RZECZPOSPOLITA: Die Basis als strategisches Kalkül und gutes Geschäft
Die endgültige Entscheidung über einen ständigen US-Stützpunkt in Polen werde frühestens am 1. Dezember fallen, womöglich auch einige Wochen später, schreibt Jędrzej Bielecki in der konservativ-liberalen Rzeczpospolita unter Berufung auf Regierungsquellen. Sie, so der Autor, sei Teil einer Neuordnung der amerikanischen Militärpräsenz in Europa, bei der eines feststehe: Es werde weniger US-Soldaten geben. Wo gekürzt werde, entscheide am Ende Donald Trump. Erschwert werde die Lage durch das zerrüttete Verhältnis des Kongresses zu US-Kriegsminister Pete Hegseth und durch die Zwischenwahlen im November, bei denen die Demokraten als Favoriten gelten. In diesem Kontext sei es „nicht sonderlich geschickt", dass Präsident Karol Nawrocki die Basis „Fort Trump" nenne, heiße es aus der polnischen Regierung.
Entscheidend, so der Publizist, seien jedoch nicht persönliche Sympathien zwischen Politikern, sondern die neue US-Sicherheitsstrategie. Europa tauche darin, nach der Verteidigung der westlichen Hemisphäre und des Pazifiks, an dritter Stelle auf, mit dem Verweis auf eine gerechtere Lastenteilung zwischen den USA und Europa. Polen werde dabei an erster Stelle genannt. „Russland betrachtet den Krieg in der Ukraine als Teil der Konfrontation mit den USA. Washington sieht das nicht so, aber es sieht die wachsende Abhängigkeit Moskaus von Peking. Und es will die Einflussgrenzen dieses chinesisch-russischen Blocks klar abstecken. Genau dazu soll die ständige Basis in Polen dienen", zitiert das Blatt seine Quellen. Mit guten Beziehungen Nawrockis zum Weißen Haus habe das wenig zu tun.
Nicht zuletzt sei die Basis aber auch ein gutes Geschäft, so Bielecki. Warschau biete Investitionen in Milliardenhöhe, und in der Hauptstadt kursierten Gerüchte, die Amerikaner könnten im Gegenzug auf den Auftrag für das zweite polnische Atomkraftwerk hoffen. Ein formales Junktim verbiete das europäische Recht. Doch schon jetzt machten die USA in Polen glänzende Geschäfte, vom ersten Atomkraftwerk bis zu Rüstungskäufen in Milliardenhöhe. Eine ständige Basis bliebe darauf „nicht ohne Einfluss", so Jędrzej Bielecki in der Rzeczpospolita.
RZECZPOSPOLITA: Putins Gefangene als Verhandlungsmasse?
In einer Analyse für dieselbe Zeitung attestiert Rusłan Szoszyn der US-Politik gegenüber Russland ein „Syndrom des unbeschriebenen Blattes", genauer gesagt das Fehlen einer Politik. Die Moskau-Reisen von Steve Witkoff und Jared Kushner hätten nichts gebracht, die von Kreml-Gesandtem Kirill Dmitrijew beworbenen Rohstoff-Deals scheiterten an der Ukraine und Europa. Nun berichte „The Atlantic" über eine neue Idee: Trumps Gesandter John Coale, der mit Alexander Lukaschenko die Freilassung von fast 500 politischen Gefangenen gegen Sanktionserleichterungen ausgehandelt habe, wolle dieses Modell auf Moskau übertragen. Trump habe zugestimmt.
Für die russischen Gefangenen wäre das eine gute Nachricht, für Europa eine schlechte, warnt Szoszyn. Der Deal mit Belarus habe eine Logik gehabt, denn Minsk schicke keine Soldaten in den Krieg und beschieße keine ukrainischen Städte. Russland dagegen könnte so zu einem sehr niedrigen Preis eines seiner Kernziele erreichen, die Lockerung der Sanktionen. Und es könnte die Frage eines Waffenstillstands weiter ignorieren, die bislang Bedingung für jede Sanktionslockerung gewesen sei. Wer in Europa daran erinnere, würde mit den in Putins Lagern sterbenden Dissidenten unter Druck gesetzt. Das Regime hätte wiederum kein Problem, die Gefängnisse mit neuen Geiseln zu füllen. Szoszyn schließt mit einem historischen Vergleich. Es wäre so, als wäre Premier Chamberlain nach dem deutschen Überfall auf Polen 1939 zu Hitler gereist, um über die Freilassung von Gegnern des Dritten Reiches zu verhandeln, und hätte dafür die Rückkehr zu Handelsabkommen angeboten.
