RZECZPOSPOLITA: „Die Kapitulation des Donald Trump"
Am Wochenende hat US-Außenminister Marco Rubio den Rückzug der USA aus der Vermittlerrolle zwischen Kiew und Moskau verkündet. Es sei erstaunlich, mit welch schwachem Echo diese Aussage aufgenommen worden sei – wohl, weil ohnehin schon lange niemand mehr geglaubt habe, dass Trump an einer Lösung des Ukraine-Konflikts irgendetwas gelegen sei, schreibt Bogusław Chrabota in seinem Kommentar für die konservativ-liberale Rzeczpospolita.
Wie der Autor erinnert, habe Rubio eingeräumt, dass derzeit keine Gespräche stattfinden, er aber auf eine Wende hoffe, da der Krieg nur durch ein ausgehandeltes Abkommen beendet werden könne. Ein erneutes Engagement Amerikas sei laut dem Politiker jedoch nur dann möglich, wenn es Aussichten darauf gebe, dass die Gespräche „produktiv und nicht kontraproduktiv" verlaufen und „Früchte tragen" könnten. Man sei nicht daran interessiert, sich in einen „endlosen Zyklus von Treffen" zu verstricken, die zu nichts führten.
Schockierend sei vor allem, lesen wir, dass „der Berg eine Maus geboren" habe: Gespräche unter Beteiligung des US-Präsidenten, die die ganze Welt in Atem hielten, würden nun mit den von zahlreichen Euphemismen durchzogenen Worten des Außenministers enden. Bezeichnend sei, dass Trump selbst dazu kein Wort verloren habe – derselbe Trump, der im Wahlkampf laut einer Zählung des Senders CNN ganze 54 Mal versichert habe, er werde „den Krieg in der Ukraine innerhalb von 24 Stunden" nach seiner Rückkehr ins Weiße Haus beenden. Heute überlasse er die Kommunikation Rubio, so unangenehm und unpassend sei ihm das Thema für sein Image des „politischen Wundertäters" geworden.
Was aber bedeute der Rückzug für die Ukraine? „Viel und wenig zugleich", so Chrabota. Die Amerikaner hätten sich aus einem Spiel zurückgezogen, das ihnen keinen Erfolg habe bringen können. Es werde also keinen Druck Trumps auf Moskau mehr geben – und der Ukraine blieben in ihrer mörderischen Konfrontation die eigene Entschlossenheit und „echte Freunde", nämlich die europäischen Verbündeten. Mit der „Kapitulation" Amerikas in der Verhandlungsfrage ende zugleich auch der Druck der USA, sich den territorialen Forderungen Putins zu unterwerfen.
Manche Experten, fährt der Autor fort, hielten dies sogar für eine gute Entwicklung, da Trumps Rolle zweideutig oder offen prorussisch gewesen sei. Zwar dürften die russischen Raketenangriffe auf Kiew nun zunehmen – sie hätten sich zuletzt ohnehin verschärft –, doch auch sie würden wenig ändern: Die Ukraine verteidige sich und greife immer wirksamer an, und der Abnutzungskrieg wende sich langsam gegen Russland. Hinzu komme ein Schlag aus Peking: Das mangelnde Interesse Chinas am Bau der Pipeline „Kraft Sibiriens 2" (Sila Syberii 2) sei nicht nur ein Affront gegen Putin, sondern auch ein ernstes Problem beim Verkauf jener Kohlenwasserstoffe, die den Krieg finanzierten.
Fazit: Der Konflikt werde wohl allmählich verglimmen – ohne Trump, der eine schwere Image-Schlappe einstecke. „Doch ehrlich gesagt interessiert das auf unserem Planeten kaum noch jemanden", schreibt Chrabota. Ernsthafte Menschen hätten längst verstanden, dass Trumps Politik eher ein „mediales Konstrukt" als durchdachtes Handeln sei: Er rede viel, doch daraus folge wenig. Die Verhandlungen müssten nun professionelle Diplomaten übernehmen, die „nach Trump aufräumen" – auch wenn dies viel Zeit in Anspruch nehmen werde, so Bogusław Chrabota in der RZECZPOSPOLITA.
