Deutsche Redaktion

"Selenskyj schadet der Ukraine" — Nawrocki wartet — Stimmung verschlechtert sich

30.06.2026 12:50
Der Konflikt zwischen Warschau und Kiew um die Geschichtspolitik dominiert weiterhin die polnischen Zeitungskommentare. Schadet Selenskyj mit dem Rückgriff auf den ukrainischen Nationalismus vor allem sich selbst und den EU-Ambitionen der Ukraine? Was plant das Präsidentenlager in Warschau? Und wie stark hat der Streit die Einstellung der polnischen Gesellschaft gegenüber Ukrainern beeinflusst? Mehr dazu in der Presseschau.
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Здымак мае ілюстрацыйны характар. Marek Studzinski/pixabay.com/CC0 Public Domain

RZECZPOSPOLITA: „Selenskyj schadet der Ukraine – und sucht einen Schuldigen"

Die konservativ-liberale RZECZPOSPOLITA eröffnet die Debatte mit einem scharfen Kommentar von Michał Szułdrzyński. An Selenskyjs Ankündigung, ein Pantheon ukrainischer Nationalhelden zu errichten, falle vor allem die konfrontative Haltung auf. „Niemand wird den Ukrainern vorschreiben, welche Helden sie zu ehren haben", habe der Präsident erklärt – mit deutlichem Bezug auf den jüngsten Streit mit Polen, der nach der Benennung einer Eliteeinheit als „Helden der UPA" (Ukrajinska Powstanska Armija, Ukrainische Aufständische Armee) ausgebrochen sei.

Das sei ein schwerer Fehler, so Szułdrzyński, und zwar nicht nur mit Blick auf Polen. Auch westliche Medien hätten die Kontroversen aufgegriffen: „Le Monde" und „France 24" verwiesen auf die Ermordung nicht nur von Polen, sondern auch von Juden durch ukrainische Nationalisten, die „FAZ" schreibe von der moralischen Ambivalenz der von Selenskyj geehrten Helden.

Schlimmer noch: Selenskyj gieße Wasser auf die Mühlen der russischen Propaganda, die von Beginn an behauptet habe, die „militärische Spezialoperation" diene der „Entnazifizierung" Kiews. Im Westen habe das niemand geglaubt, weil die Erzählung von einem ukrainischen Juden, der den Nazismus wiederherstelle, wenig überzeugend gewesen sei. Heute aber wirke es wie ein tragisches Paradox der Geschichte, dass ausgerechnet der Präsident mit jüdischen Wurzeln sich immer stärker in einen Nationalismus-Kult einbringe, der Episoden der Kollaboration mit dem Dritten Reich und des Antisemitismus gekannt habe.

Damit schade sich Selenskyj selbst, meint der Autor, denn er entferne sich vom Westen; mit einem Nationalismus-Kult werde die Annäherung an EU und NATO schwer. Es sei denn – so Szułdrzyńskis zugespitzte Vermutung –, Selenskyj wisse bereits, dass es für diese Annäherung keine Chance gebe, und habe begonnen, einen Schuldigen zu suchen, um sagen zu können, „rachsüchtige Polen" hätten die europäischen und atlantischen Ambitionen blockiert. In der Ukraine möge das jemand glauben, im Westen jedoch nicht, so Michał Szułdrzyński in der Rzeczpospolita.

