Deutsche Redaktion

Buch über polnische Bürgermeister im Holocaust in Berlin vorgestellt – Kontroverse in Polen

04.03.2026 11:21
Im Berliner Museum Topographie des Terrors ist am Dienstag das Buch des Historikers Grzegorz Rossoliński-Liebe „Polnische Bürgermeister und der Holocaust. Verwaltung, Besatzung und Kollaboration“ vorgestellt worden. Die 2024 in Deutschland erschienene Studie hat in Polen eine heftige Debatte ausgelöst.
Polnische Brgermeister und der Holocaust. Verwaltung, Besatzung und Kollaboration
„Polnische Bürgermeister und der Holocaust. Verwaltung, Besatzung und Kollaboration“ Presse

Der Autor bezeichnete sein Werk vor rund 200 Zuhörern im Auditorium des Museums als eine „Art kollektive Biografie“. Rossoliński-Liebe untersucht darin das Verhalten polnischer Bürgermeister während der deutschen Besatzung und ihre Rolle im Verwaltungssystem der NS-Herrschaft.

„In jedem von den Nazis besetzten Land arbeitete ein deutscher Beamter oder Polizist mit etwa zehn lokalen Kollegen zusammen“, sagte der Historiker. Der Holocaust sei ein transnationaler Völkermord gewesen, in dem Deutschland zwar die zentrale Rolle gespielt habe, der jedoch auch ohne lokale Kooperation nicht möglich gewesen wäre.

Debatten über Kollaboration seien auch in Deutschland schwierig, sagte Rossoliński-Liebe. Das Thema sei lange marginalisiert worden, weil befürchtet worden sei, Untersuchungen über lokale Zusammenarbeit könnten die Verantwortung deutscher Täter relativieren. „Kollaboration ist jedoch ein wesentlicher Bestandteil der Geschichte des Holocaust“, betonte er.

Während der Diskussion meldete sich Damian Sitkiewicz vom Institut für Nationales Gedächtnis (IPN) zu Wort. In einer zuvor veröffentlichten Rezension hatte er dem Autor vorgeworfen, den Kontext des Terrors zu vernachlässigen, unter dem polnische Bürgermeister während der deutschen Besatzung arbeiteten. Auf die Frage, ob er auf die Kritik eingehen werde, antwortete Rossoliński-Liebe: „Sie werden von mir keine Antwort auf Ihre Rezension bekommen. Sie ist zwar in einer wissenschaftlichen Zeitschrift erschienen, aber keine wissenschaftliche Rezension.“

Das Buch hatte in Polen bereits zuvor heftige Reaktionen ausgelöst. Eine Petition der Stiftung Władysława i Nelly Kulskich gegen die Veröffentlichung wurde von rund 150 Personen unterzeichnet. In der Folge veröffentlichten mehr als 380 Wissenschaftler aus Polen und anderen Ländern einen offenen Brief zur Verteidigung der akademischen Freiheit und des Autors.

Der Historiker Piotr M. Majewski von der Warschauer Universität sagte der Nachrichtenagentur PAP, Petitionen seien kein konstruktiver Weg, an historischen Debatten teilzunehmen. Sie spiegelten meist vorgefasste Meinungen wider und gingen selten auf die wissenschaftlichen Argumente ein. In vielen europäischen Ländern hätten Diskussionen über Formen der Zusammenarbeit mit den deutschen Besatzern bereits stattgefunden – oft begleitet von Kontroversen.

Rossoliński-Liebe stützt seine Studie unter anderem auf Dokumente kommunaler Verwaltungen, Akten anderer Behörden, Memoiren von Bürgermeistern und deutschen Beamten sowie Erinnerungen von Mitgliedern von Judenräten und jüdischen Zeitzeugen.

Eine erste Buchvorstellung mit dem Historiker an der Topographie des Terrors war ursprünglich für den 25. November 2025 geplant, wurde jedoch kurzfristig abgesagt.


PAP/jc