Rzeczpospolita: Wolodymyr Selenskyj nimmt Polen die Illusion einer Versöhnung
In einem Kommentar für die Rzeczpospolita nimmt Jerzy Haszczyński Bezug zum neuesten Eklat um die polnisch-ukrainischen Beziehungen. Der Autor habe auf ein Umdenken bei den Ukrainern gehofft. Russische Truppen haben in der Ukraine schwere Verbrechen begangen. Symbol dafür sei die Ermordung von mehreren Hundert Einwohnern der Ortschaft Butscha bei Kiew im März 2022. Zu einer Neubewertung des zweifelsfreien und großen Massenmordes, den ukrainische Nationalisten der OUN und UPA vor 80 Jahren in Wolhynien verübt hatten, sei es jedoch nicht gekommen. Mehr noch: Präsident Wolodymyr Selenskyj hat einer Einheit der ukrainischen Streitkräfte, die zudem zu den Eliteverbänden für Spezialoperationen gehöre, den Ehrennamen „Helden der UPA“ verliehen, lesen wir im Blatt.
Damit sei der von manchen gepflegte Mythos widerlegt, die Verehrung der UPA und die Verherrlichung des ukrainischen Nationalismus seien in der Ukraine lediglich ein politisches Randphänomen, so Haszczyński. Rechtsextreme Parteien seien dafür offenbar nicht nötig, wenn der ukrainische Präsident selbst die UPA zum Vorbild erhebe.
Teile der UPA und OUN tragen Verantwortung für die antipolnische Aktion in Wolhynien. Es folgt ein Zitat: „Ich weiß, dass diese Worte viele verletzen können. Doch kein Ziel und kein Wert, selbst ein so hohes Gut wie Freiheit und nationale Souveränität, kann Völkermord, die Ermordung von Zivilisten, Gewalt, Vergewaltigungen und die Zufügung grausamen Leids rechtfertigen“, sagte Präsident Aleksander Kwaśniewski im Jahr 2003. An seiner Seite stand damals der ukrainische Präsident Leonid Kutschma. Damals habe Polen das Verbrechen von Wolhynien erstmals eindeutig als „Völkermord“ bezeichnet. Dessen Bedeutung für die Aussöhnung zwischen beiden Ländern sowie für die Auseinandersetzung der Ukraine mit ihrer Vergangenheit sei offen hervorgehoben worden.
Dass die UPA auch Verdienste im Kampf gegen die Sowjets und Russen hatte, rechtfertige nicht die Verherrlichung einer Organisation, die für Völkermord verantwortlich gemacht wird – unabhängig vom historischen Kontext, urteilt der Autor. Hinzu komme, dass es im Umfeld Selenskyjs und unter ukrainischen Diplomaten Personen gebe, die genau wüssten, welche Bedeutung das Thema Wolhynien für Polen hat – einen Verbündeten der Ukraine seit Beginn des von Moskau im Februar 2022 ausgelösten Großkriegs. Ebenso bekannt sei ihnen die emotionale Wirkung, die die Bezeichnungen UPA und OUN sowie der Name Stepan Bandera in Polen hervorrufe. Die politische Verantwortung liege jedoch beim ukrainischen Präsidenten, unterstreicht der Autor. Er trage die Verantwortung für die Folgen dieser Entscheidung, insbesondere für eine mögliche Zunahme antiukrainischer Stimmungen in Polen, die vom Kreml zusätzlich angeheizt würden. Kiew sollte sich auch die Frage stellen, mit welchen Werten es eine Aufnahme in die EU anstrebe, heißt es.
Das Problem bestehe allerdings nicht erst seit heute, fährt der Autor fort. Vor 16 Jahren verlieh der als prowestlich geltende Präsident Wiktor Juschtschenko Stepan Bandera posthum den Titel „Held der Ukraine“. Die Antwort darauf war ein Beschluss des Europäischen Parlaments auf Initiative polnischer Abgeordneter. Die Führung in Kiew wurde aufforderte, ihre Entscheidung zu überdenken und ihr Bekenntnis zu den europäischen Werten zu bekräftigen. Wie Jerzy Haszczyński am Schluss in der Rzeczpospolita schreibt, wisse er inzwischen nicht einmal mehr, wozu man noch aufrufen sollte. Die Hoffnung auf eine kritische Reflexion seitens der höchsten politischen Führung in Kiew sei kaum noch vorhanden.
