Deutsche Redaktion

Politisches Erdbeben in Kraków – Polen kehren zurück – ohne Einwanderer keine Entwicklung

26.05.2026 12:37
Das Referendum vom Sonntag in Kraków, das zur Abwahl des Stadtpräsidenten Aleksander Miszalski führte, könnte nach Ansicht der Opposition weit über die Stadtgrenzen hinaus politische Folgen haben. Viele polnische Emigranten kehren zurück – oft mit Kindern, die Polen nur aus den Sommerferien kennen. Und: Polens Wirtschaft ist zunehmend auf Einwanderer angewiesen.
Aleksander Miszalski
Aleksander MiszalskiMarek Lasyk/East News

RZECZPOSPOLITA: Politisches Erdbeben in Kraków

Das Referendum vom Sonntag in Kraków, das zur Abwahl des Stadtpräsidenten Aleksander Miszalski führte, könnte nach Ansicht der Opposition weit über die Stadtgrenzen hinaus politische Folgen haben, lesen wir ein einem Kommentar in der Tageszeitung Rzeczpospolita. Vertreter der PiS erklärten bereits, Krakau sei der Beginn einer Welle, die im kommenden Jahr mit einer Niederlage von Premierminister Donald Tusk enden werde. Die bevorstehenden Neuwahlen des Stadtpräsidenten in Krakau werden daher landesweit große Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Für sämtliche Parteien und politischen Lager gelten sie als wichtiger Stimmungstest vor den Parlamentswahlen im kommenden Jahr. Bereits vor Bekanntgabe des Referendumsergebnisses räumten Politiker unterschiedlichster Richtungen – von der linken Partei Razem bis hin zu konservativen Kräften – hinter den Kulissen ein, dass Krakau als politisches Versuchsfeld für die nationale Wahlkampagne betrachtet werde.

Zugleich wächst die Sorge, dass weitere Abwahlreferenden in anderen polnischen Städten folgen könnten. Eine Gruppe von Bürgern hat bereits einen Antrag auf Abberufung des Stadtpräsidenten im ostpolnischen Rzeszów angekündigt. Beobachter schließen inzwischen nicht aus, dass sich ähnliche Entwicklungen auch in Städten wie Kielce oder Częstochowa wiederholen könnten. Für die Kommunalpolitik bedeutet dies eine neue Herausforderung – und zwar nicht nur für Vertreter der KO. Hinzu kommen tiefgreifende Veränderungen in der politischen Kommunikation und bei den Erwartungen der Bürger, schreibt das Blatt.

„Soziale Medien sind inzwischen zur wichtigsten Informationsquelle über lokale Politik geworden“, erklärt Mateusz Sabat, Leiter einer Beratungsfirma. Selbst effizient arbeitende Stadtverwaltungen hätten zunehmend Schwierigkeiten, die öffentliche Debatte zu kontrollieren, da sich kritische Stimmen dezentral und innerhalb kürzester Zeit organisieren könnten. Gleichzeitig hätten sich die Erwartungen der Bürger durch digitale Dienstleistungen grundlegend verändert. „Wir sind an sofortige Lösungen gewöhnt – an schnelle Online-Einkäufe, Essenslieferungen oder Behördengänge per App. Dieselben Erwartungen richten die Menschen inzwischen auch an die Kommunen. Wird ein Problem in sozialen Medien gemeldet, erwarten viele, dass innerhalb weniger Stunden ein kommunaler Dienst erscheint und die Angelegenheit löst“, sagt Sabat in der Rzeczpospolita.

GAZETA POMORSKA: Warum viele polnische Emigranten ihre zweite Heimat verlassen

Vor mehr als zwanzig Jahren flog ein junger Mann aus Bydgoszcz nach England – in einem T-Shirt mit der Aufschrift: „Der Letzte macht das Licht aus.“ Polen kämpfte damals mit einer Arbeitslosigkeit von über 15 Prozent. Heute kehren viele jener Emigranten zurück – oft mit Kindern, die Polen nur aus den Sommerferien kennen. Der Wunsch, wieder „zu Hause“ zu sein, wird für zahlreiche Familien immer stärker.

Die Journalistin Agnieszka Domka-Rybka erinnert sich in Gazeta Pomorska an das Polen von vor 20 Jahren. Die wirtschaftliche Situation erklärte diesen Exodus: Mitte der 2000er Jahre erreichte die Arbeitslosigkeit in Polen Rekordwerte. Zwischen 2006 und 2007 lebten und arbeiteten zeitweise mehr als eine Million Polen allein in Großbritannien.