RZECZPOSPOLITA: Ein gemeinsames Pantheon statt Streit

Einen versöhnlichen Gegenentwurf liefert in derselben Zeitung Bogusław Chrabota. Auch er nimmt Selenskyjs Worte zum Verfassungstag der Ukraine zum Ausgangspunkt, die in Polen als konfrontativ aufgenommen worden seien. Chrabota schlägt vor, der gemeinsamen polnisch-ukrainischen Geschichte nicht nur polarisierende, sondern auch verbindende Gestalten zu entnehmen – als „intellektuelles Training" für die Polen selbst. Die Redaktion der Rzeczpospolita, so der Autor, könne sich dabei auf das politische Vermächtnis von Jerzy Giedroyć berufen, dessen nach ihm benannten Preis sie jährlich verleihe und unter dessen Preisträgern viele Ukrainer seien. Insgesamt nennt Chrabota 17 Persönlichkeiten mit verbindendem Potential. Zu den bekanntesten gehören: der Dichter Juliusz Słowacki, dessen Werk von ukrainischer Landschaft und Folklore durchdrungen sei; der Komponist Karol Szymanowski, geboren im heute ukrainischen Tymoszówka; die Staatsmänner Symon Petljura und Józef Piłsudski als Architekten des polnisch-ukrainischen Bündnisses von 1920, die Seite an Seite gegen den bolschewistischen Einmarsch gekämpft hätten; Jerzy Giedroyć und Bohdan Osadczuk als Begründer der Pariser „Kultura", die über Jahrzehnte das intellektuelle Fundament der polnisch-ukrainischen Aussöhnung gelegt hätten; sowie der frühere Staatspräsident Lech Kaczyński, Fürsprecher guter Beziehungen zu Kiew, Befürworter des NATO- und EU-Beitritts der Ukraine und Unterstützer der Anerkennung des Holodomor (Große Hungersnot 1932–33) als Völkermord. Die Brüderlichkeit zwischen Polen und Ukrainern, so Chrabota, sei nicht nur eine erhabene Idee, sondern eine Frage konkreter Lebensentscheidungen und harter Arbeit vieler herausragender Menschen.

DZIENNIK/GAZETA PRAWNA: „Selenskyj provoziert, Nawrocki wartet"

Wie das Präsidentenlager in Warschau auf den Konflikt reagiert, beschreibt Daria Al Shehabi im Wirtschaftsblatt DZIENNIK/GAZETA PRAWNA. Im Umfeld Nawrockis würden die Entscheidungen Kiews als Teil einer konsequent verfolgten Geschichtspolitik gelesen. Der Präsidentenpalast wolle jedoch nicht sofort reagieren. „Wir nehmen diese Ankündigung mit Kühle auf, denn Selenskyjs Handeln hat provokativen Charakter, und wir werden kein Element eines von Kiew geschriebenen Szenarios sein, das überdies die russische Propaganda stärkt", zitiert das Blatt einen Vertreter der Präsidentschaftskanzlei. Die Entscheidungen des ukrainischen Präsidenten seien vor allem nach innen gerichtet – auch um Korruptionsskandale zu überdecken.

Man werde nicht heftig reagieren – die „Verbrecher unter dem UPA-Zeichen" werde man jedoch konsequent als Täter eines Völkermords benennen, zitiert die Zeitung einen Vertreter der Präsidentschaftskanzlei. Eine Rücknahme der Hilfe für den sich gegen Russland verteidigenden Staat ziehe niemand in Betracht; man solle den Ukrainern weiter helfen, die politischen Kontakte zu Selenskyj und seinem engsten Umfeld aber begrenzen.

Entscheidend werde der 11. Juli – der symbolische Jahrestag des Wolhynien-Massakers (Wołyń). Die polnische Antwort könne vor allem auf symbolischer Ebene erfolgen, und zwar wohlüberlegt während der Gedenkfeiern, wenn der Präsident das Wort ergreife. In Warschau rechne man mit Provokationsversuchen und einer breiten Desinformationsoperation, die die antiukrainische Stimmung in Polen verstärken könne. Es zeichne sich eine Doppelstrategie ab – weitere Unterstützung für die Ukraine bei zugleich kühleren Kontakten zu ihrem Präsidenten, verbunden mit einer harten Antwort im Bereich der Erinnerung. Der erste Test stehe bald bevor, so Daria Al Shehabi in Dziennik/Gazeta Prawna.

GAZETA WYBORCZA: Das ambivalente Bild der UPA

Eine bewusst differenzierende Stimme bringt die linksliberale GAZETA WYBORCZA mit einem Beitrag des Kunsthistorikers Sergiusz Michalski. Dass ausgerechnet ein Mann mit einem so „verworrenen Lebenslauf" wie Karol Nawrocki als Hüter der Ehre des Ordens des Weißen Adlers auftrete, sei ein Maß für den Verfall des öffentlichen Lebens in Polen. Michalski erinnert daran, dass Nawrocki im November 2025 denselben Orden dem ultrarechten Schriftsteller Waldemar Łysiak verliehen habe – unter anderem dafür, dass dieser den Euromaidan von 2014 als Ausdruck eines „banderistischen Nazismus" bezeichnet habe.

