg Giewont soll Rettungskräften und Krankenhäusern weltweit helfen, Opfer solcher Ereignisse besser zu versorgen. Ein Forschungsteam um den Arzt und Bergretter Sylweriusz Kosiński hat untersucht, wie sich ein Blitzunfall mit mehr als 100 Betroffenen auf Herz, Nervensystem und andere Organe auswirkt. Die Erkenntnisse könnten auch in neue Regeln für die medizinische Sichtung bei Massenunfällen im Gebirge einfließen.
Am 22. August 2019 traf ein außergewöhnlich starker Blitz das Gipfelkreuz des Giewont in der Hohen Tatra. Auf der polnischen Seite wurden 131 Menschen von der elektrischen Entladung oder ihren unmittelbaren Folgen erfasst. Vier Menschen starben, darunter zwei Kinder. Während der Rettungsaktion schlugen weitere, schwächere Blitze am Gipfel ein.
Für die Wissenschaft bot das Unglück trotz seiner tragischen Folgen eine weltweit seltene Datengrundlage. Mehr als 100 Menschen waren nahezu zeitgleich derselben Entladung ausgesetzt und konnten anschließend medizinisch untersucht werden. Über die gesundheitlichen Folgen von Blitzschlägen gibt es bislang nur begrenzte Daten. Viele Opfer sterben am Unfallort, andere suchen nach zunächst mild erscheinenden Beschwerden keine Klinik auf.
Die Forscher erfassten unter anderem, wo sich die Betroffenen beim Einschlag befanden, welche Verletzungen sie erlitten und wie sich ihr Gesundheitszustand in den folgenden Stunden, Tagen und Monaten entwickelte. Eine im Juli in der Fachzeitschrift „Communications Medicine“ veröffentlichte Arbeit des Teams befasst sich vor allem mit möglichen Herzschäden.
Erhöhte Herzmarker bei fast jedem zweiten Untersuchten
Bei 46 Prozent der Patienten, deren Blut untersucht wurde, fanden die Ärzte erhöhte Werte der hochsensitiven kardialen Troponine. Diese gelten als Hinweis auf eine Schädigung des Herzmuskels. Auffälligkeiten im Elektrokardiogramm waren dagegen selten.
Das Ergebnis ist für die medizinische Versorgung bedeutsam, weil Herzkomplikationen nach einem Blitzschlag verzögert auftreten können. Ein zunächst unauffälliges EKG reicht demnach nicht immer aus, um eine Schädigung auszuschließen. Kosiński berichtete von einem Betroffenen, der nicht sicher gewesen sei, ob er überhaupt vom Blitz erfasst worden war. Erst die Untersuchung im Krankenhaus habe stark erhöhte Schadensmarker gezeigt.
Ein Blitz ist ein extrem kurzer Stromimpuls mit enormer Energie. Dringt er durch die Haut in den Körper ein, kann sich der Strom entlang von Nervenbahnen und Blutgefäßen ausbreiten. Er kann den Herzrhythmus stören, einen Kreislaufstillstand auslösen und innere Organe schädigen.
Am Giewont traf die Hauptentladung das Gipfelkreuz. Direkte Treffer bei Menschen wurden nicht festgestellt. Viele Betroffene erlitten jedoch sogenannte Seitenentladungen, bei denen ein Teil des Stroms von einem getroffenen Gegenstand oder Felsen auf den Körper überspringt. Gerade diese Form stand in der Untersuchung häufiger mit erhöhten Herzmarkern in Verbindung.
Eine weitere Gefahr ist der Bodenstrom. Nach einem Einschlag breitet sich die Ladung über den Untergrund aus und kann zwischen Füßen, Händen oder anderen Kontaktpunkten durch den Körper fließen. Das Risiko hängt davon ab, welchen Weg der Strom nimmt und ob dabei das Herz betroffen ist.
Druckwelle schleuderte Menschen und Felsstücke durch die Luft
Die Verletzungen am Giewont wurden nicht allein durch Elektrizität verursacht. Die Luft im Blitzkanal wird schlagartig extrem erhitzt und dehnt sich explosionsartig aus. Die entstehende Druckwelle kann Menschen umwerfen oder mehrere Meter weit fortschleudern.
