GAZETA WYBORCZA: „Poczobut endlich frei“ – ein Mann, der zurück nach Belarus will
Die linksliberale Gazeta Wyborcza widmet der Freilassung des polnischen Journalisten Andrzej Poczobut einen persönlichen Reportagebericht von Bartosz T. Wieliński, der den Befreiten in einem Kleinbus des polnischen Inlandsgeheimdienstes ABW von der weißrussischen Grenze nach Warschau begleitete. Wieliński schreibt, er verfasse seinen Text auf einer Waldstraße – während Poczobut gerade mit Frau und Tochter telefoniere und sie bitte, seine Eltern über die Freilassung zu informieren.
Poczobuts Schilderungen aus der Haft seien erschütternd, lesen wir. Bei seiner Ankunft im Straflager in Nowopołock habe er sofort die Schreie eines gefolterten Mitgefangenen gehört. Ein Lager-Kapo habe die Neuankömmlinge angewiesen, laut zu schreien, um die Rufe des Geschlagenen zu übertönen – Poczobut sei, wie er selbst erzählt, der Einzige gewesen, der nicht geschrien habe. Vom stellvertretenden Gefängnischef habe er anschließend zu hören bekommen: „Poczobut, uns geht es nicht darum, dass du tot bist, sondern dass du lebst.“ Um seine Gesundheit habe sich jedoch niemand geschert. „Zwei Jahre lebte ich bei offenem Fenster. Winter, Sommer“, zitiert ihn der Autor. 167 Tage habe Poczobut im Karzer verbracht, auf blanken Brettern schlafend. 2021 habe man ihn zur Einschüchterung in den Trakt der zum Tode Verurteilten gesperrt.
Besonders bewegend sei der Moment der Übergabe an der Grenze in Białowieża, schildert Wieliński. Von belarussischer Seite sei ein abgemagerter Mann gekommen, geführt von einem maskierten Agenten – die ersten Worte Poczobuts auf polnischem Boden seien gewesen: „Werde ich zurückkehren können?“ Bei seiner Überstellung ins Lager 2023 habe Poczobut 93 Kilogramm gewogen, jetzt nur noch 74. Im Wagen telefoniere er pausenlos mit Bekannten und wiederhole: Er wolle nach Belarus zurück, denn „die polnischen Belarussen dürfen nicht ohne Schutz bleiben“. Auf die Frage, warum er das tun wolle, antworte Poczobut, dass die Aktivisten der polnischen Minderheit ihm einst gesagt hätten, das Lukaschenko-Regime werde ihnen ihr Polentum nicht verzeihen – „ich kann sie nicht zurücklassen“, zitiert Poczobut sein Redaktionskollege und Vize-Chefredakteur der Gazeta Wyborcza, Bartosz Wieliński.
RZECZPOSPOLITA: Lukaschenkos Kalkül – Menschen als Tauschware
Rusłan Szoszyn von der konservativ-liberalen Rzeczpospolita ordnet die Freilassung politisch ein. Der Journalist und einer der Anführer der polnischen Minderheit in Belarus sei nach fünf Jahren in den Kasematten des Diktators Aleksandr Lukaschenko endlich frei – lange habe man auf diesen Erfolg der polnischen Diplomatie warten müssen, schreibt der Autor.
Doch die Freilassung sei mehr als ein humanitärer Akt, betont Szoszyn. Sie eröffne eine zerbrechliche, aber reale Hoffnung auf einen Wandel der Politik Minsks. Mit plötzlichen prodemokratischen Reformen sei zwar nicht zu rechnen, doch Tatsache sei, dass Lukaschenko an einer Erwärmung der Beziehungen zum Westen, einschließlich Polens, gelegen sei. Der weißrussische Diktator sei „brutal und rücksichtslos“ und entlasse keine Gefangenen aus humanitären Beweggründen, lesen wir. Aber er sei ein erfahrener Politiker und sehe sehr wohl, dass Wladimir Putin keine Lösung für seinen seit über fünf Jahren andauernden Krieg gegen die Ukraine habe. Der sich hinziehende Konflikt, die Sanktionen und die Isolation belasteten die wirtschaftliche Lage Belarus’, dessen Abhängigkeit vom östlichen Nachbarn kritische Ausmaße annehme.
