Deutsche Redaktion

Wird der französische Nuklearschirm Polen schützen oder spalten?

04.03.2026 13:49
Frankreichs Vorschlag eines europäischen nuklearen Abschreckungsprogramms sorgt in den polnischen Medien für eine lebhafte Debatte. Während sich die Regierung von Donald Tusk dem Programm anschließen will, reagiert Präsident Karol Nawrocki verärgert – er sei nicht informiert worden. Wird nach dem SAFE-Streit auch die französische Nuklearinitiative zur neuen Bruchlinie zwischen Regierung und dem Präsidentenpalast? Außerdem: Der bittere Blick einer polnisch-palästinensische Journalistin auf den israelischen Angriff auf den Iran. Und: Ex-Außenminister Jacek Czaputowicz nimmt die Grundsatzrede seines Nachfolgers Sikorski aufs Korn. Mehr dazu in der Presseschau.
Der franzsische Prsident Emmanuel Macron hlt am 2. Mrz 2026 eine Rede auf dem Marinesttzpunkt fr Atom-U-Boote in Ile Longue in Crozon bei Brest, Frankreich. EPAYOAN VALAT  POOL Quelle: PAPEPA.
Der französische Präsident Emmanuel Macron hält am 2. März 2026 eine Rede auf dem Marinestützpunkt für Atom-U-Boote in Ile Longue in Crozon bei Brest, Frankreich. EPA/YOAN VALAT / POOL Quelle: PAP/EPA.Foto: EPA/YOAN VALAT / POOL

RZECZPOSPOLITA: Französischer Nuklearschirm als neuer Zankapfel

Wird der französische Atomschutzschirm Polen schützen, oder ebenso spalten, wie der EU-Verteidigungsfonds SAFE? Dieser Frage geht in der aktuellen Ausgabe der konservativ-liberalen Rzeczpospolita Chefredakteur Michał Szułdrzyński nach. Als Paris Anfang März 2026 verkündete, dass acht Länder Interesse an dem Programm bekundet hätten und Premier Donald Tusk Polens Beitritt angemeldet habe, erinnert der Autor, sei aus dem Präsidentenpalast zu hören gewesen, Präsident Karol Nawrocki habe von den Gesprächen nichts gewusst.

Stattdessen solle Polen lieber eine Teilnahme am amerikanischen Nuclear-Sharing-Programm anstreben. Als Emmanuel Macron erstmals seinen Vorschlag unterbreitete, lesen wir, habe sich der Staatpräsident mit großer Zufriedenheit aufgenommen und und als Zeichen französischer Verantwortung für die europäische Sicherheit gewürdigt. Nur, dass dies im März vergangenen Jahres gewesen sei und der Staatspräsident damals Andrzej Duda hieß. Ob Nawrockis Umgebung ihn „auf eine Mine laufen“ lasse, fragt Szułdrzyński. Leider zeige die Erfahrung, dass die Reaktion des Präsidentenpalastes allzu oft auf Würde basiere, nach dem Motto: „Warum hat mir das niemand gesagt?“ Solche Reaktionen schwächten die Position des Staatsoberhauptes, anstatt sie zu stärken.

Zum Argument, man solle lieber mit den Amerikanern über deren Nuklearprogramm verhandeln, entgegnet der Autor trocken: Dann verhandelt doch. Der Präsident habe angeblich hervorragende Kontakte in die amerikanische Administration, Donald Trump habe ihn erst am Dienstag wieder gelobt.

Doch statt einer sachlichen Diskussion komme von der rechten Seite ein „pawlowscher Reflex“: Die Annäherung an Frankreich könne die amerikanischen Verbündeten verärgern – also solle man lieber stillhalten, selbst wenn man in Washington nichts erreiche. Es habe den Anschein gehabt, so Szułdrzyński, die Rechte habe aus Trumps Unberechenbarkeit gelernt. Die erste Reaktion auf den französischen Vorschlag zeige jedoch, dass die Strategie, „alle Eier in einen Korb – den amerikanischen – zu legen“, weiterhin populär sei. Man müsse hoffen, dass das nukleare Abschreckungsprogramm nicht zum Streitgegenstand zwischen Regierung und Präsident werde. Es wäre schade um die Beziehungen zu Frankreich, mit dem Polen kürzlich ein Abkommen über verstärkte gemeinsame Verteidigung geschlossen habe – ratifiziert ausgerechnet von Karol Nawrocki, so der Autor in der Rzeczpospolita.

