RZECZPOSPOLITA: „Niemand bedauerte Selenskyjs Absenz"
Die konservativ-liberale RZECZPOSPOLITA zieht in einem ausführlichen Kommentar von Chefredakteur Michał Szułdrzyński Bilanz der Danziger Konferenz zum Wiederaufbau der Ukraine (Ukraine Recovery Conference, URC 2026). Er sei ohne große Erwartungen angereist, so der Autor: Eigentlich habe er ein Manöver zur Schadensbegrenzung erwartet – nach dem Eklat um die Benennung einer Eliteeinheit nach den „Helden der UPA" (Ukrainische Aufständische Armee), die Staatspräsident Karol Nawrocki dazu bewogen habe, Selenskyj den Orden des Weißen Adlers (Order Orła Białego) abzuerkennen, woraufhin der ukrainische Präsident seinen Besuch in Polen abgesagt habe.
Die größte Überraschung aber sei gewesen, dass kaum jemand die Abwesenheit Selenskyjs bedauert habe – im Gegenteil, es habe Erleichterung geherrscht, und zwar, wie der Autor betont, gerade unter Vertretern westlicher Staaten. Manche Gesprächspartner hätten gemeint, Selenskyj habe ein schwer zu akzeptierendes Spiel begonnen, statt strategisch über das Verhältnis zu Polen nachzudenken. Dadurch, dass er Premierministerin Julia Swyrydenko nach Danzig entsandt habe, habe sich die Konferenz auf das Konkrete konzentrieren können – auf Wiederaufbau, Verträge, die Verzahnung von Wirtschaft, Selbstverwaltung und Militär. Ein Diplomat habe mit Verärgerung angemerkt, Selenskyj sei angesichts seiner militärischen Erfolge „noch trotziger und konfliktbereiter" geworden; ein anderer, der ukrainische Präsident habe sich offenbar entschlossen, um eine weitere Amtszeit zu kämpfen, und die Innenpolitik über seine Präsenz in Danzig gestellt.
Positiv überrascht habe ihn auch der Veranstaltungsort, so Szułdrzyński. Zwar hätten manche Diplomaten gespöttelt, die Wahl Danzigs sei nur eine Laune des Premiers Donald Tusk gewesen – schöne Bilder mit Staats- und Regierungschefs in seiner Heimatstadt und ein Spiel gegen den bei der Konferenz übergangenen Präsidenten Nawrocki. Doch Tusk habe in seiner Eröffnungsrede den Bogen geschlagen: Danzig sei einst zerstört und wiederaufgebaut worden, und dank der Einheit des Westens gegen Russland werde auch die Ukraine wiederaufgebaut. Bundeskanzler Friedrich Merz habe daran angeknüpft und von der Überwindung der Geschichte und der Notwendigkeit gemeinsamen Handelns gesprochen. So seien die historischen Lasten, die über der Konferenz schwebten, in eine Hoffnung auf Versöhnung und Wiederaufbau verkehrt worden. Auch die Professionalität der polnischen Organisatoren wie der ukrainischen Seite hebt der Autor hervor – die ukrainischen Regionen hätten sich vorzüglich präsentiert und es erneut verstanden, eine wirksame Erzählung der kämpfenden Ukraine aufzubauen.
In einer Frage aber habe sich nichts bewegt, so der bittere Befund: Die Ukrainer hätten aus dem Streit um die UPA keine Lehren gezogen. Ein ukrainischer Politiker habe ihm in Danzig versichert, die Krise werde von polnischen Politikern geschürt, die Viktor Orbán nachahmen und auf einer antiukrainischen Stimmung politisches Kapital aufbauen wollten. Er selbst habe zwar sowohl die antiukrainische Welle in der polnischen Debatte als auch Nawrocki kritisch kommentiert, schreibt Szułdrzyński – doch der Streit gehe nun einmal auf Selenskyjs Entscheidung zurück, nicht auf eine Feindseligkeit polnischer Politiker; der UPA-Kult sei weder für die Rechte noch für die Linke in Polen hinnehmbar. Wenn ukrainische Eliten tatsächlich glaubten, auf diesem Kult lasse sich ein moderner Patriotismus errichten, sei das ein weiteres Signal, dass in der Ukraine „etwas Beunruhigendes" vor sich gehe, so der Publizist in der RZECZPOSPOLITA.
GAZETA WYBORCZA: „Putin lebt in Illusionen"
Eine Innenansicht des Kremls liefert in der aktuellen Ausgabe der linksliberalen GAZETA WYBORCZA Wacław Radziwinowicz. Womit sich die Großmachtträume des russischen Herrschers nährten? Mit Illusionen und geschickt untergeschobenen Lügen, so der Autor. Bei einer Luftfahrtschau habe man Putin gleich drei „neue" und „vollständig" russische Passagiermaschinen präsentiert – den Suchoi Superjet 100, die Il-114-300 und die MS-21. Jede von ihnen habe eine lange Geschichte, die eher von Abstürzen als von Höhenflügen handle: Die Serienproduktion komme nicht in Gang, Termine würden immer weiter verschoben, und ein Drittel des veralteten Maschinenparks werde in den nächsten vier Jahren verschrottet. Putin aber sei zufrieden gewesen und habe befunden, die neuen Flugzeuge seien besser als westliche. Die Zeitung KOMMERSANT habe dies mit dem Titel „Suchoi Superbudget" verspottet und mit dem Wunsch versehen, das neue Zeitalter möge „kein Zeitalter der Steinaxt" werden.