In dieser möglicherweise entscheidenden Stunde für die Zukunft von Belarus, so der Autor, müsse die freie Welt den Diktator nicht nur dazu bringen, alle unschuldig Verurteilten freizulassen, sondern auch die seit 2020 in Gang gesetzte Repressionswalze anzuhalten. „Der Tropfen höhlt den Stein“, schließt Rusłan Szoszyn in der Rzeczpospolita.
GAZETA WYBORCZA: „Kryptoblamage auf eigenen Wunsch“
Wojciech Czuchnowski von der Gazeta Wyborcza analysiert unter dem Titel „Kryptoblamage auf eigenen Wunsch“ die wachsende Affäre um die Kryptobörse Zondacrypto und ihre russischen Verbindungen. Präsidialminister Zbigniew Bogucki habe „keine glückliche Miene“ gemacht, als er gestern habe erklären müssen, dass Präsident Karol Nawrocki nichts mit der Affäre Zondacrypto und den Moskauer Verflechtungen der zusammenbrechenden Kryptobörse zu tun habe. Bogucki, der jeden Sachverhalt umzudeuten vermöge und schwarz für weiß erklären könne, habe diesmal vermutlich nicht einmal sich selbst überzeugt, spöttelt der Autor.
Obwohl der Skandal um die Unterstützung von Zondacrypto sowohl die nationalkonservative PiS als auch die rechte Konfederacja betreffe, sei es Präsident Nawrocki, der zum Gesicht der Affäre geworden sei – und das nicht nur, weil er von allen Politikern, die an der Türklinke der „russischen Eintreiber“ gehangen hätten, das höchste Amt bekleide. Nawrocki habe sich diese Blamage selbst eingehandelt, schreibt Czuchnowski, obwohl er aus der „in die Katastrophe rasenden Straßenbahn Zondacrypto“ ohne größere Verluste an mindestens mehreren Stationen hätte aussteigen können. Als der Sejm das Gesetz über die Kontrolle des Kryptoasset-Marktes erstmals verabschiedet habe, hätte der Präsident es einfach unterzeichnen können. Damit hätte er den Verdacht der Parteilichkeit und das Begleichen vor den Wahlen aufgenommener Schulden gegenüber dem Sponsor seiner Kampagne vermeiden können, lesen wir.
Stattdessen habe Nawrocki ein Veto eingelegt, das im Dezember vergangenen Jahres von PiS und Konfederacja „bereitwillig“ unterstützt worden sei. Geheime Informationen über Zondacrypto, die Premier Donald Tusk in einer geschlossenen Sitzung des Sejm übergeben habe, hätten die Opposition statt zum Nachdenken nur zur Wut gebracht. Auch danach habe der Präsident weitere Gelegenheiten gehabt: Von den Geheimdiensten habe er alarmierende Vermerke erhalten – nicht nur über die Übernahme von Zondacrypto durch die russische Mafia. Im Februar habe die Börse erste Anzeichen von Liquiditätsverlust gezeigt, doch dies habe auf den Präsidenten keinerlei Eindruck gemacht; er habe ein weiteres Gesetz mit einem Veto belegt, erneut im Bündnis mit PiS und Konfederacja.
Afera Zondacrypto. Dlaczego Karol Nawrocki wetował ustawę, skoro wiedział o zagrożeniach. #wyborcza
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— Gazeta Wyborcza (@wyborcza.pl) April 29, 2026 at 8:30 AM
Heute sei die Milch vergossen, schreibt Czuchnowski, und in der Debatte tauche die Frage auf, ob Nawrockis Präsidentschaftskampagne aus russischen Geldern finanziert worden sei. Selbst wenn diese Frage zu weit gehe – die Versuche, dem Lager Tusks die Verantwortung zuzuschieben, seien „peinlich“. Die Zonda-Verbindungen des Präsidenten und der heutigen Opposition seien indiskutabel. Das Logo von Zondacrypto werde nicht von den Tausenden Fotos und Filmen verschwinden, auf denen sich PiS-, Konfederacja- und Nawrocki-Leute drängten, wer von ihnen näher stehe. „Von der Krypto-Affäre Nawrockis werden ihn nicht einmal tausend Boguckis losreißen, selbst wenn jeder von ihnen der größte Recke aus dem präsidialen Kraftraum wäre“, schließt Wojciech Czuchnowski seinen Kommentar in der Gazeta Wyborcza.