Klub Jagielloński: Dankbarkeit ist keine Währung in internationalen Beziehungen
Die Duldung von Symbolen mit Bezug zur SS-Division Galizien. Das Staatsbegräbnis für den OUN-Führer Andrij Melnyk. Äußerungen des Leiters des Ukrainischen Instituts für Nationales Gedenken über eine mögliche Überführung der sterblichen Überreste Stepan Banderas in die Ukraine. Und nun die Benennung des Zentrums für Spezialoperationen „Nord“ nach den „Helden der UPA“. Kiew habe eine klare Grenze überschritten. Nun seien angemessene Gegenreaktionen erforderlich, schreibt indes Maciej Ryk für die Denkfabrik Klub Jagielloński zu der Angelegenheit. Die von Karol Nawrocki erhobene Forderung, Wolodymyr Selenskyj den Orden des Weißen Adlers abzuerkennen, gehe daher in die richtige Richtung.
Das Problem sei jedoch tiefer, lesen wir in der Analyse. Die Ukraine gehe zunehmend dazu über, Symbole und Geschichtsnarrativen zu normalisieren, die in jedem zivilisierten Land auf entschiedenen Widerspruch stoßen sollten. Es gehe längst nicht mehr nur um einzelne nationalistische Gruppen, Aufmärsche in den Straßen von Lwiw oder rot-schwarze Fahnen auf Soldatenfriedhöfen. Selbst der russischsprachige Wolodymyr Selenskyj aus Krywyj Rih, der kaum als traditioneller ukrainischer Nationalist bezeichnet werden könne, so der Autor, sei offenbar zu dem Schluss gekomme, dass politische Gesten gegenüber dieser radikalen Symbolik von Vorteil seien. Das beweise das Ausmaß des Problems.
Wie der Autor erinnert, habe Oppositionsführer Jarosław Kaczyński einst gesagt, mit Bandera werde die Ukraine nicht nach Europa kommen. Heute zeige sich, dass dieses Problem tatsächlich existiere und sich nicht dauerhaft mit Schlagworten über eine strategische Partnerschaft überdecken lasse. Ebenso falsch sei es jedoch, in antiukrainische Ressentiments zu verfallen, heißt es.
Wolhynien sei ein reales und tragisches Kapitel der Geschichte. Das Gedenken an die Opfer, die Exhumierungen und die historische Aufarbeitung seien – entgegen der Auffassung mancher Ukrainer – weder das Ergebnis russischer Propaganda noch eine polnische Erfindung. Es handle sich um eine Frage, die eine Reaktion erfordere. Gleichzeitig dürfe die Außenpolitik, Ryk nach, nicht in erster Linie von Erinnerungspolitik bestimmt werden. In den internationalen Beziehungen gebe es eine Hierarchie der Interessen.
Der Beginn des Krieges habe Polen erheblichen Einfluss auf die Ukraine verschafft, fährt der Autor fort. Die polnische Unterstützung war einer der entscheidenden Faktoren, die es Kiew ermöglichten, den Widerstand gegen Russlands Angriffskrieg fortzusetzen. Theoretisch habe Warschau damals über den größtmöglichen Hebel verfügt. Aus Sicht der polnischen Staatsräson hatte das Überleben der Ukraine als Pufferstaat vor Russland oberste Priorität. Paradoxerweise sei Polen gerade deshalb später zum Gefangenen seiner eigenen Politik geworden. Kiew sei zu dem Schluss gekommen, dass die Unterstützung aus Polen selbstverständlich sei und aus den eigenen Sicherheitsinteressen Warschaus resultiere. Daher müsse die Ukraine dafür keine Gegenleistungen erbringen. Heute reagiere ein Teil der polnischen Politik darauf mit Klagen über „Undankbarkeit“. Dankbarkeit sei jedoch keine Währung in den internationalen Beziehungen, lautet Maciej Ryks Fazit für die Denkfabrik.
