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"Wir wollen keine Rache, wir wollen ein Grab"

11.07.2026 13:20
Am 11. Juli begeht Polen den Nationalen Gedenktag für die Opfer des Völkermords an den Bürgern der Zweiten Republik – 83 Jahre nach dem „Blutigen Sonntag" in Wolhynien. Während in Warschau über die europäische Deutung der Geschichte gestritten wird, ruft ein ukrainischer Abgeordneter dazu auf, „zuerst die Sprache zu entwaffnen": Darf der Streit über die UPA die militärische Hilfe für die Ukraine berühren? Was erzählt ein wolhynisches Dorf namens Przebraże über das, was 1943 möglich war – und über Ukrainer, die Polen retteten? Und: warum schwiegen die überlebenden Kinder jahrzehntelang und was wollen sie heute? Mehr dazu in der Presseschau.
Rodziny ofiar rzezi wołyńskiej oczekują na odnalezienie ich bliskich
Rodziny ofiar rzezi wołyńskiej oczekują na odnalezienie ich bliskichFoto: @piotrkaszuwara/X

DAMIAN MARKOWSKI: Przebraże – eine polnische Insel im „ukrainischen Meer"

Wie konkret die Ereignisse von 1943 waren, zeigt die Geschichte eines Dorfes bei Luzk. Der Historiker Damian Markowski vom staatlichen Pilecki-Institut, Spezialist für die ehemaligen polnischen Ostgebiete, hat sie im Gespräch mit PAP rekonstruiert. In Przebraże entstand ein befestigter Zufluchtsort, der mehrere Angriffe der UPA abwehrte. Nach vorsichtigen Schätzungen wurden dadurch mindestens 11.000 bis 12.000 Polen gerettet; insgesamt seien 10.000 bis 25.000 Menschen durch den Stützpunkt gegangen.

„In Przebraże entstand ein selbstversorgender Organismus, der sich der UPA entgegenstellte. Das war eine Art polnische Partisanenrepublik", sagte Markowski. Es habe Werkstätten zur Waffenreparatur gegeben, Bäckereien, Feldküchen, Vorratslager, eine organisierte Betreuung Verwundeter und Geflüchteter. Über den Erfolg habe „nicht Zufall, nicht außergewöhnliches Glück" entschieden, sondern „die Fähigkeit, eine gut funktionierende Gemeinschaft zu schaffen".

Markowski widerspricht zugleich der Vorstellung spontaner Nachbarschaftskonflikte. Bereits ab Februar 1943 hätten UPA-Einheiten systematisch polnische Siedlungen angegriffen – als Teil einer Entscheidung der Führung der Organisation Ukrainischer Nationalisten OUN. „Das war keine Serie spontaner Auftritte oder lokaler Konflikte", so der Historiker. „Es war ein Element einer durchdachten politischen und militärischen Strategie." Die OUN habe einen einnationalen Staat angestrebt: „In einem solchen faschistischen Projekt gab es keinen Platz für Polen und auch keinen Platz für Juden."

Zur Symbolfigur wurde der Förster und Unteroffizier Henryk Cybulski, genannt „Harry" – nach Markowskis Worten „einer der herausragendsten und zugleich am meisten unterschätzten Helden der polnischen Geschichte des 20. Jahrhunderts". Cybulski, aus Sibirien nach Wolhynien zurückgekehrt, habe unter Todesstrafe auch Juden versteckt. Der größte UPA-Angriff Ende August 1943, an dem sich nach verschiedenen Schätzungen rund 6.000 Angreifer beteiligten, wurde abgewehrt – auf polnischer Seite kämpfte damals auch eine sowjetische Partisaneneinheit unter Mikołaj Prokopiuk. Markowski betont, es sei kein Bündnis gemeinsamer politischer Ziele gewesen, sondern ein pragmatisches, aus den Bedingungen des Krieges geborenes.

„Przebraże war eigentlich eine polnische Insel, umgeben von einem ukrainischen Meer", sagte Markowski. Warum der Ort dennoch lange wenig bekannt blieb? In der Volksrepublik sei das Thema politisch unbequem gewesen; Cybulski habe zudem in kein Erinnerungsschema gepasst – für die Kommunisten wegen seiner AK-Herkunft kein eigener Held, für die AK-Erinnerung zu kritisch gegenüber der eigenen Führung. Und: „Wir neigen dazu, uns vor allem an spektakuläre Niederlagen oder große Aufstände zu erinnern. Przebraże hingegen ist eine Geschichte des Sieges." Der Ort sei deshalb „kein Symbol des Krieges oder des Todes, sondern ein Symbol der Rettung".

KATARZYNA OSOWSKA-WOŁOS: „Wir wollen keine Rache. Wir wollen ein Grab."

Wer den Gedenktag verstehen wolle, müsse den Überlebenden zuhören – und viele von ihnen schwiegen jahrzehntelang. Die Historikerin Katarzyna Osowska-Wołos vom Krakauer Institut des Nationalen Gedenkens IPN, Autorin des Dokumentarfilms „Zmarłych pogrzebać", hat im PAP-Gespräch die Erinnerungen jener gesammelt, die 1943 Kinder waren. Manche hätten ihre Geschichte erstmals nach 70 oder 80 Jahren erzählt.