SUPER EXPRESS: Putins Siegesparade ohne Panzer – „zum ersten Mal seit 1945“
Das Boulevardblatt Super Express widmet sich indes der dramatisch geschrumpften Siegesparade in Moskau. Wie Piotr Miedziński berichtet, werde Russland am 9. Mai 2026 erstmals seit 1945 die Feierlichkeiten zum Tag des Sieges auf dem Roten Platz ohne Kolonnen schweren Militärgeräts begehen. Das russische Verteidigungsministerium habe die Entscheidung mit der „aktuellen operativen Lage“ begründet – weder Panzer noch Raketen würden in diesem Jahr aufgefahren.
Der Autor erinnert daran, welche Bedeutung der 9. Mai für Russlands politische Mythologie habe. Seit über zwei Jahrzehnten sei das Fest zur Grundlage einer geradezu sakralen Erzählung geworden, in der Präsident Wladimir Putin Jahr für Jahr behaupte, der Krieg gegen den Nazismus sei nie zu Ende gegangen, sondern werde heute an der ukrainischen Front in neuer Form weitergeführt. Traditionell habe die Parade zur Schaustellung modernster Waffen gedient – von Interkontinentalraketen bis zu T-90-Panzern. Nun aber, so Super Express, werde dieser Pfeiler der Selbstinszenierung gekappt.
Die Entscheidung, lesen wir, werde allgemein als unmittelbare Folge der Furcht vor ukrainischen Drohnenangriffen auf russisches Gebiet gedeutet, bis hin nach Moskau selbst. In den letzten Monaten habe die Ukraine ihre Drohnenangriffe intensiviert und reiche immer tiefer in russisches Territorium hinein. Die Präsentation teurer und strategischer Ausrüstung auf dem Roten Platz könnte „in der gegenwärtigen Lage als zu großes Risiko“ gelten und ein potentielles Ziel für ukrainische Streitkräfte bieten. Hinzu komme die Sorge, ein Fliegeralarm über dem Roten Platz während der Übertragung könnte das vom Kreml so sorgsam gepflegte Bild von Ordnung und Kontrolle beschädigen. Die Ukraine entwickle zudem fortgeschrittene ballistische Raketen wie die FP-9, die eine Reichweite von bis zu 850 Kilometern erreichten und schwer abzufangen seien.
Ein zweiter Grund sei die Belastung der russischen Streitkräfte durch den Krieg in der Ukraine, so der Autor. Viele Analysten gingen davon aus, dass ein bedeutender Teil des modernen Geräts, das normalerweise auf der Parade gezeigt würde, derzeit an der Front gebunden sei. Die Unmöglichkeit, das volle Spektrum der Bewaffnung zu präsentieren, könnte die vom Kreml so sorgfältig konstruierte Erzählung von der „russischen militärischen Macht“ unterminieren. Die abgespeckte Parade könne daher auch ein Versuch sein, mögliche Engpässe oder Materialverschleiß zu kaschieren. Bereits in den vergangenen Jahren – nach der Invasion 2022 – habe man eine schrittweise Reduktion beobachtet: 2024 sei überhaupt nur ein einziger Panzer auf dem Roten Platz gerollt, ein historischer T-34-85, über den ein russischer Kommentator stolz gesagt habe, er funktioniere „trotz mehr als 80 Jahren seit Verlassen der Fabrik“.
Für Putin sei dies eine besondere Herausforderung, schreibt Super Express. Auch wenn der Kreml die Entscheidung als rationale Sicherheitsmaßnahme darstelle, lasse sie sich „als weiterer Beweis dafür deuten, dass der Krieg in der Ukraine seine Spuren in Russland hinterlässt“. Im vergangenen Jahr seien noch über zwanzig ausländische Staatschefs zur Parade angereist, darunter Chinas Staatschef Xi Jinping, Serbiens Präsident Aleksandar Vučić und der slowakische Premier Robert Fico – in diesem Jahr sei die Liste ausländischer Gäste noch nicht veröffentlicht, was darauf hindeuten könne, dass der Kreml mit weniger prominenten Besüchern rechne. Auch dies, so Piotr Miedziński, zeuge von der wachsenden internationalen Isolation Russlands.
Autor: Adam de Nisau