NEWSWEEK POLSKA: „Die Paranoia des Zaren" – warum das Regime nicht zurück kann
Das liberale Wochenmagazin NEWSWEEK POLSKA vertieft die Frage nach Russlands Verfassung in einem ausführlichen Interview, das Maciej Nowicki mit dem russischen Journalisten und politischen Analytiker Andriej Kolesnikow führt – einem mehrfach ausgezeichneten Publizisten, der unter anderem für die „Nowaja Gazeta" schrieb und dessen jüngstes Buch „The Closing of the Russian Mind" (2026) der Ideologie des Putinismus gewidmet ist.
Auf die Frage, warum Putin verkündet habe, das Kriegsende sei nahe, und welches verborgene Ziel er verfolge, antwortet Kolesnikow grundsätzlich: Die Quelle der gegenwärtigen Politik – sofern man das überhaupt Politik nennen könne – sei eine „Weigerung, die Wirklichkeit anzuerkennen". In Putins Seele stecke ein Widerspruch: Er halte sich für mächtig genug, jeder Krise die Stirn zu bieten, und die Erfahrung zeige, dass man die Russen „zu allem zwingen" könne und sie es ertragen. Zugleich aber ziehe sich der Krieg hin, und Putin könne das militärische Ziel – einen schnellen Sieg – nicht erreichen.
Deshalb brauche er eine ständige Eskalation, denn diese mobilisiere die Gesellschaft in gewissem Maße. Das sei heute der Kern des Regimes und seines persönlichen Überlebens, so der Analytiker: „Dieses Regime kennt keinen Rückwärtsgang, es kann nur nach vorne – manchmal mit Pausen, aber niemals zurück, denn das würde eine Lockerung der Zügel bedeuten." In nächster Zeit werde es daher keine Pause im Krieg geben; vor uns liege „ein langer Weg, selbst bis zum Beginn von Verhandlungen". Auf die Frage, ob der Krieg, wie der russische Schriftsteller Dmitrij Głuchowski meine, zehn Jahre dauern werde, antwortet Kolesnikow, das wisse niemand – auch Putin selbst nicht, dem der Mut zur Entscheidung fehle. Denn was komme nach dem Krieg? Wie solle man die zurückkehrenden Soldaten- und Häftlingsmassen wieder ins zivile Leben eingliedern, wenn Arbeitsplätze fehlten?
Geht es nach Kolesnikow, sei die russische Gesellschaft in Bezug auf den Krieg gespalten: Etwa 20 Prozent seien „Turbopatrioten" und aktive Konformisten, rund 20 Prozent unterstützten Putin nicht oder lehnten ihn entschieden ab. In der Mitte aber stehe eine große Gruppe von 60 Prozent, die alles unterstütze, was „von oben" komme – nicht aus Überzeugung, sondern weil sie schlicht die Meinung des Staates übernehme. Diese Menschen, so der Analytiker, nehmen eine „embryonale Haltung" ein: „Ich weiß nichts. Ich bin wie ein kleines Kind." Ebenso, wie einst die berühmten 80 Prozent Zustimmung zur Sowjetmacht „über Nacht" hätten kippen können, könne sich auch die Unterstützung für die „militärische Spezialoperation" jederzeit ändern.
Hinsichtlich der Gefahr für Polen und die NATO-Ostflanke, wo unablässig gewarnt werde, Putin werde eines Tages Polen oder ein anderes NATO-Land angreifen, vertritt der Experte die These, dass Putin – die Ukraine ausgenommen – an Eroberungen gar nicht sonderlich interessiert sei, sondern eher „imaginäre Grenzen" zwischen Russland und dem Westen markieren wolle. Einerseits sei die Angst in Polen verständlich, da Putin Europa und die NATO als seinen Hauptfeind darstelle und den Konflikt deshalb eskaliere. Andererseits habe seine Eskalation auch ein gewisses Limit: Es fehle an Ressourcen – finanziellen, physischen, menschlichen, psychologischen. Die Grenzen der „russischen Welt" (russkij mir) seien für ihn deutlich markiert: Die östliche, südliche und zentrale Ukraine solle Teil dieser Welt werden. Was aber Polen, die baltischen Staaten und Finnland betrifft, verstehe Putin, dass er diese Gebiete nicht physisch, militärisch und kulturell einnehmen könne. Er sei daran nicht interessiert. “Die Ukraine – ja. Die Ostflanke Europas – nicht mehr”, so Andriej Kolesnikow im Gespräch mit NEWSWEEK POLSKA.