Rzeczpospolita: Illusion der Wahl und Krise der Beziehungen
Linke Aktivisten schlagen vor, dass die Stadtverwaltung von Warschau eine nichtkommerzielle Dating-App entwickelt. Zu diesem Vorschlag hat die Publizistin der liberal-konservativen Tageszeitung, Estera Flieger, den Soziologen Prof. Tomasz Szlendak befragt. Der Experte stellt gleich zu Beginn klar, dass er die Idee eines staatlichen „Tinders“ nicht grundsätzlich verspotten würde. Ihm nach hätten Dating-Apps-Unternehmen nämlich kein Interesse daran, dass ihre Nutzer dauerhafte Beziehungen eingehen, da sie dann ihre Produkte nicht mehr nutzen würden.
Suche man nach einer Instanz, der stabile Beziehungen tatsächlich wichtig seien, komme der Staat als erstes in den Sinn, lesen wir im Interview. Der Staat brauche schließlich Kinder, damit das System der Sozialversicherung funktioniere. Entgegen der verbreiteten Annahme liege es nicht im direkten Interesse der Menschen, in festen Partnerschaften zu leben, heißt es weiter. Viele würden zwar erklären, eine ernsthafte Beziehung eingehen zu wollen, doch aus verschiedenen Gründen sei das Leben als Single bequem. Man müsse daher überlegen, in wessen Interesse stabile Beziehungen tatsächlich seien – eine Stadt wie Warschau sollte an einer höheren Geburtenrate interessiert sein.
Menschen scrollen in Dating-Apps endlos weiter, in der Erwartung, jemanden noch Besseren zu finden. Sie lassen sich von der Illusion unbegrenzter Verfügbarkeit immer „attraktiverer Modelle“ ablenken, lesen wir.
In der Geschichte der Menschheit habe die Partnerwahl allerdings stets in begrenzten sozialen Räumen stattgefunden – im Dorf, in der Pfarrei oder in der lokalen Gemeinschaft. Man wählte nicht aus einer Millionenbevölkerung wie in London. Die Kuppler hätten die Auswahl auf die Größe einer Schulklasse begrenzt. Vor einigen Jahrzehnten seien so Beziehungen entstanden, die nicht selten in dauerhafte Partnerschaften mündeten.
Je stärker die Auswahl begrenzt sei – auch räumlich, auf die Pfarrei, die Nachbarschaft oder eine Studiengruppe – desto effektiver sei sie, sagt der Professor. Hinzu komme das Wissen von Heiratsvermittlern über psychische und soziale Eigenschaften der Menschen sowie über die Interessen ihrer Familien. Entscheidungen seien nicht im luftleeren Raum entstanden – sie seien weitgehend rational gewesen. Der Soziologie nach geschehe kaum etwas zufällig, heißt es. Meist würden sich Menschen mit ähnlichem sozialen Status verbinden.
Warum sei eine Heiratsvermittlung besser als eine Dating-App? In Warschau koste das teuerste Paket mehr als 5.000 Euro und richte sich an eine spezifische Kundschaft. In Warschau gebe es ein Büro, das sich ausschließlich um die Heiratsinteressen von Männern mit hohem Status kümmere. Sie könnten es sich leisten, eine professionelle Firma damit zu beauftragen. Dating-Apps würden die Illusion von Auswahl vermitteln. Es gebe den Spruch: „Tinder hört nie auf“. Ein interessantes Match für eine bestimmte Person zu finden, erfordere jedoch viel Zeit, Energie und Wissen – künstliche Intelligenz helfe dabei keineswegs. Die Preise überraschen daher nicht, zumal sie nicht nur in Polen hoch seien, lesen wir am Schluss im Blatt.
Autor: Piotr Siemiński