Acht Monate später habe Nawrocki dem „Kriegshelden" Selenskyj den Orden entzogen. Diese Sache sei jedoch deutlich komplizierter, so der Autor: Man könne etwa jenen UPA-Einheiten den Heldenstatus kaum absprechen, die im Mai 1946 gemeinsam mit der Untergrundorganisation WiN („Wolność i Niezawisłość", Freiheit und Unabhängigkeit) in blutigen Kämpfen Hrubieszów befreit hätten. Marian Gołębiewski – ein tapferer Soldat der Heimatarmee AK und der WiN, der selbst gegen die UPA gekämpft habe und für das Massaker an Ukrainern 1944 in Sahryń mitverantwortlich gewesen sei – habe sich später für ein Bündnis mit der UPA eingesetzt.

Michalski schreibt aus persönlicher Betroffenheit: Als Nachkomme einer Familie aus Wolhynien, die in den Massakern von 1943 zwei Angehörige verloren habe, wisse er sehr wohl, dass es in der UPA „sehr viele Verbrecher, aber auch etliche Helden" gegeben habe. Es sei nicht Sache der Polen, den Ukrainern die eigene Geschichtsvision aufzuzwingen, so Sergiusz Michalski in der Gazeta Wyborcza.

PORTAL OBRONNY: Wie sich der Streit in der Gesellschaft niederschlägt

Welche Folgen der Konflikt für das gesellschaftliche Klima hat, beleuchtet das Verteidigungs- und Sicherheitsportal PORTAL OBRONNY auf Grundlage einer Meldung der Agentur PAP. Die antiukrainische Stimmung in Polen dringe zunehmend aus dem Netz in den Alltag. Berichte des Instituts für Politische Kritik (Instytut Krytyki Politycznej) und des Analysezentrums Res Futura sowie Warnungen von Tomasz Chłoń, dem Beauftragten des Außenministeriums für die Bekämpfung internationaler Desinformation, zeichneten ein beunruhigendes Bild. Hinter dem Phänomen stehe nicht nur eine natürliche gesellschaftliche Ermüdung, sondern vor allem russische Desinformation, die wirksam auf Künstliche Intelligenz zurückgreife.

Ukrainer in Polen würden Diskriminierung am Arbeitsplatz, bei der Wohnungssuche und im öffentlichen Raum erfahren – häufig ausgelöst allein durch den Gebrauch der ukrainischen Sprache. Die Studie „Wir sind nicht zu Hause" (gestützt auf 25 Tiefeninterviews) zeige, dass selbst gut integrierte Personen eine Abkühlung der Beziehungen wahrnehmen; viele reagieren mit Schweigen oder ziehen ihre Sprache aus dem öffentlichen Raum zurück. Die Spannungen hätten sich nach der Benennung der Militäreinheit nach „Helden der UPA" weiter verschärft.

Laut der Res-Futura-Analyse („Das Bild der Ukraine und der Ukrainer in den polnischen sozialen Medien", Zeitraum 1. bis 21. Juni 2026) sei inzwischen im Schnitt jeder fünfte Beitrag über die Ukraine kritisch; klammere man neutrale Einträge aus, seien neun von zehn negativ. Der Anteil sei seit Anfang Mai von 15,4 auf 22 Prozent gestiegen, und „jede Krise hebt dieses Niveau, das dann nicht mehr sinkt", wird Michał Fedorowicz zitiert. Für die Zeit vor dem Gedenktag am 11. Juli erwarte er eine weitere Eskalation des UPA-Themas.

Russland, lesen wir weiter, beeinflusse gezielt Sprachmodelle, darunter populäre Chatbots. „Immer häufiger erhalten wir, wenn wir eine Suchmaschine oder etwa ChatGPT befragen, Antworten, die weniger kritisch gegenüber Russland ausfallen", warne Chłoń, weil die KI aus einem von russischen Narrativen „vergifteten Brunnen" schöpfe. Russland habe – so der zitierte Bericht – umgerechnet rund 2,15 Milliarden Dollar (185 Milliarden Rubel) für Desinformationskampagnen gegen EU und NATO aufgewendet, ein Anstieg um 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Unterstützung für die ukrainische Sache sei in Polen von 50 Prozent zu Kriegsbeginn auf inzwischen unter 30 Prozent gefallen. Schwer durchzudringen sei dagegen mit positiven Befunden – etwa, dass ukrainische Firmen und Beschäftigte ein Vielfaches dessen zum polnischen Haushalt beitragen, was sie an Hilfe erhalten, so Portal Obronny unter Berufung auf PAP.

Autor: Adam de Nisau


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