Heute zeigt sich ein umgekehrter Trend, lesen wir weiter. Immer mehr Polen verlassen das Vereinigte Königreich und andere westeuropäische Länder und kehren in ihre Heimat zurück. Nach aktuellen Daten des Statistischen Hauptamtes GUS sind in den vergangenen Jahren mehr als 130.000 Menschen aus Großbritannien nach Polen zurückgekehrt. Auch aus Irland, den Niederlanden, Deutschland, Skandinavien sowie sogar aus den USA und Australien ziehen zahlreiche Familien wieder zurück.

In sozialen Netzwerken entstehen inzwischen zahlreiche Selbsthilfegruppen für Rückkehrer. Denn die Rückkehr gestaltet sich oft schwieriger als erwartet: Polen hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten tiefgreifend verändert. Der Soziologe Prof. Tomasz Marcysiak von der WSB-Merito-Universität in Toruń beschreibt dieses Phänomen als umgekehrten Kulturschock. „Viele Emigranten tragen noch das Bild eines Polens der 1990er Jahre oder der frühen EU-Beitrittszeit in sich – ärmer, gemeinschaftlicher und kulturell vorhersehbarer“, erklärt Marcysiak. „Heute treffen sie auf ein individualistischeres, digitalisiertes und deutlich teureres Land, das weniger religiös und politisch stärker polarisiert ist.“

Besonders schwierig sei die Situation für Kinder, die im Ausland geboren wurden. Während Polen für ihre Eltern weiterhin Heimat bleibe, sei ihre eigene Identität oft komplexer. „Diese Kinder tragen polnische Nachnamen, denken aber auf Englisch. Sie haben eine Familie in Polen, ihre Freunde jedoch im Ausland. Wenn Jugendliche nach Jahren in einem anderen Bildungssystem plötzlich eine polnische Schule besuchen müssen, bedeutet das häufig enormen Stress – manchmal belastender als die wirtschaftlichen Gründe der Rückkehr selbst“, so der Wissenschaftler in der Gazeta Pomorska.

SUPER EXPRESS: Ohne Einwanderer keine Entwicklung?

In Polen lebende und arbeitende Migranten haben nach aktuellen Schätzungen bis zu 416 Milliarden Złoty zum Bruttoinlandsprodukt beigetragen. Zu diesem Ergebnis kommt der Bericht „Migration in Polen“, über den die Tageszeitung Super Express berichtet. Experten warnen inzwischen, dass die polnische Wirtschaft ohne ausländische Arbeitskräfte ihr derzeitiges Wachstum kaum aufrechterhalten könnte.

Geht es nach der Studie, spielen ausländische Arbeitskräfte inzwischen eine Schlüsselrolle auf dem polnischen Arbeitsmarkt. Der Soziologe und ISP-Präsident Jacek Kucharczyk erklärt, Migranten seien zu einem festen Bestandteil der wirtschaftlichen Entwicklung Polens geworden. Schätzungen zufolge leben derzeit zwischen zwei und zweieinhalb Millionen Ausländer in Polen. Gleichzeitig zeigen Daten der Sozialversicherungsanstalt ZUS, dass fast acht Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten Migranten sind.

Die Autoren des Berichts betonen, dass ausländische Arbeitskräfte nicht nur offene Stellen besetzen, sondern auch die Folgen des demografischen Wandels abfedern. Besonders deutlich zeige sich dies in Branchen mit chronischem Personalmangel – darunter Bauwesen, Transport, Logistik und Gastronomie.

Zugleich verändert sich offenbar die gesellschaftliche Wahrnehmung von Migration. Laut einer Ipsos-Umfrage haben immer mehr Polen persönlichen Kontakt zu Ausländern und bewerten diese Erfahrungen überwiegend positiv. Experten gehen davon aus, dass die Bedeutung von Migration für Polen in den kommenden Jahren weiter zunehmen wird. Hintergrund sind die alternde Bevölkerung und die sinkende Zahl von Erwerbstätigen. Ohne Arbeitskräfte aus dem Ausland könnte die polnische Wirtschaft künftig zunehmend Schwierigkeiten haben, ihr bisheriges Wachstumstempo zu halten.

Autor: Jakub Kukla

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