Seit 2020 veröffentlicht der russische Inlandsgeheimdienst FSB regelmäßig angebliche „Beweise“, wonach nicht die Sowjets, sondern die Nationalsozialisten für die Ermordung von rund 22.000 Polen im Frühjahr 1940 verantwortlich gewesen seien. Diese Darstellung wird von kremlnahen Medien und Politikern unterstützt, die unter anderem die Aufhebung einer Resolution der Staatsduma aus dem Jahr 2010 fordern, in der das Verbrechen als stalinistisch bezeichnet wurde.
Rohoziński betonte, dass die sogenannte Katyń-Lüge kein neues Phänomen sei. Bereits zu Sowjetzeiten sei die Verantwortung gezielt verschleiert worden – etwa durch die Verwechslung mit dem Ort Chatyń in Belarus. Nur in den 1990er Jahren habe sich die historische Wahrheit teilweise durchgesetzt.
Nach Ansicht des Experten verfolgt Moskau mit der Geschichtspolitik ein klares Ziel: die Rehabilitierung des Stalinismus und die Stärkung des Narrativs vom „Großen Vaterländischen Krieg“. Dabei würden unbequeme Aspekte wie das deutsch-sowjetische Bündnis der Jahre 1939 bis 1941 ausgeblendet.
Diese Politik diene auch der aktuellen Propaganda. Russland rechtfertige seinen Angriff auf die Ukraine mit dem Kampf gegen angeblichen „Nazismus“. Gleichzeitig werde in der öffentlichen Darstellung die Zusammenarbeit einzelner Staaten mit NS-Deutschland überzeichnet, um politische Ziele zu untermauern.
Die Wirkung dieser Desinformation sei unterschiedlich, so Rohoziński. Während sie im postsowjetischen Raum weiterhin großen Einfluss habe, hänge ihr Erfolg im Westen stark vom historischen Wissen der Gesellschaften ab. Je geringer dieses sei, desto leichter könne sich die russische Darstellung durchsetzen.
Die Sowjetunion hatte die Verantwortung für das Verbrechen erst 1990 offiziell eingeräumt. Damals bestätigte der damalige Präsident Michail Gorbatschow die Täterschaft des NKWD und ordnete die Offenlegung entsprechender Dokumente an. Zwei Jahre später wurden weitere Unterlagen, darunter ein von Josef Stalin unterzeichneter Exekutionsbefehl, an Polen übergeben.
In den vergangenen Jahren verstärkte Russland jedoch erneut Versuche, die Verantwortung umzudeuten. 2024 veröffentlichte die regionale FSB-Behörde in Smoleńsk weitere Materialien, die eine Täterschaft deutscher Einheiten nahelegen sollen. Parallel dazu wurde in der Staatsduma eine Initiative gestartet, die Resolution von 2010 aufzuheben.
PAP/jc