Kurz vor dem NATO-Gipfel in Ankara warnen Experten vor einer verstärkten russischen Desinformationskampagne gegen Polens Bindung an das Bündnis. Nach Einschätzung des Dienstes Disinfo Digest richten sich die jüngsten Operationen vor allem gegen die polnische Abschreckungspolitik, höhere Verteidigungsausgaben und gemeinsame Übungen mit NATO-Partnern.
In einer Analyse der Online-Aktivitäten vom 26. Juni bis 2. Juli schreibt der auf Desinformationsabwehr spezialisierte Dienst, die Kampagnen zielten auf zentrale Elemente der polnischen Sicherheitspolitik. Dazu zählen das Verteidigungsprogramm „Tarcza Wschód“ (Schutzschild Ost), die Modernisierung der Streitkräfte und Manöver mit Soldaten aus NATO-Staaten.
"Panzer statt Krankenhäuser". Schutzschild Ost und Verteidigungsausgaben im Visier
„Schutzschild Ost“ soll die östliche und nördliche Grenze Polens stärken. Laut Disinfo Digest wird das Programm in prokremlschen Erzählungen nicht als Antwort auf Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine, den hybriden Druck aus Belarus und wachsende Risiken unterhalb der Kriegsschwelle dargestellt. Stattdessen werde es als angeblicher Beleg für eine Militarisierung Polens, eine Unterordnung unter die NATO und eine Vernachlässigung der Grenzregionen genutzt. Polen begründet das Programm dagegen mit der veränderten Sicherheitslage an der Ostflanke des Bündnisses.
Auch die Verteidigungsausgaben werden demnach in manipulativen Botschaften aufgegriffen. Disinfo Digest nennt zugespitzte Formeln wie „Panzer statt Krankenhäuser“, „NATO statt Schulen“ und „Militär statt Menschen“. Polen gehört innerhalb der NATO zu den Staaten mit den höchsten Verteidigungsausgaben und gilt als Vorreiter beim angestrebten Fünf-Prozent-Ziel. Für 2025 sind 4,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts beziehungsweise 166,2 Milliarden Zloty vorgesehen.
Polen und Litauen als "aggressives Werkzeug antirussischer Strategie"
Ziel russischer und belarussischer Propaganda waren nach der Analyse auch die NATO-Übungen „Dzielny Dzik 26“, die vom 16. bis 26. Juni in der Woiwodschaft Ermland-Masuren stattfanden, unter anderem im strategisch wichtigen Gebiet der Suwałki-Lücke. Beteiligt waren 6500 Soldaten aus Polen und rund 300 aus Litauen. Als prokremlsche Erzählung sei verbreitet worden, die Übungen dienten der Vorbereitung offensiver Schritte gegen Russland und Belarus sowie der Isolierung des Kaliningrader Gebiets. Polen und Litauen seien zudem als „aggressives Werkzeug einer antirussischen Strategie des Westens“ bezeichnet worden.
Einen konkreten Beleg für solche Methoden sieht Disinfo Digest in einem Angriff auf General Dariusz Parylak, den Kommandeur des Multinationalen Korps Nordost. Mitte Juni erschienen auf TikTok mit künstlicher Intelligenz erzeugte Bilder von ihm. Das Korpskommando erklärte auf X: „Diese Fotografien sind keine offiziellen Materialien. Sie wurden ohne unsere Zustimmung oder Billigung erstellt.“ Außerdem betonte das Kommando, die NATO nutze TikTok nicht für offizielle Kommunikation.
Dass Desinformation in Polen als Sicherheitsrisiko wahrgenommen wird, zeigt der im Juni veröffentlichte Bericht der Stiftung Digital Poland „Desinformation aus Sicht der Polen 2026“. Jeder fünfte Befragte nannte Bündnisse und internationale Beziehungen, darunter NATO-bezogene Erzählungen, als besonders gefährdeten Bereich. 21 Prozent sahen das Ziel von Fake News darin, Polens Bündnisse mit der NATO oder der Europäischen Union zu schwächen.
Der NATO-Gipfel in Ankara beginnt am Dienstag und dauert bis Mittwoch. Erwartet wird, dass die Staats- und Regierungschefs die Einheit des Bündnisses bekräftigen und eine schrittweise stärkere europäische Verantwortung für die NATO-Verteidigung festschreiben. Polen wird von Präsident Karol Nawrocki, Verteidigungsminister Władysław Kosiniak-Kamysz und Außenminister Radosław Sikorski vertreten.
PAP/adn