GAZETA WYBORCZA: „Polen beschämt Deutschland"
Die linksliberale Gazeta Wyborcza richtet den Blick indes auf die Ostsee und auf Deutschland. Während Deutschland Probleme mit der Energiewende habe, setze Polen die größten Energieprojekte der Region effizient und ohne Verzögerungen um, schreibt Ireneusz Sudak. Als Beleg verweist er auf einen Bericht des NDR. Demnach drohe dem geplanten BP-Windpark vor Helgoland das Aus, seit der Konzern wieder auf Öl und Gas setze. Offshore-Windkraft sei teuer und riskant, weshalb auch andere Konzerne weltweit Projekte zurückgefahren hätten.
In Polen sei die Ostsee dagegen zum „gelobten Land" für Investoren geworden. Es herrsche seltener politischer Konsens: Das Fördergesetz sei nahezu einstimmig verabschiedet worden, nur die Konfederacja und zwei PiS-Abgeordnete hätten dagegen gestimmt. Der erste Park liefere seit Juli Strom, weitere sollen 2027 und 2028 folgen. Ende September sei in Władysławowo der Grundstein für eine weitere Servicebasis gelegt worden, in einem Ort, der bislang vor allem für das „Parawaning" bekannt gewesen sei, also das Abstecken von Strandabschnitten mit Windschutzwänden. Zum Teil sei der Erfolg allerdings Zufall, räumt der Autor ein: Als die PiS-Regierung 2016 die Windkraft an Land blockiert habe, habe sie zugleich den Weg auf die Ostsee geöffnet. „Hier können wir Berlin ein Vorbild sein", resümiert Sudak in der Gazeta Wyborcza.
NEWSWEEK POLSKA: „Sport im Blut"
Das liberale Wochenmagazin Newsweek Polska fragt indes: Warum schämt sich die Welt nicht für Putins Champions? Je brutaler Putins Armee die Ukrainer bombardiere, desto bereitwilliger öffne sich die Welt für russische Sportler, betont Rafał Stec. Der Sport sei wohl Russlands letzte verbliebene Soft Power. Sinnbild dafür sei Eishockeystar Alexander Owetschkin. Er sei im Wahlwerbespot der Kreml-Partei Einiges Russland neben Sergej Lawrow aufgetreten und spiele dennoch unbehelligt in der NHL bei den Washington Capitals. Sein Fall zeige, dass die Sanktionen gegen den russischen Sport voller Schlupflöcher seien.
Den Kern des Problems sieht Stec im IOC. Es habe im Juli die vollständige Normalisierung der Beziehungen zum russischen Sport empfohlen. Darin, so der Autor, liege ein „deprimierendes Paradox". Verbannt habe die olympische Bewegung Russland, als es „nur" einmarschiert sei. Zurück nehme sie es nun, obwohl man von Butscha, von verschleppten ukrainischen Kindern und von Angriffen auf Zivilisten wisse. Das Signal sei so durchdringend wie Luftschutzsirenen: Eskalation zahle sich aus. Kritisch sieht der Autor auch IOC-Präsidentin Kirsty Coventry, die fast ein Jahrzehnt Ministerin im autoritären Simbabwe gewesen sei. Wäre es nicht logisch anzunehmen, fragt er, dass sie an ethische Kompromisse gewöhnt sei?
Für Polen werde es vor allem beim Volleyball konkret. Der Weltverband FIVB habe die Russen wenige Stunden nach der IOC-Empfehlung wieder eingeladen, und ab 2027 sollen auch russische Klubs in den europäischen Wettbewerben spielen. Duelle mit polnischen Teams seien dann praktisch unausweichlich. PZPS-Chef Sebastian Świderski nenne den Beschluss schockierend und werde niemanden zwingen, aufs Feld zu gehen, der moralische Bedenken habe. Zum Schluss erinnert Stec an den Stanley-Cup-Sieg der Capitals 2018. Damals hätten die russischen Spieler den Pokal nach Moskau gebracht, Putin getroffen und die Trophäe mit Kaviar füllen lassen. Gegessen hätten die Gäste ihn „nicht mit Teelöffeln, sondern mit Esslöffeln", so Rafał Stec in Newsweek Polska.
Autor: Adam de Nisau