Zugleich verdampft Feuchtigkeit in Kleidung, Schuhen und Felsspalten. Dadurch können Stoffe zerreißen, Schuhe aufplatzen und Gesteinssplitter mit hoher Geschwindigkeit durch die Luft fliegen. Bei einem Verletzten wurde nach dem Unglück ein etwa tennisballgroßer Stein aus dem Oberschenkel entfernt.
Die Ärzte dokumentierten außerdem neurologische Schäden. Mehrere Menschen erlitten eine sogenannte Keraunoparalyse, eine meist vorübergehende Lähmung der Beine. Die Gliedmaßen können dabei kalt werden und sich auffällig verfärben. Der Zustand bildet sich häufig innerhalb einiger Stunden zurück, kann Betroffene im Gebirge jedoch daran hindern, selbstständig zu fliehen oder abzusteigen.
Bei anderen Patienten traten Seh- und Hörstörungen auf. Einige sind nach Angaben Kosińskis bis heute auf Hörgeräte angewiesen.
Massenunfall stellt Rettungsdienste vor neue Fragen
Das Unglück zeigte auch Grenzen bestehender Einsatzkonzepte. Viele Übungen von Bergrettungsdiensten gehen von deutlich weniger Verletzten aus. Am Giewont mussten dagegen mehr als 100 Menschen nahezu gleichzeitig untersucht, nach Behandlungsdringlichkeit eingestuft und aus schwierigem Gelände gebracht werden. Zugleich bestand durch weitere Blitze akute Gefahr für Verletzte und Helfer.
Nach Einschätzung des Forschungsteams sind deshalb präzise Verfahren für solche Massenunfälle notwendig. Sie sollen festlegen, wie Patienten im Gebirge gesichtet, behandelt und transportiert werden und wie knappe Rettungskapazitäten möglichst wirksam eingesetzt werden können.
Das betrifft auch die Wiederbelebung. Grundsätzlich soll bei einem Menschen, dessen Herz nach einem Blitzschlag stehen geblieben ist, sofort mit Reanimationsmaßnahmen begonnen werden. Blitzopfer können bessere Chancen auf eine erfolgreiche Wiederbelebung haben als Menschen, deren Kreislaufstillstand andere Ursachen hat.
Bei einem Massenunfall müssen Rettungskräfte jedoch zusätzlich beurteilen, ob der Herzstillstand wahrscheinlich durch den Strom oder durch schwerste mechanische Verletzungen verursacht wurde. Stürze, Druckwellen oder schwere Verletzungen durch Gestein können die Erfolgsaussichten deutlich verringern. In einer Lage mit vielen Patienten kann diese Einschätzung darüber entscheiden, wo Helfer und Material eingesetzt werden.
„30-30“-Regel warnt vor nahendem Gewitter
Die Forscher verbinden ihre medizinischen Ergebnisse mit konkreten Sicherheitshinweisen. Vor einer Bergtour sollten Wanderer die Wetterprognose prüfen und Veränderungen aufmerksam beobachten. Zieht ein Gewitter auf oder ist Donner zu hören, sollten sie frühzeitig umkehren. Gipfel, Grate und andere exponierte Stellen sind besonders gefährlich.
Als Orientierung gilt die „30-30“-Regel. Liegen zwischen Blitz und Donner weniger als 30 Sekunden, ist das Gewitter bereits nah genug, um Menschen zu gefährden. Nach dem letzten Donner sollten mindestens 30 Minuten vergehen, bevor der Aufenthalt im Freien wieder als vertretbar gilt. Blitze können auch in größerer Entfernung von der eigentlichen Gewitterwolke einschlagen.
Wer im offenen Gelände überrascht wird, sollte hohe Einzelobjekte meiden, die Füße möglichst eng zusammenstellen und die Kontaktfläche zum Boden klein halten. Die Hände sollten nicht auf dem Boden abgestützt werden. Ein Mobiltelefon zieht keinen Blitz an. Es sollte aber einsatzfähig bleiben, weil es nach einem Unfall die einzige Möglichkeit sein kann, Hilfe zu alarmieren.
Die Untersuchung macht aus einer Katastrophe in der Hohen Tatra einen Beitrag zur internationalen Notfallmedizin. Ihre Ergebnisse sind auch für den Alpenraum relevant: Wo viele Menschen in schwer zugänglichem Gelände von einem Gewitter überrascht werden, stehen Rettungsdienste vor denselben medizinischen und organisatorischen Herausforderungen.
PAP/adn