GAZETA WYBORCZA: „In ein paar Jahren gehen wir an die US-Börse"
Die linksliberale GAZETA WYBORCZA veröffentlicht in ihrem Wirtschaftsteil indes ein Gespräch mit Stefan Batory – dem Gründer der Buchungsplattform Booksy, einer der bekanntesten polnischen Marken weltweit. Mathematiker von Ausbildung und Unternehmer von Beruf, hatte Batory die Plattform 2015 gegründet, nachdem er für einen Physiotherapie-Termin selbst zahlreiche Anrufe und SMS hatte tätigen müssen.
Heute nutzten Booksy 60 Millionen Menschen, berichtet Batory – je 30 Millionen in den USA und in Europa, was bereits fast zehn Prozent der amerikanischen Bevölkerung entspreche. Den Wert solcher Netzwerk-Unternehmen mache nicht das Produkt selbst aus, sondern die Skalierung: „Facebook wäre nicht Facebook, WhatsApp nicht WhatsApp und Instagram nicht Instagram, hätten sie nicht eine gewaltige Größe erreicht." Booksy sei ein zweiseitiges Netzwerk aus Salons und Kunden – je mehr Salons, desto größer der Wert für die Konsumenten, und umgekehrt.
Wie der Unternehmer beobachtet, sei der US-Markt trotz härtester Konkurrenz operativ am leichtesten zu skalieren: Man brauche nur eine englische und eine spanische Version, einen Zahlungs- und einen SMS-Dienstleister, und habe sofort Zugang zu Hunderten Millionen Menschen. Europa hingegen sei zwar theoretisch ein einheitlicher Markt, in der Praxis aber eben nicht. Um ganz Europa zu „gewinnen", müsse man Tschechien, die Slowakei, Ungarn, die Beneluxstaaten, Rumänien und viele weitere Länder einzeln erobern – mit jeweils eigenen Sprachen, Regulierungen und Gewohnheiten. So gebe es in Polen das Bezahlsystem Blik, in Frankreich oder Spanien aber nicht. Es sei nicht die Last der einzelnen Vorschrift, sondern ihre schiere Zahl: Die europäischen Länder funktionierten weiterhin als getrennte „Silos".
Der US-Markt habe ihn dafür vor kulturellen Herausforderungen gestellt, lesen wir. Während Polen ein hochgradig homogener Markt sei, seien die USA als Einwanderungsland äußerst divers – so gebe es dort Friseure, die sich ausschließlich auf asiatisches, afroamerikanisches oder europäisches Haar spezialisierten, was eine Umgestaltung des Produkts nach demografischen Gruppen erzwungen habe. Von den Amerikanern könne man vor allem das „soziale Vertrauenskapital" lernen, betont Batory: Sie seien weit eher bereit, Neues auszuprobieren, und würden nicht von vornherein annehmen, betrogen zu werden. In Polen habe man zu Beginn oft gehört: „Wenn Booksy so billig ist, hat die Sache bestimmt einen versteckten Haken." Umgekehrt sei es für ihn ein Schock gewesen, dass man in Polen keine Fachkurse absolvieren muss, um Friseur zu werden, während die obligatorische Schulung in den USA durchschnittlich 1200 Stunden dauere, drei Mal länger als der Kurs für Polizisten, nach dem man eine Waffe tragen müsse. Er, so Batory, gehe auch heute noch immer häufig in unterschiedliche Salons und spreche mit Kunden sowie Angestellten, unabhängig davon, ob diese bei seinem Portal angemeldet sind oder nicht. Wertvoll sei für ihn dabei vor allem das negative Feedback, denn positives „wiege die Wachsamkeit in den Schlaf".
Auf die abschließende Frage, wann Booksy an die amerikanische Börse gehe, antwortet der Gründer pragmatisch: Theoretisch könne man dies sofort tun, doch wolle man dort nicht bloß „Plankton" sein und außerhalb des Radars der großen Investoren bleiben. Nach der eisernen Regel „erst die Masse, dann die Form" wolle man zunächst weiter wachsen – realistisch sei der Börsengang eine Frage von vier oder fünf Jahren, so Stefan Batory im Gespräch mit der GAZETA WYBORCZA.
Autor: Adam de Nisau