DZIENNIK/GAZETA PRAWNA: „Macron hat auf den Ruf der USA geantwortet“

Im Wirtschaftsblatt Dziennik/Gazeta Prawna kommen zwei Experten zu Wort, die Macrons Vorschlag entschieden unterstützen. Der ehemalige polnische Botschafter in Deutschland und Frankreich, Andrzej Byrt, erinnert daran, dass Macron den nuklearen Schutzschirm bereits zuvor Deutschland angeboten habe, damals jedoch ohne Erfolg. Nun seien die Umstände andere: Trump habe die US-Außenpolitik völlig verändert, und seine Politik von „Zuckerbrot und Peitsche“ ziehe auch „politische Gangster“ weltweit an. Putin lobe diesen amerikanischen Politikstil. Offiziell verurteile der Kreml den Angriff auf den Iran, doch unter Putins Anhängern könne man bereits hören, nun könne niemand mehr Russland offiziell tadeln, falls es Europa angreife, da es überzeugt sei, Europa wolle mit den Waffenlieferungen für die Ukraine einen Krieg mit Moskau anzetteln. Macron habe angesichts der Lage im Nahen Osten und der Stimmen aus Russland beschlossen, das formell zu bestätigen, was zuvor nur den Deutschen angeboten worden sei. Und Europa einen nuklearen Schutzschirm anzubieten.

Von Seiten der Opposition in Polen höre man Kritik. Doch Macron wolle die NATO nicht ersetzen. Er sage nur, es seien schließlich die Amerikaner selbst gewesen, die darauf gedrängt hätten, Europa möge stärker werden, um den USA Rückendeckung zu geben, während Washington seine geostrategischen Interessen in Richtung Pazifik und Asien verlagere, so Byrt.

Der Sicherheitsexperte Prof. Maciej Milczanowski von der Universität Rzeszów bestätigt diese Einschätzung: Es handele sich um eine gute Entscheidung Macrons. Zwar seien solche Erklärungen keine hundertprozentigen Sicherheitsgarantien, doch ein wichtiger Faktor für Polen. In einer Situation, in der Russland Nachbarländer überfalle und einen brutalen Krieg führe, dürften Sicherheitsdilemmata keine Rolle mehr spielen: „Wir müssen uns bewaffnen, oder wir überleben möglicherweise nicht.“ Auch Milczanowski betont, Macrons Vorschlag sei eine Ergänzung des NATO-Systems. In Polen behandelten die Gegner der europäischen Integration alles, was nicht aus Amerika komme, als PR-Manöver. Doch beim amerikanischen Nuclear Sharing drückten ebenfalls die Amerikaner den Knopf, nicht die Polen – wenn Frankreich dasselbe auf denselben Grundlagen anbiete, werde es dennoch als Propaganda abgetan. Polen solle weiterhin mit den USA reden und dort Waffen kaufen, aber gleichzeitig eigene europäische Fähigkeiten aufbauen und sich auf ein diversifiziertes Potenzial stützen: das eigene, das europäische und das amerikanische. Man wisse nie, welches dieser „Standbeine“ seinen Dienst versage, so Milczanowski in Dziennik/Gazeta Prawna.

DZIENNIK/GAZETA PRAWNA: „Der Brandstifter aus Tel Aviv“

„Ich bin Polin, ich bin Palästinenserin“, schreibt in ihrer persönlichen Stellungnahme zum Angriff auf den Iran, ebenfalls in Dziennik/Gazeta Prawna, die Journalistin Daria Al Shehabi. Während ihre polnischen Urgroßeltern die Wunden des Krieges und des Nationalsozialismus geheilt hätten, so die Autorin, hätten Israelis in ihrem palästinensischen Heimatdorf einen Pogrom verübt; 1960 sei es dem Erdboden gleichgemacht und durch israelische Siedlungen ersetzt worden.

Wenn sie heute auf die Ereignisse im Iran, im Libanon und in Palästina blicke, sehe sie keine „militärischen Operationen“, sondern Kriege, die von Menschen entfesselt würden, die Diplomatie durch Raketen und Bomben ersetzt hätten. Allein im Iran seien seit Samstag über 780 Menschen getötet worden, darunter 160 Mädchen einer Grundschule in Minab. Ob das die „präzisen Schläge“ seien, von denen die israelische Armee spreche, fragt die Autorin. Netanjahu habe verkündet, man verändere das Gesicht des Nahen Ostens, dies sei die „Dämmerung einer neuen Ära der Freiheit“. Dieses Versprechen klinge wie ein makabrer Witz aus dem Munde eines Mannes, der im eigenen Land den Rechtsstaat demontiere, um dem Gefängnis zu entgehen.

Demokratie, betont Al Shehabi, sei ein Prozess, der von innen wachsen müsse, nicht einer, der aus Bombenlukenschachten abgeworfen werden könne. Afghanistan, Irak und Libyen sollten als Warnung dienen, nicht als Inspiration. Für eine Mutter aus Minab assoziiere sich das Wort „Demokratie“ heute ausschließlich mit dem Krachen einer einstürzenden Decke und dem Tod ihres Kindes.

Auch die offizielle Erzählung vom „präventiven Angriff“ sei mehr als zweifelhaft. Noch vor wenigen Monaten hätten die USA und Israel schließlich verkündet, die iranischen Nuklearanlagen vollständig neutralisiert zu haben. Wenn die Bedrohung beseitigt sei, warum fielen dann wieder Bomben auf Teheran und Beirut? In Wahrheit, urteilt die Publizistin, gehe um die Straße von Hormus, den „geopolitischen Flaschenhals der Welt“, durch den fast 20 Prozent des globalen Öls und ein Drittel des LNG-Gases fließe.