Putin, lesen wir weiter, werde betrogen – oder lasse sich, wie die Russen sagten, „gern betrügen". Als klassisches Beispiel nennt der Autor den Besuch des Regisseurs Oliver Stone im Kreml 2017: Der Gastgeber habe stolz eine Aufnahme vom „Angriff unserer Flieger auf Terroristen in Syrien" vorgeführt – tatsächlich habe der Film den Einsatz eines amerikanischen Apache-Hubschraubers in Afghanistan gezeigt, unterlegt mit dem Funkverkehr ukrainischer Piloten über dem Flughafen Donezk. Die Fälschung habe ihm sein eigener Generalstab montiert und untergeschoben. Da Putin das Internet meide und Zeitungen verachte, beziehe er sein Wissen über Russland vor allem aus den „grünen Mappen" seines Föderalen Schutzdienstes (FSO) – und überprüfe es nicht. Ein früherer Redakteur des Staatssenders Rossija 1 habe sogar gestanden, an einer täglichen Nachrichtensendung für einen einzigen Zuschauer mitgewirkt zu haben: Putin. Alles habe den „grünen Mappen" entsprechen und dem Zaren gefallen müssen – eine Szene, die den Autor an den portugiesischen Diktator Salazar erinnert, dem man eine Zeitung in einem einzigen Exemplar druckte, die nur Positives zu berichten hatte.
Kein Wunder, dass Putin voller Optimismus sei, schreibt Radziwinowicz: In seiner Welt rücke die Armee unaufhaltsam vor. Von dem Dorf Mala Tokmatschka, das die Russen seit anderthalb Jahren immer wieder „einnehmen", wisse er nichts; dafür wisse er genau, dass er über die Wunderrakete „Oreschnik" verfüge, mit der er sich seit acht Jahren brüste. In seine „grünen Mappen" sei wohl nie der Bericht gelangt, wonach in der Superrakete ein veralteter sowjetischer Kreiselkompass verbaut sei, der sie um Dutzende Kilometer verfehlen lasse. Beim Abschuss am 24. Mai seien Sprengköpfe auf Garagen in Bila Zerkwa bei Kiew und nahe Donezk niedergegangen – doch auch das hätten ihm seine Generäle als gezielte „Übung" erklärt, so der Autor in der GAZETA WYBORCZA.
GAZETA.PL: Warum Lewandowski Chicago wählte
Das linksliberale Nachrichtenportal GAZETA.PL beleuchtet die Hintergründe des am Wochenende angekündigten Wechsels von Robert Lewandowski in die USA. Der Journalist Sebastian Staszewski, Autor des Buches „Lewandowski. Der Wahre", schildere im Gespräch mit dem Sportportal WP SportoweFakty die Kulissen des Transfers. Der Vertrag mit Chicago Fire solle dem Boulevardblatt FAKT zufolge mit allen Zusatzleistungen rund 20 Millionen Dollar pro Saison wert sein – samt einer Beteiligung am Verkauf von Trikots mit seinem Namen; es wäre nach jenem von Lionel Messi der zweithöchste Kontrakt der MLS.
Lewandowski habe lange gezögert, so der Gesprächspartner: Der Besuch in Chicago habe ihn beeindruckt, doch er habe auf ein Angebot aus Saudi-Arabien gehofft. Vom Markt sei er überrascht gewesen. Manche Optionen seien früh ausgeschieden – der FC Porto habe ihn gewollt, doch in Portugal habe er nicht spielen wollen; auch aus Turin habe es Signale gegeben, die italienische Liga habe ihn aber nicht gereizt. Von Anfang an habe er nur zwei Richtungen erwogen: die USA und Saudi-Arabien. Doch die Saudis zwinkerten nur und meldeten sich nicht; ihre Sportdirektoren verfolgten die Weltmeisterschaft und suchten dort nach Kandidaten, zumal es in der Region wegen der Spannungen zwischen dem Iran und den USA erneut unruhig sei. Lewandowski habe nicht länger warten wollen und sich für Chicago Fire entschieden – den einzigen Klub mit einem konkreten Angebot, der ihm die Rolle der zentralen Figur und einen Zweijahresvertrag biete, so Staszewski.
SUPER EXPRESS: Eine polnische Tradition in Chicago
Die Boulevardzeitung SUPER EXPRESS feiert den Wechsel als Sensation: Der „bestinformierte Transfer-Journalist der Welt", Fabrizio Romano, habe das Geschäft mit seinem berühmten „Here we go!" für besiegelt erklärt; der Kapitän der polnischen Nationalmannschaft verlasse Europa und reihe sich in der MLS unter die Weltstars ein. Für Chicago Fire bedeute der Transfer eine Rückkehr zu einer schönen polnischen Tradition, heißt es im Blatt: Seinen bislang einzigen MLS-Titel habe der Klub 1998 geholt – damals mit Piotr Nowak, Jerzy Podbrożny und Roman Kosecki als treibender Kraft. Nun solle ein weiterer großer polnischer Star der Mannschaft, die in der Eastern Conference vorn mitspiele, zu altem Glanz verhelfen. In der Liga spielten überdies Marco Reus, Thomas Müller und Antoine Griezmann; Lewandowski folge den Spuren Messis, so das Blatt.
Autor: Adam de Nisau