Ein Gefühl kehre in fast jeder Aussage wieder: Angst. Besonders schwer zu begreifen sei für die Kinder gewesen, dass die Gewalt häufig aus der unmittelbaren Umgebung kam. „Das waren ihre Nachbarn", sagte Osowska-Wołos – Menschen, die zu Besuch gekommen seien, mit den Eltern auf dem Feld gearbeitet hätten. Die häufigste Überlebensstrategie sei Verstecken gewesen: in Hundehütten, Getreidefeldern, Gräben, Sümpfen, oft stundenlang bewegungslos und stumm. „Die Kinder zeigten eine erstaunliche Reife." Sie hätten verstanden, dass Stille über Leben und Tod entscheiden konnte.

Über die Brutalität müsse man sprechen, um die Trauma zu verstehen, sagte die Historikerin. Viele Morde seien mit landwirtschaftlichen Werkzeugen begangen worden; manche Zeugen hätten später gesagt, sie seien dankbar gewesen, wenn Angehörige durch Schüsse starben. In Ostrówki seien rund 470 Menschen getötet worden, darunter 204 Kinder; in Wola Ostrowiecka unter etwa 581 Opfern 225 Kinder. „Ziel war die Vernichtung der ganzen Gemeinschaft, zusammen mit Frauen, Greisen und Kindern." Einige Forscher verwendeten deshalb den Begriff „genocidium atrox".

Zugleich hebt Osowska-Wołos hervor, was in polnischen Debatten oft untergeht: „Die überwältigende Mehrheit der Kinder, mit denen ich gesprochen habe, überlebte gerade dank der Hilfe von Ukrainern." Teresa Guz, geborene Persona, habe überlebt, weil eine Ukrainerin aus Duliby sie jahrelang versteckte, ihr einen ukrainischen Namen gab und ihr Ukrainisch beibrachte. Wer Polen half, riskierte das Leben der eigenen Familie; man spreche deshalb von ukrainischen „Gerechten". An der Bewertung der Verbrechen als Völkermord ändere das nichts – es zeige aber, dass auch beim Zusammenbruch moralischer Normen Menschen Menschlichkeit bewahrt hätten.

Für viele endete der Krieg nie. „Diese Kinder sahen Dinge, die kein Mensch sehen sollte", sagte die Historikerin. „Für diese Menschen endete der Krieg nicht 1945. Er dauerte in ihrer Erinnerung weitere Jahrzehnte." Psychiater sprächen von transgenerationaler Trauma. Was bleibe, sei das Gefühl von Unrecht wegen fehlender Gräber. Einen Satz höre sie sehr oft: „Wir wollen keine Rache. Wir wollen ein Grab."

MYKOŁA KNIAŻYCKI: „Zuerst müssen wir die Sprache entwaffnen"

Eine ukrainische Perspektive auf den Streit bietet der Abgeordnete der Werchowna Rada, Mykoła Kniażycki, in einem Interview mit der polnischen Nachrichtenagentur PAP. Beide Seiten müssten einen symbolischen Schritt tun, sagte er – zuerst aber müsse man „die Sprache entwaffnen".

Schon die Rede von einem „kalten Krieg" um die Geschichte nannte Kniażycki absurd, „während ein echter, heißer Krieg gegen Russland, unseren gemeinsamen Feind, läuft". Entscheidend sei, welche Zukunft beide Länder anstrebten: „Wollen wir Verbündete sein, auch in der Europäischen Union? Wollen wir, dass Polen ein Anführer Mitteleuropas ist und dass polnische Firmen am Wiederaufbau der Ukraine verdienen können? Oder wollen wir Feinde sein?" Wer Feindschaft suche, finde immer einen Grund.

Scharf kritisierte der Abgeordnete, dass der Geschichtsstreit in Polen zuletzt mit der Frage militärischer Hilfe verknüpft worden sei. Die ukrainische Armee verteidige „nicht nur ihr eigenes Land, sondern auch Polen". Viele Menschen, die heute russischen Luftangriffen ausgesetzt seien, hätten keinen persönlichen Bezug zu den Ereignissen von 1943; über die Verbrechen habe in der Sowjetunion nicht gesprochen werden dürfen.

Kniażycki verurteilte die von ukrainischen Radikalen begangenen Verbrechen, ordnete die Verantwortung jedoch anders ein, als es in Polen üblich ist. „Indem sie Terrorakte und Verbrechen begingen, machten ukrainische Radikale einen kardinalen Fehler", sagte er. „Aber erinnern wir uns daran, dass dafür nur 5 bis 10 Prozent der UPA-Soldaten verantwortlich sind." Zugleich sei in Polen nur ein Teil der gemeinsamen Geschichte präsent: Vergessen werde, dass „der Hintergrund dieser Tragödie die restriktive Politik der Regierung der Zweiten Republik gegenüber der ukrainischen Minderheit war". Als Beispiel für ukrainische Politiker, die gute Beziehungen zu Warschau gesucht hätten, nannte er Wasyl Mudry, Vorsitzenden der Ukrainischen Nationaldemokratischen Vereinigung UNDO und stellvertretenden Sejm-Marschall.

Als Bezugspunkt für eine Annäherung nannte Kniażycki Johannes Paul II., der bei seiner Ukraine-Reise 2001 dazu aufgerufen habe, sich „von der Bitterkeit der Vergangenheit zu befreien". Und er verwies auf einen Appell katholischer und griechisch-katholischer Hierarchen zur „Entwaffnung der Sprache". Besorgt zeigte er sich über wachsende antipolnische Stimmungen in der Ukraine, angeheizt mit Blick auf Wahlen nach dem Krieg: „Es läuft eine Auktion, wer antipolnischer ist." Sein Fazit: „Patriotismus ist nicht, die antipolnische Karte zu spielen, sondern für den Sieg über Russland zu arbeiten."

Autor: Adam de Nisau


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