Wer Hormus kontrolliere, halte die Hand am Thermostat der Weltwirtschaft. Für die USA sei dies ein Instrument der Energieerpressung gegenüber China, für Israel ein Mittel, regionalen Rivalen den Sauerstoff abzudrücken. Darüber hinaus nähere ein Regimewechsel in Teheran und die Besetzung des Südlibanon Netanjahu an seinen Lebenstraum: die Schaffung eines „Groß-Israel“ in biblischen Grenzen – vom Nil bis zum Euphrat. Im August 2025 habe Netanjahu offen zugegeben, sich zu dieser „historischen Mission“ berufen zu fühlen.

Europa zünde jedes Jahr Kerzen an und wiederhole „nie wieder“. Doch „nie wieder“ sei kein Ritual, sondern eine Verpflichtung. Wenn das Völkerrecht etwas bedeuten solle, müsse es für alle gelten. Der Nahe Osten brenne wieder – und es gehe nicht mehr nur darum, ob die Welt den „Brandstifter aus Tel Aviv“ aufhalten könne, sondern ob sie im Namen strategischer Kalkulationen die Prinzipien opfere, die alle schützen sollten, so Daria Al Shehabi in Dziennik/Gazeta Prawna.

RZECZPOSPOLITA: „Warum Polen den Deutschen nicht passt“

Der ehemalige Außenminister Jacek Czaputowicz nimmt in der Rzeczpospolita das Exposé seines Nachfolgers Radosław Sikorski aufs Korn. Beobachter auf der Sejmgalerie hätten den Eindruck gewinnen können, Polen stehe kurz vor einem „Polexit“ und verdanke es einzig den heroischen Bemühungen der Regierung, dass es den Briten noch nicht in den Abgrund gefolgt sei. Dabei zeigten aktuelle CBOS-Umfragen, dass 82 Prozent der Polen für die EU-Mitgliedschaft seien, während in Frankreich nur 44 Prozent ihre Mitgliedschaft befürworteten. Wo also liege die wahre Bedrohung für die Europäische Union, fragt der Autor.

Sikorski, lesen wir weiter, habe in seiner Rede festgestellt, die EU habe bei den Olympischen Spielen 164 Medaillen gewonnen, was sie global an die Spitze setze. Es habe nachgeprüft. Und siehe da, es stimme, wir hätten die meisten Medaillen, Afrika dagegen keine. Die Afrikaner, ironisiert Czaputowicz, müssten wohl Naivlinge sein. Denn hätten sie sich integriert, wären sie sicher an uns vorbeigezogen. Aber nein, das hat sicher doch eher mit dem Klima zu tun. Oder doch nicht?

Beunruhigt habe ihn auch, dass Norwegen mehr Goldmedaillen geholt habe als das gesamte Weimarer Dreieck. Ob Norwegen nach einem EU-Beitritt vielleicht so enden würde wie das bevölkerungsmäßig vergleichbare Finnland, das sich „völlig blamiert“ habe und sogar hinter Polen gelandet sei, so Czaputowicz weiter.

Sikorski, so Czaputowicz, sei der Ansicht, es sei besser, mit den Deutschen zu reden, wenn sie innerhalb der EU sind als außerhalb. Das sei schwer zu bestreiten. Allerdings hätten ihn Berichte einer der Zeitungen beunruhigt, laut denen Deutschland Polen geringschätze. Viele Deutsche glaubten offenbar, Danzig und Breslau lägen in der ehemaligen DDR. Für sie sei Polen eine Art inneres Hinterland, eine Verlängerung der östlichen Bundesländer, hinter der der wahre und ersehnte Nachbar liege – Russland. Die Deutschen müssten demnach zudem immer im Zentrum stehen, gewissermaßen der „Nabel von allem“ sein.

Der Kerngedanke des Berichts lasse sich wie folgt zusammenfassen: „Ich sage es ganz offen: Die Deutschen missachten Polen und schmälern seine wachsende Rolle in Europa. Den Deutschen passt dieses Polen nach wie vor nicht, weil sie weiterhin Bewunderung, Begeisterung, Angst, Liebe und Hass gegenüber Russland empfinden. Und Polen? Schließlich habe der Deutsche Polen überfallen, kolonisiert, zerstört – und was nun? Polen ist plötzlich sauberer, sicherer. Wie soll er darauf reagieren?“

Die Autorin dieser unbeabsichtigten Glosse zu Sikorskis Expose, sei die in Berlin lebende Schriftstellerin Magdalena Parys, die der Gazeta Wyborcza ein Interview gegeben habe. Ist das ein Zeichen neuer Zeiten, fragt Jacek Czaputowicz in der Rzeczpospolita.

Autor: Adam de Nisau


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