RZECZPOSPOLITA: Polens Sicherheit entscheidet sich auch in der Ukraine
Historische Konflikte dürften Polen und die Ukraine nicht von ihrem gemeinsamen Sicherheitsinteresse abbringen, mahnt Jerzy Surdykowski in der konservativ-liberalen Tageszeitung Rzeczpospolita. Über gemeinsame Geschichtsbücher könne man nach einem Sieg über Russland streiten.
Der Autor erinnert an Julian Starostecki: Der Veteran von Monte Cassino habe später an der Patriot-Rakete mitgewirkt. Beide hätten gehofft, die Ukraine werde Polen und Litauen in die Freiheit folgen.
Umso bitterer, so der Autor, falle heute sein Urteil über Washington aus: Die USA ließen sich ihre Hilfe bezahlen, verweigerten aber europäischen Verbündeten die Zustimmung zur Weitergabe von Patriot-Raketen an Kiew. Wie viele Winter unter russischen Bomben könne die Ukraine noch durchstehen?
Warum Polen auf eine russische Niederlage setzen müsse? Vor allem aus historischen Gründen: Nach dem verlorenen Krimkrieg sei das Zarenreich reformiert worden. Die Niederlagen im Ersten Weltkrieg hätten zum Sturz des Zaren beigetragen. Auf den Afghanistan-Krieg seien der Zerfall der Sowjetunion und das Ende der kommunistischen Herrschaft gefolgt. Militärische Rückschläge Russlands könnten demnach Veränderungen ermöglichen, die seinen Nachbarn mehr Freiheit eröffneten. Diese Hoffnung verbinde Surdykowski auch mit dem ukrainischen Widerstand. Deshalb brauche dessen Unterstützung Mut und Geduld.
KRYTYKA POLITYCZNA: Gebraucht auf dem Arbeitsmarkt, allein im Alltag
Wie tragfähig das polnisch-ukrainische Zusammenleben innerhalb Polens sei, untersucht Olena Babakova auf dem linken Portal Krytyka Polityczna. Ihre Warnung: Das größte Problem sei kein bevorstehender Massenexodus, sondern die gesellschaftliche Isolation jener Ukrainer, die blieben.
Sinkende Zahlen im Register für Schutzberechtigte belegten nicht automatisch eine entsprechende Ausreisewelle. Veränderungen bei der Registrierung könnten einen erheblichen Teil des Rückgangs erklären. Viele Ukrainer hätten Arbeit, ihre Kinder besuchten polnische Schulen, sie hätten sich über Jahre ein neues Leben aufgebaut.
Das bedeute jedoch keineswegs, dass sie sich zugehörig fühlen. Babakova beschreibt wachsende Ressentiments, Schwierigkeiten in Schulen und langwierige Aufenthaltsverfahren. Selbstständigkeit und wirtschaftlicher Nutzen schützten nicht vor Ausgrenzung.
Die Antwort könne deshalb nicht allein darin bestehen, immer neue Zahlen über den Beitrag der Ukrainer zum Bruttoinlandsprodukt vorzulegen. Entscheidend sei, unter welchen Bedingungen sie künftig lebten. Wirtschaftliche Integration ohne persönliche Bindungen drohe zu einem dauerhaften Nebeneinander zu werden, so Olena Babakova in Krytyka Polityczna.
KLUB JAGIELLOŃSKI: Nachbarn gewinnen, statt nur Arbeitskräfte anzuwerben
Aus konservativer Perspektive kommt Paweł Łapiński vom Klub Jagielloński in derselben Debattenreihe zu einer verwandten Diagnose: Ukrainer seien besser in Polens Wirtschaft als in seine Gesellschaft integriert.
Die Unternehmen hätten die Zuwanderer bereitwillig aufgenommen. Häufig arbeiteten sie jedoch in schlechter bezahlten Tätigkeiten oder unter ungünstigeren Bedingungen. Eine Migrationspolitik, die vor allem günstige Arbeitskräfte bereitstelle, könne kurzfristig Gewinne bringen, überlasse die gesellschaftlichen Folgekosten aber der Allgemeinheit.
Polen müsse deshalb klären, was es den Menschen anbiete und was es von ihnen erwarte. Ihre Kinder sollten die polnische Sprache, Geschichte und Kultur kennenlernen und die Möglichkeit erhalten, Polen eines Tages selbst als Heimat zu wählen. Gemeint sei keine erzwungene Assimilation, sondern ein tatsächlich zugänglicher Platz in der Gemeinschaft.
Integration liege damit im langfristigen Staatsinteresse: Sie könne gesellschaftliche Spannungen und die Entstehung paralleler Lebenswelten begrenzen. Arbeitsverträge allein reichten dafür nicht.
PULS BIZNESU: Europas Wachstum hat viele polnische Adressen
Polens wirtschaftlicher Aufstieg beschränke sich längst nicht auf die Hauptstadt, schreibt Gabriel Chrostowski in der Wirtschaftszeitung Puls Biznesu. Unter den 30 wachstumsstärksten EU-Regionen lägen zwölf in Polen – bei insgesamt 17 statistischen Regionen des Landes.
Grundlage sei die Entwicklung des realen Bruttoinlandsprodukts zwischen 2019 und 2024. Die Rangliste klammere irische Regionen wegen statistischer Verzerrungen durch internationale Konzerne aus. Innerhalb Polens führe Pommern mit einem Zuwachs von 17,7 Prozent über den gesamten Zeitraum.
Wie tief der Wandel reiche, illustriere Łódź: Die einstige Textilstadt habe nach dem Zusammenbruch ihrer alten Wirtschaftsstruktur neue Schwerpunkte in Logistik und Unternehmensdienstleistungen entwickelt. Trotz Pandemie, Krieg und weltwirtschaftlicher Turbulenzen ziehe Polens Wachstum viele Regionen mit.
RZECZPOSPOLITA: Wachstum allein stoppt die Schulden nicht
Einen nüchternen Gegenakzent setzt Paweł Czuryło in der Rzeczpospolita. Polens hohes Wachstum löse die Probleme der Staatsfinanzen nicht von selbst. Entscheidend sei, den Anstieg der Verschuldung zu bremsen.
Vor der Parlamentswahl im kommenden Jahr scheuten Regierung und Opposition jedoch die Debatte über unbequeme Entscheidungen. Ob Sozialleistungen stärker an Einkommen gekoppelt oder Ausgaben begrenzt werden sollten, gelte politisch als gefährliches Terrain. Stattdessen seien weitere Versprechen zu erwarten. Czuryłos Frage: Brauche es wirklich erst eine Finanzkrise, bevor die Politik solche Reformen anpacke?
Autor: Adam de Nisau